Über „Fake News und Verschwörungserzählungen als Gefahr für die Demokratie“ sprach Katharina Nocun am Montag (9. Februar) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ). Eingeladen hatten die „Omas gegen Rechts Marburg“ und die „Kulturelle Aktion Marburg Strömungen“.
Gerechnet hatten die Veranstalterinnen mit gut 35 Besucherinnen und Besuchern. Gekommen waren am Montagabend aber mehr als fünfmal so viele. Das gesamte Foyer des TTZ war vollgestopft mit Stühlen.
Den Anwesenden bot die Referentin einen spannenden und gehaltvollen Vortrag mit vielen Fakten und einigen Anspielungen auf aktuelle politische Ereignisse. Gleich zu Beginn stellte sie dem Publikum die Frage, wie viele Lügen Donald Trump an einem einzigen Tag bei zwei Wahlkampfveranstaltungen nach Ermittlungen von Faktencheckern verbreitet habe. In Fünferschritten zählte Katharina Nocun bis 40 hoch, ehe sie das Weiterzählen aufgab. Mehr als 40 Falschbehauptungen an einem einzigen Tag hatten nicht alle im Publikum dem jetzigen US-Präsidenten zugetraut.
Zunächst klärte die Trägerin des Marburger Leuchtfeuers für Soziale Bürgerrechte die Begrifflichkeiten. Dabei unterschied sie zwischen Desinformation, Falschbehauptungen und Verschwörungserzählungen. Oft werde das alles in einen Topf geworfen, obwohl es sich dabei um völlig unterschiedliche Dinge handelt, die allerdings durchaus auch Berührungspunkte und Schnittmengen aufweisen.
Desinformation ist laut Nocun die Verbreitung von Falschbehauptungen mit dem Ziel, damit eine ganz bestimmte Wirkung zu erzeugen. Dabei ist sich der Urheber dieser Desinformation der Unrichtigkeit seiner Behauptungen durchaus bewusst. In der Regel werden regelrechte Desinformationskampagnen von staatlichen Stellen oder politischen Akteuren gestartet, um Wahlergebnisse zu manipulieren oder die Bevölkerung zu verunsichern.
Nocun führte dazu eine Reihe von Beispielen an, die entweder aus dem Umfeld des US-Präsidenten Trump stammen oder aus russischen Quellen. Allerdings gebe es auch Urheber von Desinformation, die damit auf sogenannten „Sozialen Medien“ Geld verdienen. Das funktioniere allein deswegen, weil Nachrichten mit Erregungspotenzial viele Klicks generieren und dadurch zugleich auch höhere Werbeein nahmen.
Ihr Rat lautete daher, dass man bei schockierendden Aussagen in den sogenannten „Social Media“ immer vorsichtig sein solle. Aufregung führe schließlich dazu, dass man sehr schnell in Abwehrreaktionen überwechsle und den Gehalt dieser Mitteilungen icht in Ruhe prüfe. Desinformation setze auf Ungeheuerlichkeiten und Feindbilder, mit denen Menschen und Gruppen oder ganze Länder wie beispielsweise die Ukraine diskreditiert werden sollten.
Falschbehauptungen hingegen müssten nicht immer Absicht sein. Sie könnten auch auf Irrtümern oder übernommenen Lügen beruhen. Mitunter geschähen sie auch mit der Devise, dass man dergleichen dieser oder jener Person oder Gruppe zutraue und es deswegen shon „wahr“ sein müsse.
In vielen Fällen bleibe selbst dann etwas haften, wenn solche Lügen enttarnt werden. Je öfter und je dreister Lügen verbreitet werden, desto wirksamer werden sie. Die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ spiele bei der Verbreitung eine unrühmliche Rolle, weil sie Lügen innerhalb von Sekunden in unterschiedlichste Kanäle weiterstreuen könne.
Verschwörungserzählungen schließlich sind laut Nocun ganze Systeme von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen, die sich zu einem Weltbild verdichten. Meist machen sie Schuldige für Entwicklungen aus, von denen sich die Anhänger dieser Verschwörungsmythen bedroht fühlen. Sehr häufig bedienten sie altbekannte antisemitische Stereotype.
Auch dazu nannte Nocun Beispiele, die bei den sogenannten „Corona-Leugnern“ anfingen und bei der angeblichen „Weltherrschaft“ bestimmter Organisationen oder Gruppen endeten. Die Gruppen, die sich solche Verschwörungserzählungen zu eigen machen, gewännen dadurch einen sektenähnlichen Charakter. Für die Anhänger sei es deswgen auch schwer, einfach auszusteigen.
Menschen von der Unrichtigkeit ihrer jeweiligen Verschwörungserzählungen zu überzeugen, sei ausgesprochen schwer. „Verschwörungserzählungen wirken dann nicht mehr, wenn jemand die nicht mehr nötig hat“, erklärte Nocun. Meist schlössen sich Menschen solchen Gruppen an, weil sie in wichtigen Fragen verunsichert oder einsam seien und in der Anhängerschaft der Verschwörungsmythen gesehen und gehört würden.
Frappierend war ein Beispiel in Nocuns Vortrag, das die Segnung eines Priesters vor 2 Millionen Gläubigen betraf. „Für wie dumm halten die mich denn“, habe sie gedacht, als sie diese Nachricht gelesen habe. Doch eine Überprüfung ergab, dass sie wahr war. „Die Verunsicherung fürht am Ende auch dazu, dass wir möglicherweise wahre Nachrichten für falsch halten“, konstatierte Nocun.
Die Referentin riet den Anwesenden, sich vor allem auf seriöse Nachrichtenquellen wie den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zu stützen und die Quellen anderer Nachrichten genauzu überprüfen. Desinformationskampagnen nutzten häufig Internetseiten, die seriös klingende Namen trügen oder bekannten Medien täuschend genau nachgestaltet sind. Am Ende empfahl Nocun auch, Nachrichten nicht „nebenbei“ zu „konsumieren“ und sich auch immer wieder Auszeiten vom Internet zu nehmen.