Eine Methode zur präzisen Tumorüberwachung im Mausmodell haben Forschende der Philipps-Universität entwickelt. Der neue Bluttest ermöglicht tierfreundlichere Krebsforschung.
Ein Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg hat einen neuen Ansatz entwickelt, mit dem sich Tumorwachstum in Mausmodellen besonders schonend überwachen lässt. Statt auf aufwendige bildgebende Verfahren zu setzen, messen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bestimmte Enzyme direkt im Blut der Tiere und können so die Tumorlast präzise verfolgen. Die Methode reduziert Stress und Belastung für die Tiere deutlich und folgt konsequent dem sogenannten „3R-Prinzip“ für verantwortungsvolle Tierversuche. Um die Anwendung durch andere Teams zu ermöglichen, haben die Tumorbiologinnen Dr. Nastasja Merle und Imke Bullwinkel aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Thorsten Stiewe vom Institut für Molekulare Onkologie der Philipps-Universität Marburg nun eine detaillierte Anleitung im renommierten Fachmagazin „Nature Protocols“ veröffentlicht.
ie Methode ist für verschiedene Krebsarten geeignet und kann sowohl bei transplantierten Tumoren als auch bei Tumoren angewandt werden, die sich direkt im Tier entwickeln, etwa in inneren Organen wie der Lunge oder der Bauchspeicheldrüse. Obwohl viele Fragestellungen heute mit Hilfe von Zellkulturen untersucht werden können, sind Tierversuche in der Krebsforschung weiterhin unverzichtbar – beispielsweise um frühe Tumorstadien oder das Zusammenspiel von Tumor und Immunsystem zu verstehen. „Umso wichtiger ist es, diese Versuche stetig zu verbessern und Tierleid im Sinne des 3R-Prinzips zu reduzieren, zu verfeinern und – wo möglich – zu ersetzen“, ordnete Stiewe ein.
„Die hier vorgestellte Methode zeigt eindrucksvoll, dass exzellente Forschung und hohe ethische Standards kein Widerspruch sind“, sagte Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Gert Bange. „Indem Belastungen für die Tiere reduziert und gleichzeitig aussagekräftige Daten gewonnen werden, setzt diese Arbeit wichtige Impulse für eine verantwortungsvolle biomedizinische Forschung.“
Kern der Methode ist die Markierung von Tumorzellen mit sogenannten „sekretierten Luciferasen“. Das sind leuchtfähige Enzyme, die bestimmte Moleküle in Lichtsignale umwandeln können und so zum Beispiel für das Leuchten von Glühwürmchen verantwortlich sind. Diese Luciferasen werden von den Tumorzellen ins Blut abgegeben, wobei ihre Konzentration das Tumorwachstum widerspiegelt.
Je größer der Tumor wird, desto stärkere Lichtsignale lassen sich im Blut messen. Durch die Entnahme kleiner Blutmengen können Forschende das Tumorwachstum über Wochen oder Monate hinweg verfolgen – ganz ohne bildgebende Verfahren, für die eine belastende Narkose notwendig wäre. Zudem lassen sich unterschiedliche Tumorzelltypen mit verschiedenen Luciferasen markieren, sodass mehrere Tumorarten innerhalb eines einzigen Tieres vergleichend untersucht werden können. Die Methode trägt somit zur Verbesserung der Versuchsbedingungen für die Tiere (Refine) und zur Verringerung der Tieranzahl (Reduce) bei.
Das Luciferase-System wurde über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren in der Arbeitsgruppe von Stiewe kontinuierlich entwickelt und optimiert. Zahlreiche Wissenschaftler*innen haben zu seiner Weiterentwicklung beigetragen. Die nun veröffentlichte Arbeit fasst die Methode erstmals systematisch zusammen und stellt sie in Form eines detaillierten Protokolls anderen Forschungsteams zur Verfügung.
„Wir erhoffen uns von der Veröffentlichung dieses Protokolls, dass die Methode breitere Bekanntheit erfährt, von anderen Wissenschaftler*innen angewandt wird und so zu einer Verbesserung der Tierversuche in der Krebsforschung im Sinne des 3R Prinzips beiträgt“, kommentierten die Erstautorinnen Dr. Nastasja Merle und Imke Bullwinkel. Das Verfahren ist breit einsetzbar und lässt sich mit unterschiedlichen Mausmodellen und Fragestellungen in der Krebsforschung kombinieren – von der Grundlagenforschung bis zur Testung neuer Therapien. Die Forschenden hoffen, dass die Methode künftig in vielen Laboren weltweit Anwendung findet und so zu einer besseren Vergleichbarkeit präklinischer Studien beiträgt. Langfristig könnte sie helfen, neue Krebsmedikamente effizienter und zugleich tierfreundlicher zu entwickeln.
* pm: Philipps-Universität Marburg