Besorgt bestätigen: Auszeichnung für Demokratieforscherin Julia Leser

Dr. Julia Leser untersucht, wie demokratische Institutionen unter dem Druck des Rechtspopulismus reagieren. dafür erhält die Demokratieforscherin einen Europäischen Forschungspreis.
Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Julia Leser erhält einen „ERC Starting Grant“ des Europäischen Forschungsrats in Höhe von 1.750.000 Euro. Mit der renommierten Förderung wird ihr Forschungsprojekt „MicroDemos“ unterstützt. Darin untersucht Leser, wie sich demokratische Erosionsprozesse im Alltag lokaler staatlicher Institutionen vollziehen. Im Mittelpunkt stehen etwa Schulen, Polizeidienststellen, Bibliotheken und Museen.
Was geschieht dort, wenn rechtspopulistische Parteien an Einfluss gewinnen? Das Projekt vergleicht Regionen in Ostdeutschland, Ostpolen und Süditalien und will zeigen, wie Demokratie durch alltägliche Entscheidungen, Begegnungen und Handlungen gestärkt, aber auch schrittweise verändert werden kann. Derzeit forscht Leser noch am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, war zuvor allerdings schon im Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“ an der Philipps-Universität Marburg engagiert und hat den Grant nun mit der Universität Marburg als Host Institution eingeworben.
„Der ERC Starting Grant ist eine herausragende Auszeichnung für Julia Leser und zugleich eine Anerkennung der exzellenten Forschung an der Universität Marburg“, erklärte Forschungsvizepräsident Prof. Dr. Gert Bange. „Ihr Projekt greift eine der drängendsten gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit auf: Wie widerstandsfähig sind demokratische Institutionen, wenn sie unter politischen Druck geraten?“
Mit „MicroDemos“ richtet Leser den Blick bewusst auf die Orte, an denen Demokratie täglich praktisch umgesetzt wird. Sie untersucht, wie Lehrkräfte, Polizist*innen oder Mitarbeitende von Kulturinstitutionen auf politische Veränderungen reagieren – ob sie sich anpassen, Widerstand leisten oder neue Wege im Umgang mit den Herausforderungen finden. Dazu kombiniert das Forschungsteam ethnografische Beobachtungen, Interviews und partizipative Forschung in drei europäischen Regionen und den Bereichen Bildung, Sicherheit und Kultur.
„Die meisten Menschen denken bei Demokratie zuerst an Wahlen“, sagte Leser. „Aber Demokratie erfordert viel Arbeit, von vielen Menschen, an vielen Orten, jeden Tag.“
Das Projekt soll nicht bei der wissenschaftlichen Analyse stehen bleiben. Gemeinsam mit den Menschen in den untersuchten Institutionen will Leser eine digitale Infrastruktur für demokratische Resilienz entwickeln: mit Möglichkeiten zum kollegialen Austausch, Werkzeugen zur gegenseitigen Unterstützung und einem Dokumentarfilm. Ziel ist dabei, besser zu verstehen, wie demokratische Institutionen unter Druck von rechts funktionieren und wie sie ihre Handlungsfähigkeit bewahren können.
Damit leistet „MicroDemos“ auch einen Beitrag zum UN-Nachhaltigkeitsziel 16 „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. „Mir ist wichtig, dass die Menschen, die politische Veränderungen oft als Erste erleben, am Ende nicht allein dastehen, sondern eine Stimme und ein Netzwerk haben“, betonte Leser.
Leser promovierte 2019 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig mit einer Arbeit über polizeiliche Praktiken im Bereich Menschenhandel und Migrationskontrolle. Forschungsaufenthalte führten sie an die Universität in Krakau, das Hannah-Arendt-Institut in Dresden und die Universität St. Andrews in Schottland. Zuvor war sie Research Fellow am Sonderforschungsbereich „Dynamiken der Sicherheit“ an der Philipps-Universität Marburg, Postdoctoral Researcher an der Humboldt-Universität zu Berlin und aktuell wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Gesellschaftlicher Frieden und Innere Sicherheit am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg.

* pm: Philipps-Universität Marburg

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