Das Festival „Juckpulver“ gastiert in der Elisabethkirche. Neue Stimmen beleben vom 14. bis 18. Oktober alte Mauern.
Zum dritten Mal nach 2022 und 2024 veranstaltet das „Theater neben dem Turm“ (TNT) sein Festival „Juckpulver“. Zum ersten Mal gastieren die Künstlerinnen und Künstler nicht in einem Theaterraum, sondern in der Elisabethkirche. Sowohl die künstlerische Leiterin Kristin Gerwien als auch Pfarrer Matti Fischer sind gespannt auf die Resonanz der Besucherinnen und Besucher, wenn neue Stimmen alte Mauern beleben.
Im Laufe von 800 Jahren habe es in der Elisabethkirche schon viele Stimmen und Klänge gegeben, erklärte Pfarrer Matti Fischer: „Wir haben uns gefragt, welche vielleicht noch fehlen, welche man ergänzen könnte.“ Im vergangenen Jahr haben die Kirchengemeinde und das „Theater neben dem Turm“ bereits ein gemeinsames Konzert veranstaltet. Und dabei festgestellt, wie spannend es war, wenn ein altehrwürdiger Raum und ein modernes Konzept aufeinandertreffen. Das soll jetzt erneut stattfinden, aber eine ganze Nummer größer.
„Die Grundidee ist, dass das Kirchengebäude aus Stein besteht und dieser Stein in all der Zeit schon so viel gesehen und gewissermaßen in sich aufgenommen hat“, erläuterte Kristin Gerwien vom TNT. Teil dessen und Teil der Kirchengeschichte seien immer auch patriarchale Strukturen gewesen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen. Dem sollen nun Stimmen hinzugefügt werden, „die sonst eher als marginalisiert gelten“, wie Gerwien sagt: Stimmen von Menschen mit Behinderungen, „People of Color“, queeren und Trans-Personen.
Das Festival „Juckpulver“ sei ein „internationales Festival mit aufregender Musik“, lautet die Kurzbeschreibung. Künstlerinnen und Künstler wollen mit Konzerten und Performances gesellschaftliche Diskurse über Kolonialismus, Sexismus und patriarchale Strukturen anregen. Und weil Marburg auch als eine Hauptstadt für Blinde und Sehbehinderte gelte, ist das Programm auch speziell auch auf dieses Publikum zugeschnitten. Es wird beispielsweise Audio-Flyer geben, die dann online abgerufen werden können und „Access-Friends“ stehen als Begleitpersonen zur Verfügung.
Den Raum der Elisabethkirche erleben und inszenieren zu dürfen, sei eine besondere Freude, sagte Gerwien. An vier Abenden stehen jeweils zwei bis drei Veranstaltungen auf dem Programm, die dem Publikum jeweils verschiedene Perspektiven eröffnen sollen. Auch Licht wird ein Teil des Festivals sein – der Kirchenraum lade dazu ein, ihn entsprechend optisch zu inszenieren.
„Der Raum spielt eine maßgebliche Rolle“, erläuterte Pfarrer Fischer. „Er ist Teil jeder Performance.“ Das werde für die Menschen, die die „klassischen“ Konzerte in der Elisabethkirche besuchen, durchaus eine Herausforderung in der Wahrnehmung.
Genau das ist aber die Hoffnung sowohl der Kirchengemeinde wie auch der Organisatorinnen des Festivals: Dass sowohl Menschen, die sonst vielleicht keine Kirche betreten, einen spirituellen Raum erleben, wie auch Menschen, die bislang keinen Zugang zu experimenteller Kunst hatten, diese Kunst kennenlernen. Das Line-up umfasst „Künstler*innen, die sich im experimentellen musikalischen und künstlerischen Untergrund verorten lassen“, erklärte das TNT: Mit dabei sind die amerikanische Noise-Band Wolf Eyes, die Synthesizer-Performerin Eleni Poulou, die in Marburg lebende blinde Schwarze R&B-Sängerin Latoya Rey, Ruby Louise Rose + ONCE WE WERE ISLANDS mit ihrem queeren Sci-Fi-Musical sowie agar agar, Rey & Raw, Válek Merta Tarnovski, jacob & companions und SITOI.
„Juckpulver“ findet von Mittwoch (14. Oktober) bis Sonntag (18. Oktober) in der Marburger Elisabethkirche statt. Alle Informationen zum Programm und zu den Tickets sowie barrierearmen Zugängen gibt es auf der Homepage des TNT unter www.theaternebendemturm.de. Den Abschluss des Festivals bildet ein Gottesdienst am Sonntag (18. Oktober) um 10 Uhr, bei dem auch ein Chor auftreten wird, den es noch gar nicht gibt und der aus einem Workshop mit Jacob Bussmann entstehen soll.
„Kiwitt, kiwitt, chickadee, frrr“ lautet dessen Titel – ein „Birdsong-Chor-Workshop“, bei dem es um eine Annäherung an Vogelstimmen geht und den Versuch, sie nachzuahmen und menschliches und vogelartiges Singen zu vermischen. Außerdem sollen Lieder und Kanons ausprobiert werden, „die in vergangenen Jahrhunderten den Vögeln abgelauscht und in menschliche Weisen verwandelt wurden“, wie es im Text zum Workshop heißt. Jeder, der Teil des Festivals werden möchte, kann gern teilnehmen, auch ohne musikalische Vorkenntnisse. Und natürlich sind Hugo und Lisbeth die Ideengeber: die beiden Uhus, die im Turm der Kirche gebrütet haben.
* pm: Evangelischer Kirchenkreis Marburg