Ulrike Schönhagen, Dr. Andreas Thiedmann und die Projektgruppe „Heimat auf der Haut“ haben den Otto-Ubbelohde-Preis erhalten. Geehrt wurden sie für herausragende Kulturvermittlung.
Der Otto-Ubbelohde-Preis des Landkreises Marburg-Biedenkopf zeichnet sich stets durch die große Bandbreite der Preisträgerinnen und Preisträger aus –
auch bei der 40. Vergabe wurde sehr deutlich, wie vielschichtig die Kulturarbeit im Landkreis ist. Geehrt wurden die Kunstvermittlerin Ulrike Schönhagen, die blinden und sehbehinderten Menschen einen Zugang zu Kunst ermöglicht, der Archäologe Dr. Andreas Thiesmann, der sich seit 27 Jahren für die Realisierung der „Zeiteninsel“ einsetzt, und die Projektgruppe „Heimat auf der Haut“ aus Emsdorf, die die katholische Tracht des Ortes in einer ungewöhnlichen Fotoaktion festgehalten hat. Der Preis ist mit jeweils 1.000 Euro dotiert.
„Ich gratuliere allen Preisträgerinnen und Preisträgern zur Auszeichnung mit dem höchsten Kulturpreis des Landkreises“, sagte Landrat Jens Womelsdorf bei der Preisverleihung im Marburger Landratsamt. „Sie haben sich gegen sehr starke Konkurrenz bei insgesamt 54 Bewerbungen durchgesetzt.“
Der Landkreis sei im hessenweiten Vergleich kulturell sehr aktiv, auch in kleinen Ortschaften gebe es viele Aktive. Das Niveau der Bewerbungen sei hoch, so dass es für die Jury auch diesmal nicht leicht gewesen sei, sich zu entscheiden. Er appellierte daher an alle Bewerberinnen und Bewerber, es im kommenden Jahr erneut zu versuchen.
Ulrike Schönhagen ist es seit Beginn ihrer Arbeit als Kunstlehrerin an der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) ein Anliegen, das Kunstmuseum Marburg für blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen erfahrbar zu machen. Sie ermöglicht ihnen den Zugang zur Kunst auf einzigartige Weise. „Im Rahmen des Projekts „Kunst für alle“ hat sie gemeinsam mit Samira Idrisu und Michael Weitzel Vermittlungsformate entwickelt, die beispielgebend sind“, erklärte Womelsdorf. Herausragend ist die Entwicklung von Tastmodellen, die Kunstwerke nicht nur nachbilden, sondern in eigenständige, taktile Erfahrungsräume übersetzen. Ergänzt wird ihre Arbeit durch inklusive Führungen und Formate wie „Spaziergänge zur Kunst“, bei denen sich Vermittlung mit Bewegung, Wahrnehmung und sozialer Begegnung verbindet.
„Unsere Welt ist optisch dominiert; das gilt auch für die Kunst“, sagte Schönhagen in ihrer Dankesrede. Ihr sei es wichtig gewesen, Nicht-Sehenden einen Zugang zu den Fragestellungen und Positionen von Kunstwerken zu bieten. Es gehe ihr darum, mit Bewegung, Erzählungen und Musik Imaginationsräume zu schaffen. Am Beispiel einer kleinen Figur des Bildhauers Georg Kolbe – die „Kauernde“ – schilderte sie ihre Herangehensweise: Indem sie die Teilnehmenden nicht nur ein 3D-Modell befühlen, sondern auch selbst die Haltung der Figur einnehmen ließ, ermöglichte sie es ihnen, einen ganz eigenen Bezug zu dieser Haltung voll Neugierde und Selbstbewusstsein zu bilden.
Als zweiten Preisträger würdigte Womelsdorf den Archäologen Dr. Andreas Thiedmann als „Kopf und Herz“ des „Archäologischen Freilichtmuseums Marburger Land – Zeiteninsel“. Seit 27 Jahren habe er sich unermüdlich ehrenamtlich für die Realisierung des Museums, eingesetzt, das seit einigen Wochen für die breite Öffentlichkeit zugänglich ist. „Es ist seinem unermüdlichen Einsatz zu verdanken, dass die Zeiteninsel nun Wirklichkeit wurde, auch wenn sehr viele Akteure mitgeholfen haben, dieses Ziel zu erreichen“, betonte der Landrat.
Zusammen mit den kommunalen Partnern für den Betrieb des Museums – der Gemeinde Weimar, der Universitätsstadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf – sei es ihm gelungen, das Land Hessen davon zu überzeugen, den größten Teil der Kosten für den Aufbau der „Zeiteninsel“ zu übernehmen. Thiedmann habe nicht nur schon früh das Potenzial der vielen archäologischen Funde bei Argenstein erkannt, er habe die Umsetzung des Museums trotz vieler Hürden und Widerstände vorangetrieben. „Als Ideengeber, Fördervereinsvorsitzender und Vorsitzender der Genossenschaft Zeiteninsel hat er sein Ziel verfolgt“, erläuterte Womelsdorf.
„Gerührt und stolz“ nahm Thiedmann den Preis entgegen. Er sei von Anfang an überzeugt gewesen, dass aus den Ausgrabungen bei Argenstein mehr entstehen müsse, als ein paar Ausstellungstücke in Vitrinen. Zunächst sei er mit seiner Idee eher auf Zurückhaltung gestoßen; und er habe mehr als einmal gedacht, dass sich das Projekt nicht umsetzen lasse.
Dass es doch anders gekommen sei, dahinter stünden große ehrenamtliche Leistungen von vielen Engagierten. Entstanden sei nun ein Ort, an dem lebendige Geschichte vermittelt werde und an dem Besuchende 9.000 Jahre Kulturgeschichte zum Anfassen erleben. „Es ist ein Leuchtturmprojekt entstanden – nicht nur für den Landkreis, sondern für Hessen“, betonte Thiedman.
Verena Pfeiffer aus Emsdorf nahm als Initiatorin des Projekts „Heimat auf der Haut“ den Preis entgegen. Das Projekt entstand im Rahmen der 725-Jahrfeier des Kirchhainer Stadtteils Emsdorf und ist eine gelungene fotografische Dokumentation der katholischen Tracht aus Emsdorf. Sowohl die Models als auch die Fotografinnen und Fotografen kommen aus dem Ort.
In liebevoller Arbeit haben sie gemeinsam über 500 Einzelbilder und Einzelszenen mit unterschiedlichen Trachten und Haarmoden in und um Emsdorf aufgenommen und in einem 52-seitigen immerwährenden Trachtenkalender herausgebracht. „So hat die Projektgruppe einen Beitrag zum Dorfjubiläum geleistet, das junge Leute für Tradition begeistert, Kreativität mit Brauchtum verbindet und Tradition und Moderne zusammenbringt“, freute sich der Landrat. „Die Gruppe hat mit dieser Fotokampagne aufgezeigt, wie schön die Marburger katholische Tracht wirken kann.“
Pfeffer, die mit einigen der Models zur Preisverleihung gekommen war, berichtete von den vielen Stunden, die mit dem korrekten Anlegen der Tracht und dem Herrichten der Haare verbracht wurden. Sie zog Verbindungen zum hessischen Trachtenbuch von Ferdinand Justi und sprach über die Dauerhaftigkeit der teilweise über 100 Jahre alten Kleidungsstücke. „Wir haben uns bemüht, eine große Bandbreite von Trachten und Frisuren über mehrere Generationen hinweg darzustellen“, berichtete sie.
Um alles korrekt abzubilden, seien viele Fachgespräche geführt worden. „Heute gibt es nur noch eine Trägerin der katholischen Tracht in Emsdorf“ erklärte sie . „Wir haben versucht, das Erbe unserer Großeltern zu bewahren.“
Bevor die Preise verliehen wurden, bot Bezirksarchäologin Dr. Christa Meiborg in einem Festvortrag einen Überblick über die Ausgrabungen unter dem Marburger Landgrafenschloss. Sie nahm das Publikum mit auf eine spanende Zeitreise. Archäologische Untersuchungen im Rahmen der Sanierung des Westflügels hatten überraschend ergeben, dass sich darunter die Reste eines quadratischen Wohnturms und einer Ringmauer befinden.
Bei den schwierigen und technisch herausfordernden Grabungen wurde schließlich unter diesem Wohnturm sogar noch Reste einer weiteren Vorgängerburg entdeckt – die erste Burg stand bereits im 9. Jahrhundert auf dem Schlossberg. Heute kann man im Westflügel des Schlosses durch einen Glasboden die Ausgrabungen betrachten und bei Sonderführungen sogar in die dauerhaft gesicherte Ausgrabungsstätte hineingehen. Neben diesem spannenden Vortrag sorgte das „Quartett con Brio“ für die musikalische Unterhaltung der Gäste.
* pm: Landkreis Marburg-Biedenkopf