Mit Abstand geschafft: Erfolge bei Pandemie-Bekämpfung nicht gefährden

Marburgs Straßen sind voller menschen. Dicht drängen sie sich aneinander vorbei.
Zu Fünft oder Sechst stehen einige in Gruppen auf dem Bürgersteig. Dabei lassen sie nicht genug Platz, um im Mindestabstand von 1,50 Metern anihnen vorbeizugehen. Offenbar haben viele die Öffnung der meisten Geschäfte am Montag (20. April) als eine Art von „Entwarnung“ missverstanden.
Während die Lebensmittelläden sorgsam auf Abstand und Hygiene achten, lässt ein großer Baumarkt in Wehrda massenhaft Kundschaft ein. Für Abstand –
allerdings nur nach vorn oder hinten – sorgen Einkaufswagen, während seitliche Abstände ebensowenig eingehalten werden wie die Vorschrift zur Desinfektion gebrauchter Einkaufswagen vor ihrer nächsten Nutzung.
„Da werde ich nicht wieder einkaufen“, erklärt eine Kundin irritiert. „Wer Geschäfte auf Kosten der Gesundheit seiner Kundschaft macht, den unterstütze ich nicht.“
Andere scheinen sich nicht so viele Gedanken zu machen. Mit der Lockerung der „Lockdown“-Regelungen nehmen viele auch die Pandemie lockerer. Damit begehen sie jedoch einen großen Fehler.
„Wenn wir jetzt leichtsinnig werden, gefährden wir unsere gemeinsamen Erfolge bei der Bekämpfung der Pandemie“, warnte der hessische Sozialminister Kai Klose am Dienstagnachmittag. „Die Lockerung der Einschränkungen heißt nicht, dass die Bedrohung durch das Virus vorbei ist. „Im Gegenteil: Wenn wir jetzt leichtsinnig werden, gefährden wir unsere gemeinsamen Erfolge bei der Bekämpfung der Pandemie, die nur durch die Kontaktverbote und drastischen Maßnahmen erreicht werden konnten.“
Einen grund für das vergleichsweise günstige Verhältnis zwischen Infizierten und Toten in Deutschland sieht Frank Dastych von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen in der ambulanten Behandlung leichterer Fälle von Covid 19. Dadurch seien die Krankenhäuser entlastet und für schwere Verläufe der Erkrankung freigehalten worden. Dieses Konzept setzen in Hessen neuerdings spezielle „Corona-Praxen“ um, für die auch eigens ein spezieller Fahrdinst organisiert wurde.
Solange es jedoch keinen wirksamen Impfstoff gegen das Corona-Virus „SARS-CoV-2“ gibt, ist die Gefahr nicht vorüber. Darauf wiesen Minister Klose ebenso wie der Vorstandsvorsitzende der KV Hessen eindringlich hin.
Eine Forschungsgruppe unter Beteiligung des Marburger Virologen Prof. Dr. Stephan Becker arbeitet auf Hochtouren an der Entwicklung eines Impfstoffs. Ein Impfstoff gegen „SARS-CoV-2“ wurde bereits erfolgreich in menschlichen Zellen getestet. Ein anderer Impfstoff gegen ein anderes Coronavirus – ebenfalls unter Beckers Beteiligung – hat nunmehr in Hamburg erste Tests an Menschen erfolgreich bestanden.
Dennoch wird es wohl noch mehrere Monate dauern, bis ein wirksamer Impfstoff verfügbar ist. Die Herstellung ausreichender Mengen zur „Durchimpfung“ größerer Teile der Bevölkerung hält Becker für sehr schwierig oder sogar nahezu unmöglich. „So große Kapazitäten hat die Pharmabranche weltweit einfach nicht“, erklärte er.

* Franz-Josef Hanke

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