Das Gesetz: Philipp Lütgenau brillierte mit Franz Kafka

Die Ohnmacht gegenüber einer undurchsichtigen Bürokratie beschreibt „Der Prozess“ von Franz Kafka. Als Theaterstück feierte der Roman am Freitag (8. Dezember) Premiere auf der „Bühne“ Am Schwanhof.
Für das Hessische Landestheater Marburg hat Philip Lütgenau die Geschichte des Prokuristen Josef K. kongenial inszeniert. Der Protagonist wird plötzlich verhaftet und angeklagt. Dabei ist er sich jedoch keiner Schuld bewusst.
Zwar kann Josef weiterhin arbeiten, doch ist er trotz der äußerlichen Freiheit nicht mehr frei. Sein gesamtes Umfeld behandelt ihn plötzlich ganz anders als vor der Anklage.
Sein Onkel geht mit ihm zu einem bbefreundeten Anwalt. Der Advokat verspricht, ihm zu helfen. Allerdings sei es schwierig, das Gericht von der Unschuld des Angeklagten zu überzeugen.
Niemand weiß, wer die Richter sind. Die Richter selbst sind höheren Richtern unterworfen, die keiner kennt.
Drei Alternativen gebe es für den Angeklagten, bedeutet ihm der Advokat: Entweder werde er freigesprochen oder vorläufig freigesprochen oder sein Prozess werde verschleppt. Ein endgültiger Freispruch sei aber überaus unwahrscheinlich.
Ein Maler bietet ihm an, sich bei den Richtern für ihn einzusetzen. Er malt die Richter der untersten Gerichtsebene auf einem Thron mit der entfliehenden Justitia daneben.
Kafkas Bilder haben Lütgenau und Yuqiao Wu ausdrucksstark in Szene gesetzt: Auf einer treppe sowie einer Schräge bewegen sich die Mächtigen oben und die Ohnmächtigen unten. Zunächst tragen alle Kostüme, die mit dicken Polstern üppig ausgestattet sind, bevor sie am Ende nur noch in Unterwäsche dastehen und zum Schluss umfallen.
Lediglich die von der ersten bis zur letzten Sekunde ununterbrochen eingespielte Musik stört in irem Klangteppich-Charakterh, wenngleich sie in einzelnen Szenen die Darstellung durchaus wirkmächtig unterstützt. Doch mitunter ist sie so laut, dass man die Schauspieler nicht mehr versteht. Das ist allerdings auch der einzige Makel der Inszenierung.
Sehr gelungen ist vor Allem die Szene, wo die Darsteller ihren Text immer schneller und schneller sprechen, bis man ihm kaum noch folgen kann und er schließlich in kurzatmige Klangfetzen übergeht. Hier beweisen die Sprechenden großes Geschick und beeindrucken damit bis zu einem befreienden Lachen des Publikums am Schluss.
Vor Allem Lisa-Marie Gerl und Victoria Schmidt überzeugten durch ihr schauspielerisches Können. Aber auch Maximilian Heckmann, Thomas Huth und Camil Morariu beeindruckten durch ihre Darstellkunst.
Eindrucksvoll war auch die Geschichte vom Türhüter, die die Aufführung einleitet und kurz vor dem Schluss wieder aufgegriffen wird. Die Auflösung der Szene „Vor dem Gesetz“ beweist die tiefe Humanität Kafkas, der keinesfalls die Kapitulation vor der intransparenten Macht propagiert, sondern das selbstbewusste Eintreten für die eigenen Rechte einfordert.
Das Wort „kafkaesk“ ist aufgrund des Romans „Das Gesetz“ nicht nur in die deutsche, sondern auch in die französische, englische und zahlreiche weitere Sprachen eingegangen. Die düsteren Bilder Kafkas sind letztlich aber eine Ermutigung zu Eigeninitiative und Selbstermächtigung.
Diese Kernaussage Kafkas hat Lütgenau eindringlich und zugleich packend in Szene gesetzt. Der Debütant dürfte angesichts dieser Erstlingsarbeit und einer sehr ausgefeilten Personenführung der Darstellenden noch eine große Zukunft vor sich haben.
„Interessant“ lautete das Urteil mehrerer Anwesenden am Ende, während sie allen Beteiligten begeisterten Applaus spendeten. Nachdenklich hinterließ Lütgenau dabei auch durchaus jüngere Zuschauer, die seine Inszenierung ebenso anzusprechen vermochte wie das traditionelle Marburger Premierenpublikum. Ihnen allen dürften die leicht erkennbaren Parallelen des unmenschlichen Machtapparats zum Hitler-Faschismus und aktuellen politischen Entwicklungen vermutlich noch länger nachhängen.

* Franz-Josef Hanke

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