Die Philipps-Universität Marburg koordiniert ein internationales Projekt zur Erhaltung der Biodiversität. Es soll neue Wege für Naturschutz in Afrika eröffnen.
In vielen Regionen Afrikas treffen zwei Entwicklungen aufeinander: Der Verlust von Biodiversität verändert Ökosysteme, während gleichzeitig Landwirtschaft, Siedlungen und Infrastruktur in Wildtierlebensräume vordringen. Dadurch steigen Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren, etwa wenn Elefanten Felder zerstören oder Raubtiere Nutztiere reißen.
Oft hat das erhebliche wirtschaftliche Folgen für ländliche Haushalte. Das internationale Projekt „PEACE – Participatory Engagement for Adaptation and Conservation Efforts“ nutzt moderne, automatisierte Technologien für das Biodiversitätsmonitoring und entwickelt gemeinsam mit den Menschen vor Ort Lösungen, die Naturschutz und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung verbinden. Es wird von der Förderlinie „Biodiversa+“ mit über 1,8 Millionen Euro gefördert.
„Viele Naturschutzprogramme scheitern daran, dass sie lokale Interessen nicht ausreichend einbeziehen oder Entscheidungen auf zu wenigen Daten beruhen“, erklärte der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Björn Vollan, der das Projekt gemeinsam mit der Naturschutzökologin Prof. Dr. Nina Farwig leitet. Das Besondere an „PEACE“ ist die Kombination aus modernem Biodiversitätsmonitoring, verhaltenswissenschaftlicher Forschung und Beteiligung der lokalen Bevölkerung.
„Sensoren, Kameras und zum Teil auch KI liefern heute nahezu in Echtzeit Daten darüber, wie sich unsere Natur verändert“, erläuterte Farwig. „Wir nutzen diese Technologien, um Biodiversität automatisch zu erfassen. Mit diesen Biodiversitätsdaten unterstützen wir dann gezielt lokale Entscheidungsprozesse.“
In Bürgerräten und einem transdisziplinären Panel arbeiten Wissenschaft, Praxis und lokale Akteur*innen zusammen. Das Projekt knüpft dabei an Vorarbeiten mit Bürgerräten in Bogotá an, in denen rund neun von zehn Teilnehmenden angaben, echte Einflussmöglichkeiten gehabt zu haben, und fast alle fanden ihre Perspektiven in den finalen Empfehlungen wieder. Ergänzt wird das durch verhaltenswissenschaftliche Methoden wie Lernspiele und Zukunftsformate, in denen mögliche Entwicklungen gemeinsam durchgespielt werden.
„So sollen Entscheidungen über Naturschutzmaßnahmen besser auf Daten gestützt werden und gemeinsam mit den betroffenen Communities praktikable Strategien und faire Ausgleichsmodelle entstehen, beispielsweise wenn Schutzmaßnahmen wirtschaftliche Interessen berühren“, berichtete Vollan. „Die experimentellen Lernspiele bauen dabei auf früheren Spieldesigns unseres Teams im südlichen Afrika auf und machen typische Zielkonflikte im Alltag – etwa Ernteverluste, Wildtierbegegnungen und Kompensationsfragen – diskutierbar.“
An dem Projekt sind internationale und interdisziplinäre Forscherinnen und Forscher beteiligt: Die Philipps-Universität Marburg bringt Expertise aus Wirtschaftswissenschaften und Biologie ein, unterstützt wird das Projekt zudem von renommierten Forschungseinrichtungen wie dem Beijer Institute of Ecological Economics der Royal Swedish Academy of Sciences, der ETH Zürich, der Universität Innsbruck und der Utrecht University. In Afrika arbeiten die University of KwaZulu Natal und die University of Fort Hare direkt vor Ort mit lokalen Communities zusammen. Außerdem kooperiert das Projekt mit Praxispartnern wie der Peace Parks Foundation sowie weiteren assoziierten und unterstützenden Partnern, unter anderem in Mosambik.
Das Projekt wird von der europäischen Förd#e „Biodiversa+“ gefördert und hat eine Laufzeit von 36 Monaten, mit Start im April. Das Gesamtbudget beträgt über 1,8 Millionen Euro. Biodiversa+ wurde 2021 von BiodivERsA und der Europäischen Kommission im Rahmen der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 ins Leben gerufen und finanziert Forschungsprojekte zu Biodiversität und Ökosystemleistungen.
* pm: Philipps-Universität Marburg