Für Versorgungssicherheit: Stadt spart systematisch Energie ein

Die Stadt senkt ihren Energieverbrauch um bis zu 15 Prozent. Sie hat ein Paket mit Sofortmaßnahmen und langfristiger Energieeffizienz beschlossen.
Mit einem Energiesparpaket senkt die Universitätsstadt Marburg ihren eigenen Verbrauch an Wärme und Strom. Das hat Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies am Donnerstag (11. August) mitgeteilt. 15 Prozent Energie will die Stadt damit bis zum Frühjahr 2023 einsparen.
Die Maßnahmen reichen von „Warmwasser abstellen“ und „Heizung drosseln“ bis zu „Licht ausschalten an repräsentativen Gebäuden“. Der Einspareffekt wird regelmäßig überprüft. Los geht es sofort.
Die Sauna im AquaMar ist schon seit Montag (8. August) zu. „Wir sind durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit einer ernsten Energieversorgungskrise konfrontiert“, erklärte der Oberbürgermeister. „Dem stellen wir uns entschlossen entgegen.“
Oberbürgermeister Spies betonte: „Jeder Schritt, mit dem wir weniger Energie verbrauchen, hilft.“ Das Energiesparpaket hat die Stadtverwaltung mit dem Krisenstab Energieversorgung ausgearbeitet.
„Damit können wir schnell und effektiv Energie sparen“, erklärte Spies. Wichtig für das Gelingen sei, dass die Einsparungen sinnvoll und effektiv sind, aber in Relation zu ihren Auswirkungen trotzdem verträglich.
„Denn ohne Akzeptanz innerhalb der Verwaltung ebenso wie außerhalb bei allen, die davon betroffen sind, geht es nicht“, betonte der Oberbürgermeister. „Die bislang überwiegend positiven Rückmeldungen aus dem eigenen Haus zeigen uns, dass die Mitarbeiter*innen unsere Vorbildfunktion als Stadt genauso sehen und mitziehen wollen.“
Das Marburger 15-Prozent-Einspar-Ziel orientiert sich an den Maßgaben, die von der Europäischen Union (EU) über Bund und Land bis hin zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ausgegeben werden. Marburg stimmt sich auf Hessen-Ebene dabei eng mit den anderen Kommunen ab – als Mitglied der Arbeitsgruppe „Gasmangellage“ des Präsidiums Hessischer Städtetag.
„Wenn alle Städte und Gemeinden in allen ihren Verwaltungen, Bürgerhäusern und Sporthallen jetzt das warme Wasser abdrehen und die Zimmertemperatur im Winter nur ein Grad senken, hat das eine enorme Wirkung“, erläuterte Spies. „Wir wollen keine Effekthascherei, sondern ein gemeinsames wirkungsvolles und vor allem nachhaltiges Vorgehen.“
Rund 30 Millionen Kilowattstunden Energie verbraucht die Stadt Marburg selbst im Jahr für Wärme und Strom in allen Verwaltungsgebäuden, Schulen, Kindertagesstätten, Bürgerhäusern, Sportstätten, Bädern, im Erwin-Piscator-Haus (EPH) und den sonstigen Liegenschaften sowie für ihren Verwaltungsbetrieb. Das entspricht in etwa dem Durchschnittsverbrauch von 1.000 Vier-Personen-Haushalten.
Die Wärmeversorgung der Gebäude mit 23,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) proJahr hängt zu gut 80 Prozent direkt oder indirekt von Gas ab (Erdgas, Fernwärme). Weitere Energieträger sind Holzpellets, bei Neubauten wie zum Beispiel der Grundschule Marbach oder dem Nachbarschaftszentrum Waldtal werden Geothermie-Anlagen mit Photovoltaik kombiniert.
Wenige ältere Heizanlagen werden noch mit Heizöl betrieben. Die rund 6,5. Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr bezieht die Stadt als 100 Prozent Ökostrom von den Stadtwerken Marburg (SWM).
„Wir werden alle Verbräuche senken, spürbar Energie einsparen und so unseren Teil dazu beitragen, um dass es im Winter nicht zu einem akuten Gasmangel kommt“, versprach Spies. „Außerdem senken wir gleichzeitig unseren CO2-Ausstoß und tun noch etwas für den Klimaschutz.“
Das Energiesparpaket der Stadt besteht aus einem Stufenplan mit kurzfristigen Maßnahmen, die bis Ende der Sommerferien umgesetzt sind, Maßnahmen, die bis zum Start der Heizperiode vorbereitet werden sowie langfristigen Maßnahmen für nachhaltige Energieeffizienz, die so schnell wie technisch, personell, material- und marktabhängig möglich in die Tat umgesetzt werden. Das Sport- und Freizeitbad AquaMar mit Sauna und das Hallenbad Wehrda verbrauchen zusammen rund zehn Prozent der Gesamtenergie und 25 Prozent des Strombedarfs aller städtischen Liegenschaften.
Das Wasser im Freibad wird mit Sonnenenergie – „Solarthermie“ – beheizt. Die Hallenbäder beziehen ihre Wärme aus Heizkraftwerken der Stadtwerke Marburg. Der größte Energieverbrauch in Schwimmbädern entsteht durch den Betrieb der technischen Anlagen (Pumpen, Lüftungsanlagen, Beckenwassererwärmung.) In beiden Bädern finden neben dem Freizeit- und Trainingsbetrieb auch Reha-
und Seniorenschwimmen, Schwimmunterricht für Kinder und Schüler*innen sowie Babyschwimmen statt. Am Montag (8. August) hat das AquaMar den Saunabetrieb bereits eingestellt.
Gleichzeitig ist die Wassertemperatur in beiden Bädern für den Freizeit- und Trainingsbetrieb um 2 Grad auf 26 Grad gesenkt. Im AquaMar bleiben das Aktions-, Lehr- und Kinderplanschbecken bei 30 bis 31 Grad.
In Verwaltungsgebäuden, Sporthallen, Bürgerhäusern werden die Warmwasseraufbereitung abgestellt und verzichtbare Elektroboiler ausgeschaltet. Gleichzeitig mit dem Verzicht auf warmes Wasser aus der Leitung muss die Wasserqualität in den Gebäuden engmaschiger als bisher kontrolliert werden.
Die Ausnahme sind Schulen- und Kitagebäude mit ihren Küchen und Cafeterien. Dort ist warmes Leitungswasser aus Hygienegründen unverzichtbar.
Die Lüftungsanlagen werden in allen Räumen abgeschaltet, die auch mit Blick auf den Infektionsschutz noch problemlos ausreichend durch Fenster gelüftet werden können – zumindest bis zum Beginn der Heizperiode. Außerdem: Die neu eingebauten Lüftungsanlagen verfügen über eine gute Wärmerückgewinnung – und sind damit auch in der Heizperiode energieeffizient.
Heizungsanlagen werden kurzfristig bis zu Beginn der Heizperiode komplett abgeschaltet. Der Standby-Betrieb wird vermieden.
Die Stadt strahlt nur wenige Gebäude in Marburg an oder beleuchtet sie aus Repräsentationszwecken, wenn es dunkel wird. Das sind zum Beispiel das Rathaus und Erwin-Piscator-Haus, der Kaiser-Wilhelm-Turm mit dem Lichtkunstherz, das Theater neben dem Schwanhof oder das Theater neben dem Turm. Diese Beleuchtung wird ebenfalls kurzfristig abgestellt. Gleichzeitig appelliert die Stadt an andere Institutionen in Marburg, mitzumachen und ebenfalls die Lichter überall dort auszuschalten, wo sie nicht aus Sicherheitsgründen brennen müssen.
Licht aus beim Verlassen des Raums, Computer und Bildschirm ausschalten statt auf stand-by: „Das Ändern von Gewohnheiten ist eines der wirksamsten Instrumente zum Energiesparen im Alltag, ob privat oder bei der Arbeit“, sagte Spies, „konsequent angewendet, kommen hier viele eingesparte Kilowattstunden zusammen“
Energiesparlots*innen gibt es bereits seit Jahren in jedem Fachdienst der Stadtverwaltung. „Zugegebenermaßen – die Konzentration auf das Thema war gerade in den herausfordernden Coronajahren nicht jederzeit und überall die erste Priorität““ berichtete der Oberbürgermeister.
Nun sind die Lot*sinnen als Multiplikatorinnen und Motivatoren wieder aufgerufen, gemeinsam mit der Belegschaft im jeweiligen Arbeitsumfeld alle Möglichkeiten des Energiesparens zu prüfen und zu nutzen. Außerdem werden alle elektronischen Geräte wie Kühlschränke und Boiler in den Verwaltungseinheiten erfasst, auf Energieeffizienz und Notwendigkeit überprüft.
Die Absenkung der Raumtemperatur in den städtischen Liegenschaften wie Verwaltungsgebäuden, Sporthallen und Bürgerhäusern auf 20 Grad wird in Abstimmung mit dem Arbeits- und Gesundheitsschutz geprüft. Ausnahmen sind – wie beim Warmwasser – Schulen und Kindergärten.
Insgesamt 8.944 Leuchten sind entlang der Marburger Straßen, Wege und Plätze installiert. Davon sind bereits 4.728 Leuchten auf LED umgerüstet, vor allem in den Außenstadtteilen. Die verbliebenen Leuchten haben Natriumdampf-Hochdrucklampen (NAV).
Anders als in anderen Städten gibt es in Marburg keine Gaslampen mehr. Die LED-Leuchten in den Außenstadtteilen sind ohnehin nachts gedimmt.
In der Innenstadt ist bereits jede zweite Lampe in den Nachtstunden ausgeschaltet. In Abstimmung mit dem Hessischen Städtetag prüft die Stadt Marburg, ob die Betriebszeiten der Straßenbeleuchtung und Ampelanlagen in den Nachtstunden weiter reduziert werden sollen – in Abwägung von Sicherheitsgefühl und Energieeffizienz.
Die meiste Energie wird für Wärme und Strom verbraucht. Die Stadt wird mit den Stadtwerken Marburg zum Beginn der Heizperiode eine neue Kampagne zu Aufklärung, Information und Motivation zum Energiesparen und zur Akzeptanz der getroffenen Maßnahmen auflegen. Dabei geht es auch um Hilfen und Tipps, wie mit einfachen Mitteln die private Energiebilanz verbessert werden kann.
Der Einspareffekt und die Wirksamkeit der Maßnahmen werden durch eine regelmäßige Kontrolle des jeweiligen Energieverbrauchs überwacht. Das geschieht pro Monat im Jahresvergleich. Die Auswertung ist auch witterungsunabhängig möglich, so dass der aktuelle Einspareffekt tatsächlich abgelesen werden kann.
Bei allen Neubauten und Sanierungen städtischer Gebäude werden bereits seit Jahren energieeffiziente Heizungssysteme eingebaut. Langfristig werden alle Anlagen in allen Liegenschaften auf energieeffiziente Systeme umgerüstet.
Derzeit sind auf den Dächern der stadteigenen Gebäude – Schulen, Kindergärten und Verwaltungsbauten – insgesamt 72 PV-Anlagen installiert. Ihre Gesamtleistung beträgt 1761 kWp.
Zusätzlich will die Stadt innerhalb der nächsten fünf Jahre ihre restlichen PV-geeigneten Dachflächen komplett mit PV-Anlagen ausstatten. Damit kann der gesamte Strombedarf der Stadtverwaltung bilanziell zu 100 Prozent gedeckt werden. Rund 160 städtische Liegenschaften haben Dächer, die gut oder sehr gut geeignet für PV-Anlagen sind.
Bei allen städtischen Neubauten, die sich in Planung und Bau befinden, werden die Dachflächen mit den jeweils größtmöglichen PV-Anlagen ausgestattet. Durch fünf neue Bauvorhaben können so bis 2024 rund 318 kWp zusätzlich erzeugt werden. Zusätzlich betreibt die Stadtverwaltung 17 thermische Solaranlagen, deren erzeugte Wärmemenge allerdings nicht gemessen wird.

* pm: Stadt Marburg

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