Behandlung begünstigt: Hirnschrittmacher helfen bei Parkinson

Bessere Behandlungserfolge bei Parkinson erhoffen sich Wissenschaftler der Philipps-Universität. Hoffnung dazu geben Ergebnisse einer deutsch-französischen Studie.


Parkinsonkranke zeigen eine bessere Impulskontrolle, wenn die Therapie eine Hirnstimulation umfasst, als wenn sie sich auf reine Medikamenten-verabreichung  beschränkt. Zu diesem Ergebnis kommt die umfangreiche Studie.An der Studie war auch ein Team der Philipps-Universität beteiligt. Die Wissenschaftler berichten über die Ergebnisse der „EARLYSTIM“-Studie in der Märzausgabe der Fachzeitschrift „Lancet Neurology“.
Mehr als vier Millionen Menschen weltweit leiden an der Parkinson-Krankheit, die damit eine der häufigsten neurologischen Störungen ist. „Aufgrund des zunehmenden Altersdurchschnitts ist damit zu rechnen, dass die Zahl der Betroffenen sich bis zum Jahr 2030 auf weltweit 8,7 Millionen verdoppelt“, sagte der Neurologe Prof. Dr. Lars Timmermann, der dem Steuerungskomitee für die Studie angehört.
„Durch moderne Medikamente sind die Symptome gut zu behandeln“, erläuterte Timmermann. Die Arzneimittel bewirkten indes oftmals schwerwiegende Verhaltensstörungen gerade bei jungen Patienten. Der Neurologe nennt Spielsucht, zu viel Lust auf Sex, Fressattacken und krankhaften Kaufrausch als Beispiele.
Typische Auswirkungen der Parkinson-Krankheit wie Zittern, verlangsamte Bewegung oder Muskelsteifigkeit beruhen auf einer veränderten Aktivität der Nervenzellen in tiefliegenden Regionen des Gehirns. Daher kann die Behandlung auch direkt an tiefen Hirnkernen ansetzen.
Bei einer Hirnstimulation pflanzt man Erkrankten dünne Elektroden ins Gehirn ein. Sie geben elektrische Impulse an die Zielregion ab, die dadurch deaktiviert oder stimuliert wird, je nach Stromfrequenz.Ein solcher Hirnschrittmacher erlaubt es, die Medikamentenverabreichung erheblich zu reduzieren.
„Wir wollten herausfinden, ob die tiefe Hirnstimulation auch Verhaltensstörungen verringert“, erläuterte Koautorin Carmen Schade-Brittinger. Sie leitet das Koordinierungszentrum für Klinische Studien der Philipps-Universität.
Die „EARLYSTIM“-Studie schließt 251 Patientinnen und Patienten ein, die über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet wurden. Die Teilnehmenden waren im Schnitt knapp acht Jahre lang an Parkinson erkrankt.
Schon vor fünf Jahren berichtete das Team der „EARLYSTIM“-Studie, dass sich die Lebensqualität bei Parkinson verbessert, wenn Erkrankte zusätzlich zu Medikamenten frühzeitig Hirnstimulationen erhielten. Die Forschungsgruppe nahm sich die Daten nunmehr erneut vor. Um die Verhaltensänderungen zu messen, griff sie auf einen neu entwickelten psychiatrischen Bewertungsmaßstab zurück, den „Ardouin Scale of Behavior in Parkinson’s Disease“.
Die Ergebnisse sprechen für sich. Verhaltensauffälligkeiten verringern sich, ohne dass die Untersuchten vermehrt das gegengerichtete Verhalten zeigen, etwa Apathie, Depression oder Ängstlichkeit.
„Unsere Befunde erlauben einen Kurswechsel in der Behandlung“, folgerte Timmermann. Während bislang jede Form von Verhaltensstörung als Hindernis für chirurgische Eingriffe gegolten habe, sollte ein Kontrollverlust eher dazu führen, Parkinsonpatientinnen und -patienten eine Tiefenstimulation angedeihen zu lassen.
„Die Ergebnisse sind aufschlussreich, weil sie nahelegen, dass die tiefe Hirnstimulation des Subthalamus selbst nicht zu Verhaltensstörungen führt“, bestätigten die Neurowissenschaftler Angelo Antonini und Jose Obeso in einem Kommentar zu der Studie. „Der Erfolg einer Hirnschrittmacher-Behandlung ist immer abhängig von einer optimalen Operation“, ergänzte Prof. Dr. Christopher Nimsky, der die Marburger Neurochirurgie leitet, an der solche Eingriffe vorgenommen werden.
Timmermann gab außerdem zu bedenken, dass die Studien-Ergebnisse bei Patienten unter 61 Jahren erzielt worden seien. „Ob die Resultate auf alle Altersgruppen zu übertragen sind, ist in künftigen Studien zu überprüfen.“
Für die Studie schlossen sich Arbeitsgruppen aus 18 europäischen Universitäten zusammen.

*pm: Philipps-Universität Marburg

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