Die Ausstellung „Ein jüdisches Jahrhundertleben“ und und ein Konzert „palästinensische Stimmen“ finden in der Lutherischen Pfarrkirche statt. Das ist eine bewusste Setzung der Kirchengemeinde.
Nachdem es vor kurzem eine Debatte über ein Exponat in einer Ausstellung in der Lutherischen Pfarrkirche gegeben hatte, lädt die Kirchengemeinde nun zu einer neuen Ausstellung und zu einem Konzert ein. Dabei werden sich „ein jüdisches Jahrhundertleben“ und palästinensische Stimmen begegnen. Das ist ein bewusstes Signal für das Miteinander von Religionen, Kulturen und Menschen, das der Kirchengemeinde und Pfarrer Ulrich Biskamp schon immer ein Anliegen war und ist. „Seid Menschen“, lautet der Appell.
Als Überlebende der Shoah und eine der letzten Zeitzeuginnen hat sie die deutsche Erinnerungskultur wie kaum eine andere geprägt – deshalb haben Maryam Abdolahi und Samuel Linn der in diesem Jahr verstorbenen Margot Friedländer eine Ausstellung gewidmet. Die war bereits zu einer Filmvorführung im Marburger Capitol vor wenigen Wochen zu sehen und hängt nun in der Lutherischen Pfarrkirche.
„Der Ort ist bewusst gewählt“, sagt Maryam Abdolahi. Sie sei auf Pfarrer Ulrich Biskamp zugegangen, nachdem er und die Kirchengemeinde sich im Rahmen der vorherigen Ausstellung in der Pfarrkirche mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert sahen. Der Ausstellungsmacher hatte ein missverständliches Exponat trotz Aufforderung nicht aus der Ausstellung genommen.
Biskamp sprach diesen Hintergrund bei der Vernissage der Ausstellung „Ein jüdisches Jahrhundertleben“ noch einmal an und betonte, dass er und die Pfarrkirche schon immer für ein Miteinander von Religionen und Menschen eingestanden haben. Auch Margot Friedländer habe sich mit ihrer Stimme unermüdlich für jüdisches Leben, gegen Antisemitismus und für demokratische Werte eingesetzt, heißt es in der Beschreibung der Ausstellung. „Seien wir Menschen“, sagte Biskamp in Anlehnung an das berühmte Zitat von Margot Friedländer.
Die Ausstellung würdigt das Wirken der Shoa-Überlebenden auch optisch auf ganz besondere Weise: Die Exponate sind aus unterschiedlichen Stoffen – eine Referenz an den Berufswunsch von Margot Friedländer, die Modedesignerin hatte werden wollen. Integriert in den Ausstellungszeitraum bis 23. November ist ein Konzert der Berliner Gruppe „Make Freedom Ring“ – ein Benefizkonzert für die notleidenden Menschen in Gaza.
„Make Freedom Ring“ – geleitet von Prof. Michael Barenboim – ist ein Zusammenschluss jüdischer, palästinensischer, arabischer und überkonfessioneller Künsterlerinnen und Künstler, der palästinensische Stimmen hörbar macht und Spenden für humanitäre Hilfe sammelt. Im Vorfeld der Planungen wurden Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern beider Seiten geführt, auch unter Beteiligung des Dekans Dr. Burkhard von Dörnberg.
Die Ausstellung „Ein jüdisches Jahrhundertleben“ ist noch bis Sonntag (23. November) täglich in der Lutherischen Pfarrkirche zu sehen. Das Konzert findet am Freitag (14. November) um 18 Uhr statt. Der Eintritt kostet 25 Euro und ermäßigt 15 Euro, wobei 90 Prozent als Spende weitergegeben werden.
„Aus diesem Grund habe ich meine Ausstellung bewusst in dieser Kirche präsentiert, einem Ort, der sich dem Dialog und dem interreligiösen Austausch verpflichtet fühlt“, erklärte Maryam Abdolahi. „Solche Räume des Gesprächs dürfen nicht durch ideologische oder politische Interessen vereinnahmt werden, um unmenschliche oder spaltende Positionen zu rechtfertigen. Kritik an politischen Entscheidungen – auch an der Regierung Israels – ist legitim und notwendig.“
Doch dort, wo die Grenze zwischen berechtigter Kritik und pauschalen Urteilen über jüdische Menschen verschwimmt, ende der Dialog. „Nur wenn wir diese Unterscheidung klar benennen und bewahren, kann ein respektvoller und aufrichtiger Austausch stattfinden“, fuhr sie fort. „Gerade dort, wo antisemitische Narrative oder ideologische Instrumentalisierungen Raum gewinnen, sollten wir nicht schweigen, sondern präsent sein – und meine Stimme als Jüdin soll dort ihren Platz haben. In der Hoffnung, dass sich vielleicht ein oder zwei Menschen von antisemitischen oder extremistischen Haltungen distanzieren – das wäre mein größter Erfolg.“
* pm: Evangelischer Kirchenkreis Marburg