Geraubte Kunst: Wem gehör(t)en die Werke

Die Ausstellung „Wem gehör(t)en die Werke?“ gibt Einblick in die Geschichte des Kunstmuseums und die NS-Zeit. Das Museum zeigt die Ausstellung unter der Schirmherrschaft des hessischen Wissenschaftsministers.
Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren intensiv seine Geschichte und die Geschichte seiner Kunstwerke erforscht. Aufbauend auf dieser Forschung gibt das Museum in einer Ausstellung jetzt Einblicke in eine komplexe Spurensuche. Denn die Frage „Wem gehör(t)en die Werke? Provenienzforschung im Kunstmuseum Marburg“ ist für manche Werke, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden, nicht einfach zu klären. Erste Antworten und auch viele offene Fragen können Interessierte vom 6. November 2026 bis 4. April 2027 im Kunstmuseum anhand von Objektgeschichten sehen und erfahren.
Susanne Ehlers hat die Ausstellung „Wem gehör(t)en die Werke“ zusammen mit dem Team des Museums kuratiert. Seit zweieinhalb Jahren untersucht die Provenienzforscherin rund 250 Gemälde aus dem Bestand des Kunstmuseums daraufhin, ob es sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handelt. Die Sammlungen des Marburger Kunstmuseums umfassen weit mehr als 20.000 Objekte. Darunter sind zirka 1.360 Gemälde.
Das Forschungsprojekt zur NS-Raubkunst wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Die Schirmherrschaft über die Ausstellung hat der Hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels übernommen: „Provenienzforschung bedeutet mehr als die Rekonstruktion von Besitzverhältnissen: Sie schafft die Grundlage, Unrecht aufzuklären und gerechte und faire Lösungen zu ermöglichen“, erklärte Wissenschaftsminister Gremmels.
„Die Ausstellung ,Wem gehör(t)en die Werke?‘ macht diese Verantwortung am Beispiel des Kunstmuseums Marburg sichtbar“, erläuterte er. „Die Arbeit der Philipps-Universität, von Susanne Ehlers, Dr. Christoph Otterbeck und dem gesamten Team verdient große Anerkennung. Sie zeigt, wie wichtig es ist, die Geschichte unserer Sammlungen kritisch zu erforschen und die Menschen hinter den Kunstwerken wieder sichtbar zu machen.“
Bis zum aktuellen Zeitpunkt wurden drei Gemälde und eine Graphik als mögliche Fälle NS-verfolgungsbedingten Entzugs identifiziert. Darunter sind drei Werke von Carl Bantzer. Für zwei dieser Gemälde – „Schwälmer Bauern vor der Kirche“ und „Blick aus dem Walde“ – gelang es im Forschungsprojekt, bereits Kontakt zu den Nachfahren der früheren Eigentümer und damit zu den legitimen Erben herzustellen. Diese Werke bilden die derzeit bearbeiteten Restitutionsfälle. Darüber hinaus liegen Hinweise auf zwei weitere Verdachtsfälle vor, deren rechtliche Bewertung aber noch aussteht.
„Die Bilder werden auf der Grundlage der Marburger Forschungsergebnisse vom Land Hessen restituiert“, erklärte Museumsdirektor Dr. Christoph Otterbeck. „Die rechtmäßigen Erbinnen und Erben allein entscheiden dann, was mit den Gemälden geschieht.“ Er sei „froh, dass wir für zwei Gemälde Erbinnen und Erben ermitteln konnten“, fügte er hinzu.
„In der Stadt Marburg, die früher eine Hochburg des Nationalsozialismus war, lassen sich durch die Objektgeschichten Spuren der Biographien von Jüdinnen und Juden und von den Entscheidern der damaligen Zeit finden“, erläuterte die Kuratorin Susanne Ehlers. „Diese erinnern an die bis 1945 ausgelöschte jüdische Gemeinde.“ Bei der Beschäftigung mit den Objekten erweitert sich der Blick chronologisch und geografisch.
„Unter den Personen finden sich der Händler Jacob Goldschmidt in Marburg, Julius Haas in Gießen und die Galerie Alfred Flechtheim in Düsseldorf, aber auch Persönlichkeiten der Stadt vom Uhrmacher Sigmund Freund bis zum Stifter des Rathausbildes Albert Strauss“, erklärte die Provenienzforscherin. Das Beziehungsgeflecht während des Nationalsozialismus reichte weit über die universitären Strukturen und die Stadt Marburg hinaus. Ein kritischer Blick führt zu den Erwerbungen und Ausstellungen der Jahre 1933 bis 1945 und zeigt auch die Ambivalenz mancher Akteure der damaligen Zeit. „Neben dem Leben und Arbeiten in den Bereichen der Kunst und des Handels, beim Sammeln und Forschen erzählen die Werke über ihre Eigentümer*innen und Besitzer*innen mit vielfältigen, unglaublichen, tragischen und eindrücklichen Lebensgeschichten“, erläuterte Ehlers.
Untersucht wurden auch die Arbeit des damaligen Direktors Albrecht Kippenberger für das Museum, des Professors Richard Hamann für das Kunstgeschichtliche Seminar und die Entscheidungsträger rund um den Marburger Museumsverein. Dabei ließ sich ein Netzwerk bis zu lokalen Politikern wie dem Kreisleiter der NSDAP, Hans Krawielitzki, rekonstruieren.
„Menschen gestalten die Universität“, sagte Universitätspräsident Prof. Dr. Thomas Nauss. „Wir richten mit diesem Forschungsprojekt und der Ausstellung dazu analytische Blicke auf das Handeln von Menschen in der NS-Zeit. Damals wie heute handeln Menschen in komplexen Geflechten aus Beziehungen und Ambitionen. Das wollen wir gerade vor der Feier des großen Jubiläums beleuchten, um daraus Schlüsse für unser Handeln für die Zukunft abzuleiten. Deshalb ist das Projekt ein wichtiger Beitrag zu unserer Vision: Verantwortung für die Welt von morgen zu übernehmen und sie positiv zu gestalten.“
Die Ausstellung macht die Ankaufspolitik des Museums für die Jahre 1933 bis 1945 nachvollziehbar. Für jedes Jahr von 1933 bis 1945 wird ein Tableau mit Abbildungen aller Ankäufe gezeigt, von denen ein Kunstwerk im Original zu sehen ist. Das ist auch deshalb möglich, weil die Quellenlage in Marburg besonders gut ist. Das Museum wurde während des Zweiten Weltkriegs nicht zerstört und so sind sowohl Werke als auch Korrespondenz weitestgehend erhalten.
Die Ausstellung will mit den Geschichten hinter den Werken auch zeigen, wie Provenienzforschung funktioniert. Erläutert werden die Methoden und Indizien der Spurensuche, so dass die Besuchenden die Perspektive von Forschenden kennenlernen. Fünf detailliert vorgestellte Untersuchungen von beispielhaften Kunstwerken lassen die Ermittlung von Indizien zur Provenienz nachvollziehbar werden. Fragen bleiben jedoch auch nach intensiver Forschung unbeantwortet, auch nach den Beweggründen mancher Menschen bei ihrem Handeln.
Das von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden 2015 gegründete „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ in Magdeburg ist in Deutschland zentraler Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßig entzogenen Kulturguts. Das Zentrum wird vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien institutionell gefördert und erhält von dort auch die Mittel für seine Projektförderung. Das Projekt an der Philipps-Universität Marburg wird mit insgesamt 250.000 Euro gefördert.
Die Ausstellung „Wem gehör(t)en die Werke?“ ist bis zum 4. April 2027 im Kunstmuseum an der Biegenstraße zu sehen. Das Kunstmuseum ist von mittwochs bis montags von 11-17 Uhr geöffnet sowie am letzten Donnerstag des Monats jeweils bis 21 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro oder ermäßigt 3 Euro.

* pm: Philipps-Universität Marburg

Kommentare sind abgeschaltet.