Sprachforscher: Landkreis trauert um Toshio Ozawa

Über viele Jahre hat sich Prof. Toshio Ozawa um den kulturellen Austausch zwischen Japan und Deutschland verdient gemacht. Jetzt ist der Märchenforscher im Alter von 96 Jahren gestorben.
Mit großem Bedauern hat Landrat Jens Womelsdorf die Nachricht vom Tod des japanischen Märchenforschers und Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Toshio Ozawa aufgenommen. Ozawa ist am Samstag (18. April) – zwei Tage nach seinem 96. Geburtstag – in seiner japanischen Heimat im Kreise seiner Familie gestorben. Ozawas Verbindung zu Marburg-Biedenkopf beruhte auf einer Gastprofessur am Institut für Europäische Ethnologie der Philipps-Universität Marburg in den 70er Jahren. Seitdem war es ihm ein Anliegen, deutsches Kulturgut, insbesondere die Märchen der Brüder Grimm, in Japan bekannt zu machen.
„Mit den Hausmärchen der Brüder Grimm und den Märchenillustrationen von Otto Ubbelohde war Prof. Ozawa ein Botschafter der Kultur. In Würdigung und Anerkennung seines jahrzehntelangen Engagements für den Kulturaustausch und die Völkerverständigung zwischen Japan und Deutschland wurde ihm 2011 der Ehrenbrief des Landes Hessen verliehen – überreicht hier im Marburger Landratsamt durch meinen Vorgänger, Landrat Robert Fischbach“, erläuterte Womelsdorf.
Selbst noch in hohem Alter sei Ozawa beinahe jedes Jahr mit einer Gruppe japansicher Märchenforscher nach Deutschland gekommen, um auf den Spuren der Brüder Grimm zu wandeln. Marburg und Umgebung, etwa das Otto-Ubbelohde Haus in Lahntal Goßfelden oder der Rapunzel-Turm in Wetter Amönau, seien dabei immer Anlaufpunkte gewesen. „Fester Programmpunkt dieser Exkursionen war auch immer ein Besuch im Marburger Landratsamt, wo die Kopien von Zeichnungen Otto Ubbelohdes, darunter auch die berühmten Märchenillustrationen, dauerhaft ausgestellt sind“, stellte Landrat Jens Womelsdorf fest. Für Prof. Ozawa sei es eine Besonderheit gewesen, dass in einem Landratsamt Zeichnungen von Volksmärchen öffentlich ausgestellt werden. „In Japan wäre das nicht vorstellbar. Dort werden in vergleichbaren Gebäuden eher Gemälde von Fürsten gezeigt“, sagte Prof. Ozawa einmal bei einem seiner Besuche in Marburg.
Der 1930 geborene Toshio Ozawa studierte Germanistik und promovierte 1956 über die Märchen der Brüder Grimm. Später wurde er Professor für Germanistik, vergleichende Literaturwissenschaften sowie Kinder- und Jugendliteratur. Von 1971 bis 1973 übernahm er in Marburg am Institut für Europäische Ethnologie (Volkskunde) eine Gastprofessur.
Dabei lernte er auch die Zeichnungen von Otto Ubbelohde kennen, die ihm zuvor nicht bekannt waren. Er stellte einmal fest, dass diese Zeichnungen die besten Illustrationen der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm seien. Für Prof. Ozawa waren es diese Zeichnungen, die die Märchen lebendig machen.
1992 gründete er dann in Japan eine Märchen-Akademie, die mittlerweile mehrere Tausend Mitglieder zählt. Seit 1994 organisierte er ehrenamtlich regelmäßig für japanische Märchenforscher eine Exkursion auf den Spuren der Brüder Grimm in Deutschland. Mehr als 20 Mal führte der Weg der Gruppe dabei auch ins Marburger Landratsamt.
Der Landkreis Marburg-Biedenkopf hat zudem in einem Projekt gemeinsam mit Prof. Ozawa die Märchenillustrationen Ubbelohdes digitalisiert auf CD-ROM veröffentlicht. Das Digitalisierung-Projekt enthält sämtliche Märchenillustrationen von Otto Ubbelohde zu den Kinder- und Hausmärchen, dazu eine Vielzahl an Hintergrundinformationen. Die sehr aufwändige und repräsentativ gestaltete Ausgabe erschien in Japan in Kombination von CD-ROM und Begleitbuch.
Ozawa gab außerdem eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu Märchen in Deutschland und in Japan heraus. In Verbindung mit seiner intensiven Feldforschung erwarb er sich große Verdienste für internationale Märchenforschung. Das zeigte sich auch darin, dass er Vize-Präsident der „International Society for Folk Narrative Research“ wurde. Seine hohe internationale Anerkennung wurde auch dadurch deutlich, dass Ozawa 2007 den mit 5.000 Euro dotierten Europäischen Märchenpreis der Walter-Kahn-Stiftung erhielt. Als Herausgeber der Vierteljahresschrift „Kodomo to makashibanashi“ (Kinder- und Volksmärchen) stellte er immer wieder Märchen der Brüder Grimm und natürlich Zeichnungen von Otto Ubbelohde in den Mittelpunkt des Interesses und macht sie auch so in Japan bekannt.
„Mit seiner sympathischen und freundlichen Art war Toshio Ozawa eine wichtige Integrationsfigur für den internationalen Austausch zwischen Deutschland und Japan. Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet und ich bin in Gedanken bei der Familie von Toshio Ozawa“, stellte Landrat Womelsdorf fest.

* pm: Landkreis Marburg-Biedenkopf

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