In Aula: Festakt zu 20 Jahren BR-Stiftung

Die Von-Behring-Röntgen-Stiftung wird 20 Jahre alt. Bei einem Festakt zu ihrem Geburtstag hat sie am Dienstag (8. September) drei Auszeichnungen für herausragende medizinische Forschung vergeben.
Ihr 20-jähriges Bestehen hat die Von-Behring-Röntgen-Stiftung am Dienstag (8. September) gefeiert. Mehr als 150 Gäste aus Wissenschaft, Hochschulen und Politik sowie Freunde und Förderer der Stiftung kamen zum Festakt in die Aula der Alten Universität Marburg. Im Rahmen der Jubiläumsfeier verlieh die Stiftung ihre Forschungsmedaille und die beiden Nachwuchspreise.
Die Von-Behring-Röntgen-Forschungsmedaille erhielt der Gießener Urologe und Androloge Prof. Dr. Wolfgang Weidner für seine wissenschaftliche Lebensleistung. Die mit jeweils 10.000 Euro dotierten Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreise gingen an Dr. Dr. Fanni F. Geibl-Henrich von der Philipps-Universität Marburg und Dr. Nils Christian Kremer von der Justus-Liebig-Universität Gießen.
„Rund 30 Millionen Euro Förderung und mehr als 160 Forschungsprojekte in 20 Jahren: Darauf können wir stolz sein“, sagte Stiftungspräsident Dr. Lars Witteck. „Aber am Ende geht es nicht um Zahlen. Es geht um Forschung, die das Leben von Menschen verändert. Und um die Hoffnung, dass Krankheiten, die uns heute noch vor große Herausforderungen stellen, eines Tages heilbar sein werden. Die Menschen, die wir heute auszeichnen, stehen für genau diesen medizinischen Fortschritt.“
Die Bedeutung der Stiftung für die beiden Hochschulstandorte hob der Marburger Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Nauss hervor: „Für die medizinische und biomedizinische Forschung in Marburg und Gießen ist die Von-Behring-Röntgen-Stiftung heute eine Institution, auf die wir nicht verzichten wollen.“ Mit der Von-Behring-Röntgen-Forschungsmedaille würdigte die Stiftung die wissenschaftliche Lebensleistung von Prof. Dr. Wolfgang Weidner.
Der langjährige Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie, Kinderurologie und Andrologie am Universitätsklinikum Gießen hat die reproduktionsmedizinische und andrologische Forschung über Jahrzehnte wesentlich mitgeprägt. Insgesamt zwölf Jahre stand er zudem als Dekan an der Spitze des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen. Einen Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit bildet die männliche Infertilität. Weidner untersuchte insbesondere, welche Rolle Infektionen und Entzündungsprozesse bei der Beeinträchtigung der männlichen Fruchtbarkeit spielen. Seine Forschung schafft damit wichtige Voraussetzungen, die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit genauer zu erkennen und betroffene Männer gezielter zu diagnostizieren und zu behandeln.
Weidner verband dabei früh Grundlagenforschung mit konkreten klinischen Fragestellungen. 1999 gründete er das Hessische Zentrum für Reproduktionsmedizin. Als Sprecher und wissenschaftlicher Koordinator großer interdisziplinärer Forschungsverbünde – darunter die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Klinische Forschergruppe 181 zu den Mechanismen männlicher Infertilität und der LOEWE-Schwerpunkt MIBIE zur männlichen Infertilität bei Infektion und Entzündung – brachte er unterschiedliche medizinische und naturwissenschaftliche Disziplinen zusammen. Sein Ziel war, die biologischen Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit zu entschlüsseln und Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung für Diagnostik und Behandlung nutzbar zu machen.
Mit einem der beiden Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreise zeichnet die Stiftung Dr. Dr. Fanni F. Geibl-Henrich von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg aus. Sie beschäftigt sich mit einer entscheidenden Frage der Parkinson-Forschung: Warum sterben bei der Erkrankung bestimmte Nervenzellen ab, während andere vergleichsweise widerstandsfähig bleiben?
Im Mittelpunkt ihrer Arbeiten steht das Protein „Alpha-Synuclein“, dessen krankhafte Ablagerungen charakteristisch für Parkinson sind. Die 35-jährige Wissenschaftlerin konnte gemeinsam mit ihren Forschungspartnern zeigen, dass diese Ablagerungen zentrale Prozesse der Energieversorgung und Abfallentsorgung besonders gefährdeter Nervenzellen beeinträchtigen. Den Zellen fehlt dadurch zunehmend die Energie, die sie benötigen, um ihre Funktion aufrechtzuerhalten. Langfristiges Ziel ist dabei, Parkinson nicht erst dann zu behandeln, wenn bereits zahlreiche Nervenzellen verloren gegangen sind, sondern möglichst früh in den Krankheitsprozess einzugreifen und sein Fortschreiten zu beeinflussen.
Besonders überzeugte die Jury, dass aus diesen Erkenntnissen bereits ein konkreter therapeutischer Ansatz hervorgegangen ist. Gemeinsam mit Prof. Dr. Wolfgang Oertel übertrug Geibl-Henrich die Ergebnisse bereits in die klinische Anwendung: Zwei Patienten in einem frühen Stadium der Krankheitsentwicklung wurden im Rahmen individueller Heilversuche gezielt pharmakologisch behandelt.
Dabei verbesserten sich klinische Symptome. Zugleich stabilisierten sich relevante bildgebende Marker. Die Arbeiten zeigen damit beispielhaft, wie Ergebnisse aus der Grundlagenforschung ihren Weg in die klinische Anwendung finden können.
Der zweite Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreis geht an Dr. Nils Christian Kremer von der Medizinischen Klinik II des Universitätsklinikums Gießen. Kremer forscht zur pulmonalen Hypertonie, einer schweren Erkrankung, bei der ein erhöhter Widerstand in den Lungengefäßen das rechte Herz zunehmend belastet. Für den Krankheitsverlauf ist entscheidend, wie gut die rechte Herzkammer diese zusätzliche Belastung ausgleichen kann. Eine präzise Beurteilung dieser Funktion hilft Ärzten einzuschätzen, wie schwer die Erkrankung ist, wie sie sich entwickelt und ob eine Behandlung wirkt.
Der 34-jährige Forscher entwickelte neue Algorithmen, mit denen sich aus Druckmessungen im rechten Herzen wichtige Informationen über dessen Funktion gewinnen lassen, für die bislang aufwendigere Untersuchungen erforderlich waren. Die Verfahren wurden experimentell und in klinischen Patientenkollektiven validiert. Für Patientinnen und Patienten könnte das bedeuten, dass Ärzte früher erkennen, ob sich die Erkrankung verschlechtert und ob eine Therapie wirkt – und die Behandlung entsprechend anpassen können.
Wie unmittelbar dieser Forschungsansatz für neue Behandlungen relevant sein kann, zeigen Kremers Untersuchungen des Wirkstoffs „Sotatercept“. Mit Hilfe kontinuierlicher hämodynamischer Messungen konnte er bereits früh nach Therapiebeginn Veränderungen der Belastung des rechten Herzens nachweisen. Die Ergebnisse wurden unter anderem in der Fachzeitschrift „Circulation“ veröffentlicht. Damit liefert seine Forschung neue Möglichkeiten, Krankheitsverläufe präziser zu erfassen und die Wirkung neuer Medikamente unmittelbar am Herz-Lungen-Kreislauf zu untersuchen.
Die Von-Behring-Röntgen-Stiftung wurde am 8. September 2006 vom Land Hessen als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts zur Förderung der Hochschulmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Philipps-Universität Marburg errichtet. Mit ihrem Stiftungskapital von 100 Millionen Euro gehört sie zu den größten Medizinstiftungen in Deutschland. Gegründet wurde sie im Zuge der Fusion der Universitätskliniken Gießen und Marburg im Jahr 2005 und der anschließenden Privatisierung 2006 mit dem Ziel, an beiden Standorten neue Perspektiven für die Hochschulmedizin zu sichern und zu entwickeln.
Mehr als 160 medizinische und biomedizinische Forschungsprojekte hat die Von-Behring-Röntgen-Stiftung seit ihrer Gründung unterstützt. Darüber hinaus fördert sie wissenschaftliche Symposien und Konferenzen, vergibt Reisebeihilfen und unterstützt besonders leistungsstarke Medizinstudierende in Marburg und Gießen mit Stipendien. Seit 2011 haben 184 Studierende ein Stipendium im Rahmen der Abiturbestenförderung oder des Deutschlandstipendiums erhalten. Insgesamt hat die Stiftung rund 30 Millionen Euro an Fördermitteln vergeben.
Seit 2009 vergibt die Stiftung jährlich die Von-Behring-Röntgen-Nachwuchspreise für herausragende Leistungen in Medizin und Biomedizin an Forschende bis 35 Jahre. Mit Geibl-Henrich und Christian Kremer steigt die Zahl der Ausgezeichneten auf 41 Nachwuchspreisträgerinnen und -preisträger. Seit 2010 würdigt die Stiftung mit der Von-Behring-Röntgen-Forschungsmedaille die Lebensleistung herausragender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der medizinischen Forschung. Die Medaille wird in der Regel im zweijährigen Turnus vergeben; Weidner ist ihr neunter Träger.

* pm: Von-Behring-Röntgen-Stiftung, Marburg

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