In Marburg: Heisenberg-Professur für Esther Möller

Esther Möller erforscht die arabische Welt als Zufluchtsort. Ihre Heisenberg-Professur an der Philipps-Universität eröffnet neue Perspektiven auf Flucht- und Migrationsgeschichte.
Mit Prof. Dr. Esther Möller hat die Philipps-Universität Marburg eine ausgewiesene Expertin für die Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie für Global- und transnationale Geschichte als Heisenberg-Professorin gewonnen. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Professur ist am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften sowie am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien (CNMS) angesiedelt. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht das Heisenberg-Projekt „Fluchtpunkt arabische Welt. Der Nahe Osten und Nordafrika als Ort der Ankunft und des Transits im 20. Jahrhundert“. Darin richtet Möller den Blick auf die MENA-Region (Middle East and North Africa) als Zufluchtsort und Transitregion für Menschen aus Europa, aus der Region selbst und aus dem subsaharischen Afrika und eröffnet damit neue Perspektiven auf Flucht- und Migrationsgeschichte.
Im Zentrum des Projekts stehen Ägypten, Algerien, Tunesien und Marokko. Möller untersucht unter anderem die Flucht deutschsprachiger Menschen während des Zweiten Weltkriegs in die Region und fragt danach, welche Rolle die Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas als aktive Gestalter politischer, sozialer und kultureller Entwicklungen spielten. Das Forschungsvorhaben knüpft an ihre Habilitation zur Geschichte humanitärer Hilfe in der arabischen Welt an. In ihrer Forschung zum Ägyptischen Roten Halbmond konnte sie zeigen, welche zentrale Bedeutung humanitäre Hilfe für die Entwicklung Ägyptens zwischen Kolonialismus und Postkolonialismus hatte. Die Ergebnisse erscheinen Anfang 2027 in einer Monografie bei „Cambridge University Press“.
Darüber hinaus arbeitet Möller unter anderem an einem „Oxford Handbook of the Modern Mediterranean mit“ und ist, gemeinsam mit dem Leibniz-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig und dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz an dem Leibniz-Verbundprojekt „Ambivalent Pasts. Jewish Colonial Experiences“ beteiligt, das sich mit jüdischen Erfahrungen im kolonialen Mittelmeerraum beschäftigt. Weitere Schwerpunkte sind die Geschichte kolonialer Bildungspolitik im Libanon – das Thema ihrer Dissertation -, die Geschichte internationaler Organisationen und die Geschichte von Empathie aus globaler Perspektive. An der Philipps-Universität hat sie zudem im letzten Semester ein Bachelor-Seminar zur Geschichte Palästinas und Israels angeboten, um den Studierenden auch für aktuelle Fragen das notwendige differenzierte Hintergrundwissen zu geben, mit dem diese ihre eigene Meinung entwickeln können.
„Mit Esther Möller gewinnt die Universität Marburg eine international hervorragend vernetzte Wissenschaftlerin, die innovative Perspektiven auf die Geschichte des Nahen Ostens und Nordafrikas eröffnet“, sagte Forschungsvizepräsident Prof. Dr. Gert Bange. „Wir freuen uns besonders, dass ihre Heisenberg-Professur sowohl am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften als auch am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien verankert ist. Diese enge Verbindung schafft ideale Voraussetzungen für interdisziplinäre Forschung und stärkt das Profil der Universität Marburg in einem gesellschaftlich hochrelevanten Themenfeld.“
Möller studierte Französisch und Geschichte und fand über die französische Kolonialgeschichte zur Geschichte der arabischen Welt. „Meine Abschlussarbeit im Studium habe ich über die deutsch-französischen Beziehungen und den Algerienkrieg geschrieben“, berichtete die Wissenschaftlerin. „Und nach einer Rundreise durch Jordanien, Syrien und den Libanon nach dem Studium war mir klar, dass ich mich mit dieser Region auch wissenschaftlich beschäftigen möchte.“
Forschungsaufenthalte im Libanon und in Ägypten prägten ihren wissenschaftlichen Werdegang ebenso wie Stationen am Centre Marc Bloch Berlin, an der Humboldt-Universität zu Berlin, Sciences Po Paris, der Universität der Bundeswehr München und dem Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Für Marburg entschied sie sich bewusst: Die Verbindung aus internationaler Geschichtsforschung am Fachbereich Geschichte und Kulturwissenschaften, der deutschlandweit einzigartigen interdisziplinären Expertise des CNMS sowie den Forschungsaktivitäten des Zentrums für Konfliktforschung biete ein ideales Umfeld für ihre Arbeit. Zugleich schätzt sie die Stärke des mittelhessischen Hochschulstandorts Marburg – die enge fachliche und räumliche Vernetzung der Universität sowie den offenen, kollegialen Austausch über Fächergrenzen hinweg.
Herausragenden Wissenschaftler*innen, die alle Voraussetzungen für die Berufung auf eine Langzeit-Professur erfüllen, soll durch das Heisenberg-Programm ermöglicht werden, sich weiterhin auf eine wissenschaftliche Leitungsposition vorzubereiten und in dieser Zeit weiterführende Forschungsthemen zu bearbeiten. Benannt ist das Programm nach dem deutschen Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg (1901-1976). Die Heisenberg-Professur ist der direkte durch die DFG angebotene Weg zur Lebenszeitprofessur, gewissermaßen ein durch die DFG geförderter „Tenure Track“: Sie setzt voraus, dass die Leitung einer Hochschule im Inland zusagt, die Professur nach dem Ende der DFG-Förderung dauerhaft weiter zu finanzieren.

* pm: Philipps-Universität Marburg

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