Rettungsanker „Anker“: Ein einstiges Marburger Lokal mit Schnitzel

Im Herbst 1977 wurde ich Stammgast im „Anker“. Dieses Lokal lag am unteren Steinweg schräg gegenüber der „Gartenlaube“.
Während meiner Rehabilitation an der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) wurde ich – wie alle anderen Schülerinnen und Schüler – mittags im BliStA-Speisesaal auf dem Schlagberg verköstigt. Wenn mir und meinen Mitrehabilitanten das angebotene Menü nicht gefiel, gingen wir stattdessen gemeinsam in den „Anker“. Dort aßen wir zu unserem Bier dann ein Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat.
Wichtig war uns dabei allerdings eher die Größe der Portion. Kulinarische Kriterien spielten für uns eher eine geringere Rolle. Zudem genossen wir zum Essen damals auch gern das eine oder andere Glas Bier.
Zu dritt dorthin ging ich meist mit meinen Mitrehabilitanten Leo und Jürgen, der auch mit mir in der Wohngruppe „Liebigstraße 11“ wohnte. Leo war auf dem BliStA-Campus untergebracht worden, weil er wegen seiner plötzlichen Erblindung aufgrund eines Verkehrsunfalls nicht besonders mobil war. Dafür war der vorherige Fußballtrainer gute 20 Jahre älter als Jürgen und ich.
Im „Anker“ saßen wir auf einfachen Holzstühlen in einem eher kahlen Gastraum an großen glatten Holztischen. Das Lokal hatte den Charme eines Bahnhofswartesaals. Der steinerne Fußboden war leicht zu pflegen und auch resistent gegen die Rückgabe allzu vieler Getränke durch überfüllte Gäste.
Zu denen gehörten wir drei jedoch nicht. Auch die anderen BliStA-Schüler, die sich mittags oder manchmal auch abends im „Anker“ einfanden. waren eher gute Kunden für den Wirt. Jedenfalls konnte man dort damals durchaus einige Blistanerinnen und Blistaner antreffen, für die das Restaurant bei persönlichem Missbehagen am aktuellen Speiseplan der BliStA zum Rettungsanker wurde.
Im Laufe der mittlerweile 45 Jahre, die ich nun schon in Marburg lebe, habe ich unterschiedlichste Kneipen und Restaurants kennengelernt. Einige legendäre Lokale möchte ich in einer kleinen Serie auf marburg.news vorstellen. Das ist ein persönlicher Beitrag der marburg.news-Redaktion zum Stadtjubiläum „Marburg800“.

* Franz-Josef Hanke

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