Altägyptische Arzneien: Mumifizierung mit Schriftquellen erforscht

Neue Erkenntnisse zur altägyptischen Einbalsamierung gewinnen Forschende aus Molekülanalysen und historischen Schriftquellen. Ihre interdisziplinäre Forschung weist Aloe-Inhaltsstoffe in historischen Materialien nach.
Welche Materialien verwendeten die alten Ägypter zur Einbalsamierung ihrer Verstorbenen? Wie lässt sich die Zusammensetzung dieser Stoffe noch Jahrtausende später rekonstruieren? Um diese Fragen zu untersuchen, hat ein interdisziplinäres Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg moderne Naturstoffanalytik mit Ägyptologie und Pharmaziegeschichte verbunden.
In ihrer Studie „New molecular and historical evidence on ancient Egyptian embalming“, die in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) veröffentlicht wurde, verbinden sie molekulare Analysen mit der Untersuchung historischer Schriftquellen. Dabei stoßen sie auf neue Hinweise zur Verwendung von Pflanzenstoffen bei der Einbalsamierung. Die Ergebnisse eröffnen zugleich neue Möglichkeiten für die Erforschung der Geschichte historischer Sammlungsobjekte.
Die altägyptische Mumifizierung war ein komplexes Verfahren, bei dem neben der Austrocknung und teilweise auch der Entnahme innerer Organe verschiedene pflanzliche, tierische und mineralische Materialien zum Einsatz kamen. Frühere chemische Untersuchungen konnten insbesondere Koniferenharze und -teere, Pistazienharze, pflanzliche Öle, tierische Fette, Bienenwachs und Bitumen in Einbalsamierungsmischungen nachweisen. Auch Hinweise auf weitere exotische Pflanzenharze – beispielsweise Elemi oder Dammar – wurden gefunden.
Trotz dieser Erkenntnisse blieben zahlreiche Fragen offen: Welche Pflanzenarten wurden tatsächlich verwendet? Wie unterschieden sich die Einbalsamierungsrezepturen zwischen verschiedenen Epochen, Regionen und Körperteilen? Und welche der in altägyptischen Schriftquellen beschriebenen Substanzen lassen sich bestimmten pflanzlichen Rohstoffen zuordnen? Die Marburger Studie liefert dazu neue Erkenntnisse und identifiziert bislang nicht erkannte pflanzliche Inhaltsstoffe in historischen Mumien- und Arzneimaterialien.
Für ihre Untersuchungen analysierten die Forschenden insgesamt 24 Objekte aus Universitäts- und Museumssammlungen. Darunter war auch ein mumifizierter Schädel aus der Zoologischen Sammlung der Philipps-Universität Marburg. Mit Hilfe der Radiokarbonmethode konnte das untersuchte Mumienmaterial auf das 8. Jahrhundert vor Christi Geburt datiert werden.
Chemische Analysen der Einbalsamierungsrückstände dieses Schädels sowie einer weiteren Probe – eines historischen Präparats der Arzneidroge Mumia vera aegyptiaca aus dem 18. Jahrhundert, das ursprünglich aus der Löwen-Apotheke in Offenbach am Main stammt und heute im Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg aufbewahrt wird – ergaben Hinweise auf Inhaltsstoffe der Pflanzengattung Aloe. Die Forschenden identifizierten mehrere charakteristische Aloe-assoziierte Verbindungen. Die Identität eines dieser Inhaltsstoffe, Aloeresin A, konnte zusätzlich durch den Vergleich mit einer authentischen Referenzsubstanz bestätigt werden.
„Dieser Befund ist aus zwei Gründen besonders interessant“, erläuterte Prof. Dr. Tanja Pommerening, die die Leitung des deutschlandweit einzigen Instituts für Geschichte der Pharmazie und Medizin an der Universität Marburg innehat. „Bislang gab es keine vergleichbaren molekularen Nachweise für die Verwendung von Aloe bei der altägyptischen Einbalsamierung. Gleichzeitig wurde Aloe bereits in mittelalterlichen Schriftquellen mit Mumienmaterial in Verbindung gebracht, das als Arzneimittel verwendet wurde. Eine mögliche Erklärung war bisher, dass diese Vorstellungen auf spätere Überlieferungen zurückgingen, möglicherweise beeinflusst durch biblische Textstellen wie Johannes 19,39, da detaillierte Kenntnisse der altägyptischen Einbalsamierungspraktiken im Mittelalter weitgehend verloren gegangen waren. Unsere neuen Ergebnisse eröffnen nun die Möglichkeit, dass diese Verbindung tatsächlich ältere historische Wurzeln hat.“
Dabei ist eine wichtige begriffliche Unterscheidung zu beachten: Die historische Bezeichnung „Aloe“ konnte unterschiedliche pflanzliche Materialien meinen. Neben Pflanzen der Gattung Aloe wurde darunter teilweise auch das wohlriechende Adlerholz – insbesondere das Holz von Arten der Gattung Aquilaria – verstanden. Die nun identifizierten Pflanzeninhaltsstoffe sprechen jedoch für Produkte aus der Gattung Aloe und nicht für Adlerholz als Quelle dieser spezifischen Verbindungen. Um welche Aloe-Art es sich ursprünglich handelte, lässt sich derzeit nicht eindeutig bestimmen.
Der unerwartete chemische Befund veranlasste die Forschenden, altägyptische Schriftquellen erneut zu untersuchen. Dabei rückte insbesondere die bislang nicht eindeutig übersetzte Substanzbezeichnung „n?-jm.j“ in den Mittelpunkt. Bestimmte historische Beschreibungen der Substanz und ihrer Verwendung eröffnen die Möglichkeit, dass damit Aloe oder ein daraus gewonnenes Exsudat gemeint gewesen sein könnte. Eine eindeutige Identifizierung ist bislang allerdings nicht möglich.
Da Aloe-assoziierte Inhaltsstoffe nur in zwei der 24 untersuchten Objekte nachgewiesen wurden, lässt sich daraus keine allgemeine Verwendung bei der Mumifizierung ableiten. Denkbar ist, dass solche Materialien nur bei bestimmten Einbalsamierungspraktiken zum Einsatz kamen, etwa abhängig von der jeweiligen Epoche oder von verfügbaren Rohstoffen.
Eine weitere Entdeckung betrifft die Geschichte der untersuchten Objekte. Mit Hilfe der ungezielten Metabolomik verglichen die Forschenden unter anderem die chemische Zusammensetzung verschiedener Proben aus dem Deutschen Apotheken-Museum in Heidelberg. Unterstützt durch computergestützte und KI-basierte Auswertungsverfahren konnten sie charakteristische molekulare Muster erkennen und miteinander vergleichen. Dabei zeigten sich auffällige Übereinstimmungen zwischen einem mumifizierten Kopf und einer separat inventarisierten Pulverprobe. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass zwischen beiden Objekten ursprünglich ein materieller oder historischer Zusammenhang bestanden haben könnte, obwohl eine solche Verbindung in den erhaltenen Sammlungsunterlagen nicht dokumentiert ist.
Dieser Ansatz eröffnet neue Perspektiven für die Provenienz- und Museumsforschung. Historische Sammlungen enthalten häufig Objekte, deren Herkunft oder ursprüngliche Zusammengehörigkeit im Laufe der Zeit nicht mehr vollständig dokumentiert wurde. Der Vergleich molekularer Fingerabdrücke könnte helfen, solche Zusammenhänge nachträglich zu rekonstruieren. Dabei liefern chemische Ähnlichkeiten wichtige Anhaltspunkte, ersetzen jedoch nicht die historische und sammlungsgeschichtliche Überprüfung einer vermuteten Verbindung.
Die Studie widmet sich auch „Mumia vera aegyptiaca“. Das ist eine Arzneidroge, die im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in Europa verwendet wurde. Sie wurde aus Mumienmaterial und den daran haftenden Einbalsamierungssubstanzen gewonnen oder als entsprechendes Präparat gehandelt.
Die chemischen Analysen zeigten, dass sich die untersuchten Präparate hinsichtlich ihrer Zusammensetzung teilweise erheblich unterscheiden. In fast allen Proben fanden sich jedoch charakteristische Inhaltsstoffe gealterter Koniferenharze. Für bestimmte Bestandteile solcher Harze wurden in experimentellen Untersuchungen antimikrobielle Eigenschaften beschrieben.
Ergänzend prüfte das Forschungsteam daher die biologische Aktivität ausgewählter Präparate. Ein Extrakt aus der Marburger Wigand’schen Drogensammlung zeigte in Zellkulturversuchen einen moderaten Schutzeffekt gegen die durch Influenzaviren verursachten Zellschäden. Die isolierte Hauptverbindung 7-Oxodehydroabietinsäure erzielte diesen Effekt allerdings nicht.
Welche Inhaltsstoffe für die beobachtete Wirkung verantwortlich sind, ist daher noch ungeklärt. Die Ergebnisse liefern einen Ausgangspunkt für weiterführende pharmakologische Untersuchungen. Sie belegen jedoch weder eine direkte Hemmung der Virusvermehrung noch eine therapeutische Wirksamkeit der historischen Arzneidroge gegen Influenza beim Menschen, auch wenn die Textquellen an mehreren Stellen darauf hinweisen, dass das Mittel auch gegen schwere Erkältungssymptome wie Kopfschmerzen, Husten, Halsentzündung und Schwindel eingesetzt wurde.
Die Ergebnisse verdeutlichen, wie sich historische Schriftquellen, philologische Textanalyse und moderne molekulare Analytik gegenseitig ergänzen können. Chemische Befunde liefern neue Anhaltspunkte für die Interpretation alter Texte. Umgekehrt helfen historische Beschreibungen dabei, molekulare Analysedaten in ihren ursprünglichen kulturellen und materiellen Kontext einzuordnen und mögliche Verwendungen der untersuchten Substanzen besser zu verstehen.
„Langfristig möchten wir damit einen Forschungsansatz etablieren, der historische Schriftquellen, archäologische Objekte und moderne Naturstoffanalytik miteinander verbindet“, führte Prof. Dr. Raphael Reher vom Institut für Pharmazeutische Biologie und Biotechnologie der Philipps-Universität aus. „Ziel ist es, nicht nur die chemische Zusammensetzung früher Arzneimittel und Einbalsamierungsmaterialien zu untersuchen, sondern auch ihre Herstellung, Verwendung und historische Überlieferung sowie kulturelle Einbettung besser zu verstehen.“

* pm: Philipps-Universität Marburg

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