Mindestens 5.000 Euro: Maria Tatar erhielt Brüder-Grimm-Preis

Mit dem Brüder Grimm-Preis 2019 ehrt die Philipps-Universität die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Maria Tatar. Durch ihre wissenschaftliche Forschung sowie ihr editorisches und essayistisches Werk gehört Tatar zu den bedeutendsten Stimmen der Literatur- und Kulturgeschichte im deutschsprachigen wie im internationalen Raum.
Die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Brüder-Grimm-Preises fand am Freitag (13. Dezember) in der Aula der Alten Universität statt.
Der Abend war ganz Tatar und den Brüdern Grimm gewidmet, sowie ihrer Verbindung zu Marburg und ihrem Wirken in die ganze Welt hinein. „Viele Orte in Hessen rühmen sich damit, einen besonderen Bezug zu den Brüder Grimm zu haben“, sagte Universitätspräsidentin Prof. Dr. Katharina Krause. „“In Marburg wurde der Grundstein für ihre wissenschaftliche Tätigkeit gelegt.“
Hier entstanden die Ideen für die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen, hier begründeten sie ihre Sprachforschung. „Mit Fug und Recht gibt es diesen wichtigen Wissenschaftspreis; und ich freue mich, dass wir heute eine bedeutende Wissenschaftlerin in Marburg begrüßen und auszeichnen dürfen“, sagte Krause.
„Der Weg aus den USA nach Marburg ist weit; doch es war uns ein besonderes Anliegen, Prof. Dr. Maria Tatar persönlich in Marburg begrüßen zu dürfen“, sagte Dekanin Prof. Dr. Marion Schmaus vom Fachbereich Germanistik und Kunstwissenschaften in ihrer Laudatio. „Wie keine andere hat sie unseren Blick für die Zweiseitigkeit des Märchens geschärft. Wir freuen uns sehr, dass sie unserem Wunsch gefolgt ist.“
Tatar wurde 1945 in Deutschland geboren. 1952 migrierte ihre Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika (USA). Doch die Werke der deutschen Brüder Grimm begleiteten sie weiter auf ihrem Weg.
„Ungefähr seit ich fünf Jahre alt war, hegte ich eine große Faszination für die Geschichten der Brüder Grimm“, berichtete Tatar. „Sie wurden mehr und mehr zu meinen großen Helden.“
Neben der Magie, die Märchen innewohnt, gebe es auch auffällige Anstößigkeiten wie Mord, Schwangerschaft, Kannibalismus oder Verstümmelung. „Für Kinder sind Märchen ein faszinierendes Tor zur Erwachsenenwelt“, sagte Tatar in ihrer Festrede. Doch die dargestellte Not, Gewalt und die Konflikte deutet Tatar auch als eine Resonanz auf historisch bedingte Erfahrungen von Hunger, Armut und Krieg.
„Märchen artikulieren Ängste und Konflikte“, erklärte sie. „Diese symbolischen Geschichten helfen uns, Erlebtes zu verarbeiten und im Realen, im hier und heute zu navigieren – auch weil sie uns mit der Weisheit früherer Generationen verbinden.“
Dabei betonte Tatar die wichtige Rolle volkskundlicher Erzählungen beim Schaffen transkultureller Verbindungen: „In vielen Ländern ersetzen sie lokale Traditionen und spielen dadurch kulturell eine so zentrale Rolle, dass sie ,dein‘ Volksgut und ,mein‘ Volksgut in ein globales ,unser‘ verwandelten – natürlich auch mit Hilfe brillanter Übersetzungen und einer sich entwickelnden Filmkultur“, sagte Tatar, die das Nachleben der Grimm-Märchen auch in vielen zeitgenössischen Filmen und Serien erkennt.
So handelt ihr jüngster Blog-Eintrag unter anderem von der Grimm’schen Formel, die Regisseur, Autor, Schauspieler und Kameramann Quentin Tarantino in Filmen wie „Django Unchained“, „Inglourious Basterds“ oder „Once Upon a Time… in Hollywood“ nutzt.
„In vieler Hinsicht sind einige Sammlungen – insbesondere die Grimmschen Kinder- und Hausmärchen – inzwischen transnationale Erfolgsgeschichten“, sagte Tatar und würdigte damit das große Werk der Brüder Grimm.
Die Philipps-Universität verleiht den Brüder-Grimm-Preis in der Regel alle zwei Jahre für hervorragende Leistungen auf den Forschungsgebieten der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, insbesondere den Sprach- und Literaturwissenschaften, der Volkskunde, der Rechtsgeschichte und der Geschichtswissenschaft. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert. Zu den früheren Preisträgern gehören unter anderem die Historikerin Heide Wunder im Jahr 2017, die US-amerikanische Autorin Ruth Klüger 2014 und Prof. Dr. Heribert Prantl aus der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Jahr 2012.

* pm: Philipps-Universität Marburg

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