Zwischen Sicherheit und Angst: 11 Millionen für Forschung zu Versicherheitlichung

In aktuellen Diskussionen wird Sicherheit als Schlüsselbegriff gern benutzt, um das eigene politische Handeln zu legitimieren. Dieser Effekt gab im Jahr 2014 den Anstoß zur Konzipierung eines eigenen interdisziplinären Sonderforschungsbereichs (SFB).
Darin beschäftigen sich Forschende der Philipps-Universität, der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropa-Forschung mit der Bedeutung des Wandels und der Interpretation politischer Sicherheit in historischer Perspektive. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat nun die Weiterführung der Forschungsarbeit mit einem Fördervolumen von rund 11 Millionen Euro für weitere vier Jahre bewilligt. Dem Forschungscampus Mittelhessen ist damit ein Doppelerfolg gelungen, denn zeitgleich wurde an beiden Universitäten auch der Sonderforschungsbereich/Transregio 135 „Kardinale Mechanismen der Wahrnehmung: Prädiktion, Bewertung, Kategorisierung“ verlängert.
„Was ist Sicherheit und wann fühlen sich Gesellschaften in ihrer Sicherheit bedroht?“ fragt Prof. Dr. Christoph Kampmann von der Philipps-Universität als Sprecher des Sonderforschungsbereichs. „Um Fragen wie diese zu beantworten, ist es sehr wichtig, zu verstehen, wie sich in der Geschichte Vorstellungen von Sicherheit entwickelten und wie diese in den politischen Prozess gelangten.“
Mit seinem historischen Fokus nehme der Sonderforschungsbereich 138 eine eigenständige Rolle in der Sicherheitsforschung ein. „Bereits in der ersten Förderphase haben wir uns in diesem Themenfeld als ein zentrales wissenschaftliches Diskussions-
und Kommunikationsforum etabliert“, erklärte Kampmann. Dabei verbindet der Sonderforschungsbereich/Transregio 138 mit dem Thema „Dynamiken der Sicherheit – Formen der Versicherheitlichung in historischer Perspektive“ Geschichts-, Sozial- und Rechtswissenschaften sowie die Kunstgeschichte.
Ein Fokus der Forschenden liegt auf dem Konzept der „Versicherheitlichung“. „Es kann vorkommen, dass politische Entscheidungsträger bestimmte gesellschaftliche Probleme bewusst dramatisieren“, stellte Kampmann fest. „Dabei geht es oftmals um die eigene Legitimation beziehungsweise die des Staates, der seiner Bevölkerung Schutz durch die Erhöhung der Sicherheit anbietet.“
Dadurch verstärke sich das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung letztlich jedoch immer mehr. Die Forderungen nach mehr Sicherheit würden für den Staat irgendwann nicht mehr erfüllbar, denn Sicherheit hat ihre Grenzen.
Ziel für die neue Förderphase wird unter anderem sein, das Konzept der „Versicherheitlichung“ zu modifizieren und weiterzuentwickeln. „Wir verstehen Versicherheitlichung nicht als einen stets zielgerichteten und vorgegebenen gleichbleibend ablaufenden Prozess mit vorhersagbarem Ausgang, sondern als variablen Prozess mit Überlagerungen, Inkonsistenzen, Regressionen und Diskontinuitäten“, erläuterte Kampmann. Davon ausgehend, soll am Ende der gesamten Förderzeit eine umfassende Typologie von Dynamiken der Sicherheit in der Geschichte entstehen.
„Der gemeinsame Sonderforschungsbereich besitzt mit seiner Ausrichtung auf historische Sicherheitsforschung schon heute weltweit ein Alleinstellungsmerkmal“, ergänzte Prof. Dr. Horst Carl von der JLU Gießen. Anfang 2018 wird – wie zwischen beiden Universitäten von Anfang an vereinbart – die Federführung des Sonderforschungsbereichs an die JLU wechseln und Carl das Amt des Sprechers übernehmen. „Wir werden die nächsten vier Jahre nutzen, den Forschungsverbund unserer beiden Universitäten zum international führenden Zentrum für historische Sicherheitsforschung zu machen“, kündigte er an.

* pm: Philipps-Universität Marburg

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