Entbehrt: Nachttanzdemo gegen Kürzungen am 20. Juni

Eine Nachttanzdemo findet am Samstag (20. Juni) unter dem Motto „Wir nehmen uns die Stadt“ statt. Beginnen soll sie um 18 Uhr bei der „Phil Fak“.
„Das einzigartige Marburger Kulturerbe ist in Gefahr“, schrieb der Kulturladen KFZ am Freitag (12. Juni). „Marburgs soziokulturelle Zentren sind elementarer Teil der Stadtgeschichte und ein Kulturerbe, das geschützt werden muss.“
In Marburg sind seit Ende der 70er Jahre drei große soziokulturelle Zentren entstanden: Das KFZ feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum. Das Trauma wird im kommenden Jahr 40. Die Waggonhalle feiert dieses Jahr das 30. Jubiläum.
Manche Marburger Politiker*innen fordern, einem Zentrum – dem Trauma – die Fördergelder zu streichen. Damit würde in der über Jahrzehnte und Generationen hinweg aufgebauten Marburger Kulturszene irreparabler Schaden angerichtet. Alle Zentren werden dringend gebraucht.
KFZ, Trauma und Waggonhalle bilden mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten gemeinsam die Grundlage der kulturellen Infrastruktur der Stadt. Kleinen und großen Künstler*innen wird eine Bühne geboten. Unzählige Initiativen agieren in und um die Zentren herum. Die soziokulturellen Zentren Marburgs sind Orte gelebter Demokratie, wo sich Menschen für eine andere, eine lebenswertere Gesellschaft einsetzen. So werden beispielsweise die jährlich rund 250 Veranstaltungen im Trauma im Schnitt von 15.000 Besucherinnen und Besuchern jeglichen Alters besucht und von rund 120 Menschen aus unterschiedlichsten Lebenssituationen aktiv mitgestaltet. Die Mitarbeitenden, die fast alle ehrenamtlich und unentgeltlich für die Marburger Kultur arbeiten, erfüllen einen unverzichtbaren Beitrag zur sozialen Fürsorge und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt.
„Auch im KFZ blicken wir mit Sorge auf die Zukunft“, erklärte der Kulturladen. „Kürzungen des Kulturhaushaltes sind für alle Zentren existenzbedrohend und bereits das Ausbleiben des dringend benötigten Inflationsausgleiches hat weitreichende Einschnitte zur Folge. Kultur braucht Verlässlichkeit. Kultur braucht Perspektive. Kultur braucht konstante Förderung.“
Trotz der angespannten Haushaltssituation und den damit einhergehenden Konsolidierungsmaßnahmen der Universitätsstadt Marburg, darf die kulturelle Förderung in Marburg nicht Gegenstand weiterer Einsparungen werden. Bereits geringe Kürzungen können weitreichende und langfristige Folgen haben. Der Großteil der kulturellen Arbeit wird bereits ehrenamtlich geleistet. Jeder investierte Förder-Euro schafft die Grundlage für ein Vielfaches an ehrenamtlichem Engagement, Teilhabe, Kulturangebot und Eigenleistung der Kultureinrichtungen.
Werden diese Mittel weiter gekürzt, ist auch im KFZ das soziokulturelle Programm gefährdet. „Trotz der finanziellen Situation ist uns kulturelle Teilhabe sehr wichtig, sodass wir weiterhin kostenlose Veranstaltungen anbieten und Vereinen und Initiativen kostengünstige Raumnutzungen bieten, um Kunst und Kultur in Marburg für viele Menschen zugänglich und erlebbar zu machen“, erklärte das KFZ. „Hinzu kommt, dass wir mit vielen unserer soziokulturellen Formate – darunter das Kinderprogramm, der Marburger Abend, die Party für Alle, Marburg Calling, Nachwuchsförderung im Konzert- und Kabarettbereich – kaum Eigenmittel erwirtschaften können.“
Eine Reduzierung des soziokulturellen Angebots würde sich unmittelbar auf die Höhe der Hessischen Förderung auswirken, die anhand der soziokulturellen Formate berechnet wird. Eine Abwärtsspirale droht. Wenn Marburg seine Einzigartigkeit erhalten möchte, die auch Studierende und Tourist*innen lockt, sind Partizipations- und Gestaltungmöglichkeiten für die Bürger*innen, die den Charakter der Stadt ausmachen, unabdingbar. Marburg hebt sich dadurch besonders von anderen Universitätsstädten ohne ein derart vielfältiges soziokulturelles Angebot für Menschen allen Alters ab.
„Wir fordern: Stellt die gesamte Soziokultur Marburgs unter Schutz“, heißt es im Aufruf. „Es braucht langfristige Förderverträge, die die Existenz der Zentren für Marburg sichern! Der Erhalt der gesamten soziokulturellen Struktur Marburgs muss zum obersten Ziel der Kulturpolitik erklärt werden! Kulturpolitik gehört aufgrund ihrer Dringlichkeit zur Erhaltung der Lebensqualität der Stadt ins Zentrum der Kommunalpolitik!“
Auch Kneipen sind zentrale Orte der Begegnung und des sozialen Austauschs. Durch steigende Mieten und städtische Auflagen wird es den Kneipen zunehmend schwer gemacht, während Gastronomie und Einzelhandel gefördert werden. Kneipen fungieren, genau wie andere Kultureinrichtungen als sozialer Ort, an dem verschiedenste Menschen aufgefangen werden.
„Wir fordern: Kein weiters Vorantreiben des Kneipensterbens durch ungerechte Regelmentierungen und gegen eine Zweiklassengesellschaft in der Gastro“, erklärten die Kneipenbetreiber. Das sei „ein Angriff auf das Fundament der solidarischen Gesellschaft“.
Die Politik setze momentan alles daran, die Reste des Sozialstaats zu zerschlagen. Einstellung der Mietzahlung im Bürgergeld, Kürzungen beim Wohngeld, sowie drohende Streichungen bei Teilhabe und Jugendhilfe sind nur einige der Maßnahmen, bei denen die Reichsten verschont werden. Es drohen Kürzungen in der Eingliederungs- und Jugendhilfe und damit genau dort, wo Unterstützung am dringendsten gebraucht wird.
Gerade Menschen mit Behinderung, junge Menschen in Krisensituationen und Familien mit hohem Unterstützungsbedarf sind auf diese Leistungen angewiesen, um überhaupt ein halbwegs stabiles Leben führen zu können. Wenn ausgerechnet hier gespart wird, offenbart sich die ganze Logik dieser Politik: Nicht die sozialen Probleme sollen gelöst werden, sondern die Kosten dafür sollen gedrückt werden, indem man die Schwächsten weiter belastet. Diese Pläne seien ein Frontalangriff auf Errungenschaften, die elementar für eine solidarische Gesellschaft sind.
„Die Maßnahmen sind nicht neutral: Sie sind Ausdruck eines Klassenkampfs, in dem die Rechte der Unteren geschwächt werden, um die Interessen der Oberen zu schützen“, erklärt das KFZ. „Wir fordern: eine auskömmliche Finanzierung und angemessene Unterstützung aller Menschen in schwierigen Lebenslagen! Stoppt den Kahlschlag im Sozialsystem Eine solide Finanzierung von Kultur, Jugendarbeit und sozialen Einrichtungen ist die beste Waffe gegen Rechtsruck und Faschisierung.“

* pm: Kulturladen KFZ, Marburg

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