Zwei mutige Frauen: Leuchtfeuer ging an Hänel und Hartbrich

Preisübergabe

Egon Vaupel, Ruby Hartbrich, Kristina Hänel und Dr. Thomas Spies (Foto: Dragan Pavlovic)

Kristina Hänel und Ruby Hartbrich haben das „Marburger Leuchtfeuer“ 2019 bekommen. 120 Menschen waren zur Preisverleihung am Dienstag (9. Juli) ins Rathaus gekommen.
Im Vorfeld der Preisverleihung waren die Humanistische Union (HU) und die Stadt Marburg als Veranstalter heftig kritisiert worden. Insbesondere Hänels Eintreten für das Informationsrecht von Frauen auch über Schwangerschaftsabbrüche wurde erbittert angegriffen.
„Niemand hier im Saal – auch nicht Kristina Hänel – möchte „Werbung für Schwangerschaftsabbrüche“ machen“, stellte der Marburger HU-Regionalvorsitzende Franz-Josef Hanke gleich zu Beginn klar. „Vielmehr geht es darum, Frauen in Krisensituationen beizustehen und ihnen Mut zu machen.“
Die beiden Preisträgerinnen stehen nach Auffassung der Jury für die Doppelmoral im Umgang mit menschlichem Leben: Das sogenannte „ungeborene Leben“ wollen manche auch auf Kosten der Gesundheit von Frauen bedingungslos „schützen“, während im Mittelmeer Tausende ertrinken, weil Europa und seine Politik ihr Leben nicht respektiert. Hanke brandmarkte diese Haltung als „Rassismus“.
„Sie beide folgen in Ihrem exemplarischen Handeln moralischen und ethischen Grundsätzen, die uns erinnern, dass unsere Gesellschaft – so weit wir auch gekommen sind – noch einen langen Weg zu einem gerechten Deutschland und Europa zu gehen hat“, begrüßte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies die beiden Preisträgerinnen bei der Feierstunde im voll besetzten Historischen Saal des Rathauses. „Mit Ihrer klaren Haltung auch bei heftigem Gegenwind, bei Hass und Drohung, bei Gefahr für Ihre persönliche Freiheit treten Sie für Ihre, für unsere Überzeugungen ein.“
Der Paragraph 219a des Strafgesetzbuchs (StGB) schütze niemanden, erklärte Spies: „Er schützt keine Frauen, er schützt auch kein ungeborenes Leben. Er verhindert oder erschwert zumindest, dass Frauen in der vielleicht schwierigsten Situation ihres Lebens Informationen finden.“
Der Paragraf schütze keine Menschenleben. Er mache eine ohnehin schon unerträglich schwierige Situation noch schwieriger. „Deshalb muss der ganze Paragraph 219a weg“, forderte Spies.
Der HU-Bundesvorsitzende Werner Koep-Kerstin hob die Bedeutung von Freiheit und Selbstbestimmung hervor. Allerdings helfe kein Grund- oder Menschenrecht, wenn ein gesellschaftliches Klima herrsche, „das Respekt für gesellschaftlich benachteiligte Menschen und Menschen in Not vermissen lässt“.
Die derzeitige Situation bezeichnete die langjährige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth als „Rückfall“. Frauen würden erneut „wie nicht entscheidungsfähige, nicht zu verantwortungsvollem Handeln fähige Menschen“ behandelt.
Hänel sagte in ihrer kurzen Dankesrede: „Wenn eine Gesellschaft an einen Punkt gekommen ist, dass sie mich für mein Engagement für freien Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen ehrt, dann gibt sie damit auch den Millionen Betroffenen einen Teil Ehre zurück, die allzu oft ihrer Würde, ihrer Menschenrechte und teilweise auch ihres Lebens beraubt wurden.“
Gemeinsam mit dem Musiker Jochen Schäfer trug sie zum Abschluss ihrer Dankesrede ein Lied über einen sogenannten „Lebensschützer“ vor, der angesichts des Leids der Frauen, die zu „Kurpfuschern“ abgedrängt worden waren, zum Befürworter einer freizügigeren Handhabung des Problems wird. Ihn hatte sie bei einem Ärztekongress in Südafrika kennengelernt.
Seit 2015 ist die Marburger Ärztin Hartbrich ehrenamtlich für die Seenotrettung von Flüchtlingen im Einsatz. Sechsmal half sie bisher, auf Rettungsschiffen der gemeinnützigen Initiative „Sea-Watch“ Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer zu bewahren.
„Das ist eine Aufgabe, „die eigentlich von den Anrainerstaaten des Mittelmeers zu erfüllen wäre“, stellte Jury-Sprecher Egon Vaupel klar. „Sie wendet sich öffentlich gegen die Haltung der Bundesregierung, die billigend in Kauf nimmt, dass schwangere Frauen – ja ganze Familien – ertrinken, nur damit Zuwanderung nach Europa verhindert wird.“
Die Laudatorin Prof. Dr. Marita Metz-Beckerbetonte: „Jeder Rettungseinsatz ist ein Zeichen gegen das Sterbenlassen an den Europäischen Außengrenzen und ein klarer Akt der Menschlichkeit.“ Die zum größten Teil ehrenamtlichen Seenotretter müssten sich immer wieder Gerichtsverfahren oder juristischen Vorwürfen aussetzen.
Sie stehe stellvertretend für die „Sea Watch“ und „für all diejenigen Menschen, die sich seit Jahren unabdinglich für Menschen auf der Flucht einsetzen und all ihre Energie darin stecken, dass Flüchtenden die gleichen Menschenrechte zukommen wie uns Europäer*innen“, sagte Hartbrich in ihrer Dankesrede. Sie freue sich sehr über die Auszeichnung der Humanistischen Union Marburg für eine Arbeit, „die vielerorts kritisiert und sogar kriminalisiert wird“. Damit setze die HU „ein klares Zeichen gegen Rassismus und Abschottung und für Solidarität“.
Langanhaltender Applaus ließ die würdige, mitunter ergreifende und zugleich auch oft heitere Feierstunde ausklingen. Stehend bedankten sich die Anwesenden im voll bestzten Historischen Saal bei den beiden Preisträgerinnen für deren Haltung und Mut.

* Franz-Josef Hanke

Kommentare sind abgeschaltet.