Geschafft! Mehr als eine Stunde habe ich in der wahlkabine gesessen und meine Stimme abgegeben. Damit habe ich meiner Bürgerpflicht Genüge getan.
Nach dem Wahlmarathon im Rathaus binich wirklich geschafft. Zugleich aber bin ich auch glücklich, dass mir das Wahlrecht die Möglichkeit gibt, meine Entscheidung bei der Kommunalwahl so differenziert und vielschichtig zu treffen. 149 Kreuze habe ich innerhalb der vorangegangenen Stunde auf drei Stimmzetteln positioniert und damit Kandidierende zum Kreistag, zur Stadtverordnetenversammlung und zum Ortsbeirat ausgewählt.
Möglich macht das die Briefwahl. Wahlberechtigte können sie daheim oder am Urlaubsort erledigen und so bereits vor dem Wahltag ihre Stimme abgeben. Sie können aber auch – wie ich – ins Rathaus gehen und dort in einer Wahlkabine ihre Kreuze bei den gewünschten Kandidatinnen und Kandidaten machen.
Das Wetter ist mild; und ich gehe mit einem Bekannten durch die Oberstadt zum Marktplatz. Wir betreten das historische Rathaus und wenden uns dann gleich nach links. Dort befindet sich nun wieder – wie bei den meisten Wahlen früher auch – das Wahllokal für die Briefwahl in der Stadt Marburg.
Zwischenzeitlich war das Wahllokal für die Briefwahl auch mehrmals im Gebäude des BiP am Rudolphsplatz. Das Rathaus ist aber eindeutig die richtige Adresse dafür. Dort herrscht eine freundliche und aufgeräumte Atmosphäre.
Hinter einer Reihe von Tischen sitzen mehrere Wahlhelferinnen. Eine von ihnen reicht uns die Wahlunterlagen an und erklärt uns das Verfahren: Jeder der drei Abstimmungen hat einen Briefumschlag in einer anderen Farbe. Alle drei Umschläge kommen dann in den großen Umschlag, den ich am Ende mit Mühe in den schmalen Schlitz der Wahlurne hineinschiebe.
59 Stimmen habe ich bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung. Bis zu drei Stimmen kann ich auf eine einzelne Person „kumulieren“. Ich kann auch Kandidierende unterschiedlicher Listen ankreuzen, was man „pannaschieren“ nennt. Meine Kreuze gebe ich Kandidatinnen und Kandidaten auf fünf verschiedenen Listen.
Für den Kreistag habe ich sogar 81 Kreuze zu vergeben. Wieder wähle ich Bewerberinnen und Bewerber von fünf verschiedenen Wahllisten. Der Stimmzettel ist hier so groß, dass das Auseinanderfalten ebenso wie das nachherige Zusammenfalten eine wahre Kunst darstellt. Wegen der Größe der Stimmzettel gibt es zur Kommunalwahl auch – anders als bei Bundestags-, Landtags und Europawahlen – keine Wahlschablone für Blinde.
Die letzten neun Stimmen gebe ich zwei Kandidatinnen und einem Kandidaten für die Ortsbeiratswahl. Zu meinem Erstaunen bin ich wahlberechtigt für den Ortsbeirat Marbach. Das fühlt sich für mich nicht richtig an, da dieser Ortsbeirat schon seit Jahren besteht, mir bislang aber kein Wahlrecht gewährt hat.
Die Kommunalwahl am 15. März 2026 ist die erste wahl, wo Marburg flächendeckend Ortsbeiräte wählt. Auf der Kanidatenliste für den Ortsbeirat Marbach finden ich nur einen Kandidaten, den ich persönlich kenne. Er wohnt auch nicht in Marbach, sondern eher in meiner Nähe. Also kriegt er drei Kreuze.
Sechs weitere Kreuze verteile ich auf zwei Kandidatinnen von zwei anderen parteien. Die SPD hat nur eine einzige Frau auf ihrer Liste, was ich eher enttäuschend finde. Leider kennen die Marburgerinnen und Marburger das ja schon von der Bundestagswahl 2025, als alle acht Direktkandidaten im Wahlkreis 170 Männer waren.
Künftig werde ich keine Liste mehr wählen, die nicht paritätisch von Frauen und Männern gebildet wird, nehme ich mir vor. Zur Kandidatenvorstellung zur Stadtverordnetenwahl habe ich die Parteien um Interviews mit jungen Kandidatinnen und Kandidaten gebeten, die auf aussichtsreichen Plätzen antreten. Einige angefragte Parteien haben keine Interviewpartner zurückgemeldet. Das ist dann ihr Problem.
Es klingt paradox: Wer seine 149 Stimmen bei der Kommunalwahl alle abgibt, der kann hinterher seine Stimme in der Kommunalpolitik mit Recht erheben und kritisieren, was in Stadt und Kreis möglicherweise schiefläuft. Ein Mensch hat zwar nur eine einzige Stimme, kann bei der Kommunalwahl aber bis zu 149 Stimmen abgeben und seine eigene Stimme dadurch sogar stärken.