Wir erreichen den Marktplatz gegen 9.20 Uhr. Dort wartet bereits eine kleine Gruppe von Menschen sowie zwei Polizeiwagen.
Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat und Dr. Kurt Bunke erhalten am Freitag (30. Oktober) das „Marburger Leuchtfeuer für Soziale Bürgerrechte“. Die Preisverleihung soll ab 10 Uhr im Historischen Saal des Marburger Rathauses stattfinden. Die AfD-Fraktionen im Hessischen Landtag und in der Marburger Stadtverordnetenversammlung hatten im Vorfeld Einwände gegen diese Preisverleihung erhoben.
Als Vorsitzender der Humanistischen Union Marburg gehöre ich der Jury an. Bei der Preisverleihung werde ich die Anwesenden im Namen der Humanistischen Union (HU) begrüßen. Meine Ansprache werde ich frei halten, obgleich ich ein Manuskript für meine Begrüßungsredein den letzten drei Tagen ausformuliert habe.
Nach Bekanntgabe der beiden Preisträger am Mittwoch (26. August) herrschte zunächst mehrere Wochen Ruhe. Doch seit Mitte Oktober sind alle Beteiligten an der Preisverleihung massenhaft mit Mails bombardiert worden, die immer wieder die gleichen Anschuldigungen gegen den Preisträger El-Zayat enthielten. Mit Halbwahrheiten und Unterstellungen wurde der Marburger Arzt dabei in die Nähe der Muslimbruderschaft gerückt.
Ich begrüße die Wartenden mit einem lauten „Guten Morgen“. Dann betreten wir das Renaissance-Rathaus und steigen die große Treppe hinauf in den Ersten Stock. Direkt am oberen Ende der Treppe stauen sich Menschen, die in den Historischen Saal hinein wollen.
Zum ersten Mal in seiner Geschichte gibt es Taschenkontrollen beim Einlass zur Preisverleihung des Marburger Leuchtfeuers. Die Anwesenden nehmen das offenbar ganz gelassen hin. Durch das obere Foyer führt der Weg in den Historischen Saal.
Dort sind für uns Plätze in der ersten Reihe reserviert. Die beiden Preisträger, einige Vertreterinnen und Vertreter der Kommunalpolitik und der Jüdischen Gemeinde sowie die beiden Preisträger begrüßen mich. Die Laudatorin Prof. Dr. Margot Käßmann kommt erst gegen 9.45 Uhr, weil sie Mühe hatte, durch die Menschenmenge im Foyer hindurchzukommen.
Erst mit leichter Verspätung beginnt die Feierstunde. Der Historische Saal des Rathauses ist so voll, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Doch einige der Besucherinnen und Besucher kommen nicht hinein und bleiben draußen im Foyer.
Gespannt lausche ich den Worten von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. In seiner bewegenden Begrüßungsrede würdigt er die beiden Preisträger als „Brückenbauer für ein respektvolles und solidarisches Miteinander. Zwei Menschen, denen Solidarität mit denen, die Solidarität brauchen, alltäglicher Auftrag ist. Zwei, die seit Jahrzehnten und jeder auf seine Weise einen unschätzbaren Beitrag für das gute Miteinander in unserer Stadt und in unserer Gesellschaft leisten. Zwei, denen wir dankbar sind. Doch werde der „heutige Vormittag überschattet von einer Neuauflage, einer uralten, einer erbärmlichen, von tief verankerter, menschenfeindlicher Islamophobie getriebenen Kampagne gegen Prof. Dr. El-Zayat.
Das sei eine „Kampagne aus Halbwissen, Spekulationen, falschen Fakten und falschen Interpretationen und böswilligen Unterstellungen. Alte Kamellen, längst und vielfach widerlegt, werden ausgegraben mit dem Ziel, Professor El-Zayat einem falschen, einem abwegigen Islamismusverdacht auszusetzen. Ausgehend von einer Pressemitteilung der AfD-Landtagsfraktion in Hessen, die vielleicht mal genauer in den Verfassungsschutzbericht schauen sollte. Dienn die Islamische Gemeinde Marburg steht da nicht drin, andere schon!“
Mit El-Zayat treffen die Anfeindungen der AfD jemanden, der sich in herausragender Weise für Offenheit und Toleranz sowie das friedliche Miteinander der Religionen einsetzt. „Wer zeigt so viel Rückgrat, so viel Bereitschaft zur Offenheit, auch manchmal gegen Kritik aus den eigenen Reihen, wie es Bilal El-Zayat bei all diesen Gelegenheiten getan hat?“ Die Frage des Oberbürgermeisters trifft es genau auf den Punkt.
„Prof. Dr. El-Zayat ist ein leuchtendes Beispiel, ein wirklich leuchtendes Beispiel für gelebten interreligiösen Dialog. Für den Einsatz für Integration und Miteinander und für das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen“, erklärt spies. Als Beispiele nennt der Oberbürgermeister „die Zusammenarbeit im runden Tisch der Religionen“ und „die enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde, die das Land Hessen mit dem hessischen Integrationspreis ausgezeichnet hat. Und besonders die Freundschaft mit dem Gründer der jüdischen Gemeinde Amnon Orbach“. Dann berichtet er, dass „Bilal El-Zayat am 10. Oktober 2023, als die ersten Bomben auf Gaza fielen, manche Palästinenser in Marburg schon Angehörige verloren hatten. Als er da gemeinsam mit allen Religionsgemeinschaften auf dem Marktplatz unter einer israelischen Fahne stand, im Gedenken an die Opfer des Hamas-Überfalls“.
Nach langanhaltendem applaus für Spies trete ich ans Redepult. Ich versuche, meine Ansprache möglichst nahe am ausgearbeiteten Manuskript vorzutragen. Nachdem ich kurz auf die Diffamierungskampagne gegen El-Zayat anhand des Jugendworts „Ragebait“ geingegangen bin, kritisiere ich deren Urheber: „Islamophobie und Rassismus sind die Zutaten dieser Rezeptur, auf der rechtspopulistische Hetzer ihr abgeschmacktes Süppchen kochen, das eine volkstümelnde Ostalgie mit Mopedausfahrten in einem knatternden und stinkenden Rückwärtsgang in Regierungsämter bringen soll“.
Dafür ernte ich einige verhaltene Lacher. Ansonsten gibt es bei beiden Begrüßungsreden immer wieder Zwischenapplaus. Anhand des Schicksals von Walter Benjamin lege ich die Notwendigkeit des Schutzes von Geflüchteten und der Verankerung des Asylrechts im Grundgesetz dar. Ich beende meine Rede mit der Aufforderung, aktiv für die Demokratie einzutreten.
Nach einer Zwischenmusik hält Prof. Dr. Margot Käßmann ihre Laudatio. Schon zu Beginn beeindruckt sie mich mit ihren klaren Worten zu der Preisverleihung: „Damit würdigen die Stadt und die Humanistische Union zwei Männer, die sich hier vor Ort, aber in der ganzen Region konkret für Mitmenschlichkeit, Dialog, Gemeinschaft engagieren. Und in einer Zeit, in der das Gewebe, das unsere Gemeinschaft zusammenhält, zu bröckeln scheint, bewusst, ganz bewusst und gezielt angegriffen wird, ist so ein Engagement von unschätzbarer Bedeutung.“
Käßmann hat ein Foto des Preisträgers Dr. Kurt Bunke bei einer Demonstration gefunden mit einem Banner: „Christen, Juden und Muslime gemeinsam für Mitmenschlichkeit gegenüber Fremden! Und darunter sind Texte aus Bibel, Tora und Koran zitiert, die allen Glaubenden ihrer Religion gebieten, Fremde zu schützen. Der entsprechende Vers aus dem hebräischen Teil der Bibel lautet: „Wenn ein Fremder bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn auch ihr seid Fremde gewesen in Ägyptenland.“
Dann geht Käßmann auf Anfeindungen der AfD gegen Geflüchtete ein: „Diese ganzen Hetznachrichten vom rechten politischen Rand versuchen doch in unserer Zeit einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Sie wollen jetzt definieren, was biodeutsch ist und machen das fest an zwei deutschen Eltern, vier deutschen Großeltern. Das entspricht exakt dem kleinen Arierparagraphen der Nazis.“
Die ehemalige Ratspräsidentin der Evangelischen Kirche in Deutschland würdigt auch den Preisträger Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat: „Erwähnt wurde auch schon die lange Freundschaft, das Zusammenwirken mit dem leider verstorbenen Leuchtfeuerpreisträger Amnon Orbach, der viele Jahre Vorsitzender der jüdischen Gemeinde hier war. Und Bilal El-Zayat hat als Vorsitzender der muslimischen Gemeinde die besondere Ehre gehabt, als er von der jüdischen Gemeinde eingeladen wurde, die letzten Worte in der zweiten Marburger Torah zu schreiben. Auch Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche waren dabei. Und es ist interessant, Sie haben das schon erwähnt, Herr Dr. Spies, dass gerade die jüdische und muslimische Gemeinde Marburg den Integrationspreis Hessens für ihren Dialog bekommen haben. Und ich frage mich, was man eigentlich daran kritisieren kann überhaupt, dass so ein großartiger Dialog stattfindet. Das ist zu feiern und tatsächlich auch zu würdigen.“
Unmittelbar nach Käßmanns Laudatio trägt der ehemalige Oberbürgermeister und Marburger Ehrenbürger Egon Vaupel die Preisbegründung der Jury vor: „Der Arzt Prof. Dr. Bilal Farouk El-Zayat erhält das Leuchtfeuer für sein Engagement als Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Marburg bei der Zusammenarbeit im „Runden Tisch der Religionen“ und für seinen Einsatz zur psychotherapeutischen Unterstützung geflüchteter Menschen und Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Der pensionierte Universitätsbedienstete Dr. Kurt Bunke wird für sein langjähriges Engagement als Gewerkschafter und die Unterstützung von Menschen mit Migrationserfahrung ausgezeichnet, die inzwischen über mehr als 40 Jahre andauert.“
Zwischendurch unterbricht Vaupel das Verlesen der Preisbegründung mit einer persönlichen Anmerkung: „Zwischen mir und Bilal El-Zayat ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine persönliche Freundschaft erwachsen, die mittlerweile über 30 Jahre andauert. Darum kann ich vielleicht ein wenig erahnen, wie viel Standfestigkeit und Mut dieser Mann aufbringen muss, um den alle paar Jahre wiederkehrenden Anfeindungen zu trotzen. Lieber Bilal, für deine Tapferkeit und deine Haltung zolle ich dir allergrößten Respekt, dass du das immer noch auf dich nimmst und dich für Demokratie und Toleranz engagierst. Dafür danke ich dir persönlich ganz herzlich.“
Der Preisträger Kurt Bunke beschreibt in seiner Dankesrede einige erschütternde Fälle von Abschiebungen, die er nicht verhindern konnte. Dann würdigt er seinen Co-Preisträger: „Um so höher ist die Leistung meines Co-Preisträgers Bilal El-Zayat für unsere Zivilgesellschaft zu bewerten. Er setzt auf die versöhnende Kraft der Religionen und hat dabei in der jüdischen Gemeinde und den christlichen Kirchen kooperationsbereite Gesprächspartner gefunden. Gemeinsam gegen die Verrohung des gesellschaftlichen Umgangs antreten, das ist die Antwort auf antisemitische und islamophobe Schmierereien an Häuserwänden und Kloschüsseln. Wer Bilal mit plumpen Unterstellungen demontieren möchte, findet sich trotz journalistischer Ausdrucksweise ganz schnell im Lager der gewaltbereiten Agitatoren wieder.“
In seinen Dankesworten begründet Prof. Dr. Bilal El-Zayat seine religiöse Toleranz mit seinem Beruf als Arzt: „Wer Menschen in Krankheit, Verletzlichkeit und Not begegnet, der weiß, dass Herkunft, Religion, Weltanschauung in solchen Momenten keine Rolle spielen dürfen. Entscheidend ist der Mensch, der Mensch, der Hilfe braucht. Und für mich war das nie nur eine ärztliche, sondern immer auch eine menschliche Verantwortung.“
Besonders bewegt bin ich, als El-Zayat auf seinen Freund Amnon Orbach zu sprechen kommt. 2022 war der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Marburg mit dem Leuchtfeuer ausgezeichnet worden. Für El-Zayat ist es „ein Geschenk, das auch mir diese besondere Ehre zuteil wird. Wir vermissen dich, Amnon!“
Ich spüre, dass El-Zayat schlucken muss und mit den Tränen kämpft. Es dauert eine ganze Weile, bis er in seiner Rede fortfährt. Für mich ist das einer der bewegendsten Augenblicke der Preisverleihung.
Draußen vor dem Saal warten im Foyer kurz vor 12 Uhr immer noch etliche Menschen, die keinen Einlass mehr bekommen haben. Viele haben dennoch ausgeharrt. Fast zwei Stunden hat diese berührende Feierstunde gedauert. Für mich ist sie eine Ermutigung, Haltung zu zeigen und sich nicht der Hetze derer zu beugen, denen Mitmenschlichkeit, Toleranz und der Einsatz für geflüchtete Menschen ein Dorn im Auge ist. Marburg ist anders und hat das auf eindrucksvolle Weise unter Beweis gestellt.