Ein Marburger Forschungsprojekt erhält rund 1,3 Millionen Euro für geschlechtersensible Ansätze zur besseren Diagnose und Behandlung bei Frauen, trans- und nichtbinären Personen. Das hat die Philipps-Universität am Mittwoch (11. Februar) mitgeteilt.
Mädchen, Frauen sowie trans- und geschlechterdiverse (TGD) Personen erhalten im Unterschied zu Männern oft später eine ADHS-Diagnose oder stoßen auf besondere Hürden in der Versorgung – obwohl es Hinweise auf eine vergleichbare oder sogar höhere Prävalenz gibt. Das neue Forschungsprojekt „“Geschlechterspezifische Ansätze bei der Erkennung und Versorgung von Patientinnen mit ADHS“ (GAP-ADHS) unter der Leitung von Dr. Anna Szép am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg will diese Versorgungslücke schließen. Das Ziel ist, geschlechtsspezifische Unterschiede in Diagnose und Behandlung systematisch zu erfassen und konkrete Handlungsempfehlungen für Praxis und Ausbildung zu entwickeln. Das Projekt wird mit rund 1,3 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. Zu den Partnern zählen das Deutsche Krankenhausinstitut, mehrere Universitäten, Krankenkassen und Patient*innenorganisationen.
„Mit dem Projekt zeigt die Philipps-Universität einmal mehr, wie gesellschaftlich relevante Forschung konkrete Verbesserungen im Alltag von Menschen anstoßen kann“, erklärte Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Gert Bange. „ADHS ist ein Thema, das nach wie vor mit vielen Unsicherheiten und Vorurteilen verbunden ist. In der öffentlichen Diskussion, etwa auf Social-Media, ist es zunehmend präsent, doch verlässliche Informationen sind oft schwer zu finden. Umso wichtiger ist es, dass fundierte Forschung Orientierung bietet, Betroffene ernst nimmt und bestehende Wissenslücken schließt. Genau dafür steht dieses Projekt.“
Hintergrund des Projekts ist ein wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein für die ungleiche Versorgung bei ADHS. Während Jungen mit ADHS oft früh diagnostiziert werden, bleiben Mädchen, Frauen und TGD-Personen häufig lange unerkannt – oder erhalten Fehldiagnosen wie Depression oder Angststörung. Mögliche Gründe dafür reichen von atypischen Symptomausprägungen über mangelndes Wissen bei Fachkräften bis hin zu strukturellen Hürden im Gesundheitssystem.
GAP-ADHS will aufzeigen, wie Versorgung geschlechtersensibel gestaltet werden kann – und damit einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit im Gesundheitssystem leisten. „Wir wollen sichtbar machen, wo Versorgung versagt – und gemeinsam daran arbeiten, sie zu verbessern“, erklärte Projektleiterin Dr. Anna Szép von der Philipps-Universität Marburg. Das Projekt startet im April. Es verknüpft qualitative Interviews mit Betroffenen, Eltern und Fachkräften mit der Analyse umfangreicher Routinedaten einer Krankenkasse.
Ziel ist dabei, typische Versorgungsverläufe zu identifizieren und geschlechtsspezifische Muster sichtbar zu machen. Die Ergebnisse sollen direkt in die Praxis überführt werden. Geschehen könnte das etwa durch eine Checkliste für geschlechtersensible Diagnostik, Weiterbildungsangebote und eine geplante Informationsplattform für Fachkräfte und Patient*innen. „Unsere Forschung soll konkrete Veränderungen anstoßen – in der Diagnostik, in der Therapie und in der Ausbildung“, sagte Szép.
* pm: Philipps-Universität Marburg