{"id":9911,"date":"2022-06-15T15:23:34","date_gmt":"2022-06-15T13:23:34","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=9911"},"modified":"2022-06-15T15:24:19","modified_gmt":"2022-06-15T13:24:19","slug":"vergessen-ns-vergangenheit-im-landkreis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=9911","title":{"rendered":"Vergessen: NS-Vergangenheit im Landkreis"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine Studie zur NS-Belastung der Landrats\u00e4mter Marburg und Biedenkopf hat der Historiker Marcel Spannenberger vorgelegt. Das politische F\u00fchrungspersonal war in hohem Ma\u00df am Verfolgungsterror beteiligt.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Auf knapp 200 Seiten fasst Spannenberger seine Recherchen zu den f\u00fchrenden Akteuren in den F\u00fchrungsspitzen zusammen. Mit dieser Studie leistet der Landkreis Marburg-Biedenkopf einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Region.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eF\u00fcr den Landkreis ist es wichtig, m\u00f6glichst viel Licht und Transparenz in der Aufarbeitung dieser dunklen Zeit in den Altkreisen Biedenkopf und Marburg zu erzeugen\u201c, betonte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow bei der Vorstellung der Studie am Dienstag (14. Juni) im Landratsamt. Gleichzeitig sei es besch\u00e4mend, auf dieses schlimme Kapitel der Kreisverwaltung zur\u00fcckzuschauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Umso wertvoller sei die wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung. \u201eMarcel Spannenberger hat sich dieser Aufgabe sehr intensiv und gr\u00fcndlich angenommen\u201c, erl\u00e4uterte Zachow. \u201eDie nun vorliegende Studie erg\u00e4nzt die bereits vorhandene Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ehemaliger politischer Funktionstr\u00e4ger im Landkreis Marburg-Biedenkopf nach dem Zweiten Weltkrieg, die Prof. Dr. Hubert Kleinert im Jahr 2013 erstellt hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als ein besonders auff\u00e4lliges Beispiel ist in der aktuellen Studie Hans Krawielitzki (1900 bis 1992) in der Studie erw\u00e4hnt. Er war der m\u00e4chtigste politische Akteur im Marburger Landratsamt. 1934 l\u00f6ste er den konservativen Verwaltungsjuristen Ernst Schwebel als Landrat ab und blieb es bis 1945.<\/p>\n\n\n\n<p>Krawielitzki galt als \u201ealter K\u00e4mpfer\u201c, weil er schon 1927 in die NSDAP eingetreten war. Er hatte ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Propaganda und ein Talent f\u00fcr b\u00fcrokratische Organisation.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon 1920 hatte er sich als Freiwilliger des Marburger Studentenbataillons an der Niederwerfung des kommunistischen Aufstands in Th\u00fcringen beteiligt. Sp\u00e4testens ab 1928, als er ohne Hochschulabschluss nach acht Jahren Studium exmatrikuliert wurde, widmete er sich der Partei in Vollzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Spannenberger, der mit der Studie zugleich seine von Prof. Dr. Eckhart Conze betreute Masterarbeit vorlegte, beschreibt Krawielitzki als sehr gut vernetzten Politiker, der nahezu alle NS-Gr\u00f6\u00dfen f\u00fcr Wahlkampfauftritte nach Marburg holte. So sprach Adolf Hitler an seinem Geburtstag am 20. April 1932 in der Universit\u00e4tsstadt. 1933 zog Krawielitzki f\u00fcr die NSDAP in die Stadtverordnetenversammlung ein, war von 1934 bis 1945 Ratsherr und ab November 1933 Reichstagsmitglied.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6hepunkt seines Lebenslaufs war jedoch die Ernennung zum Landrat. Aufgrund seiner Verdienste f\u00fcr die Partei war er im Gegensatz zu seinem Vorg\u00e4nger nahezu unangreifbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem verstand er sich als \u201eein dezidiert nationalsozialistischer Landrat\u201c, wie Spannenberger schreibt. So gelobte Krawielitzki bei seiner offiziellen Amtseinf\u00fchrung: \u201eWenn ich als Nationalsozialist diesen Kreis verwalten werde, so soll zu jeder Zeit der Wille des F\u00fchrers erf\u00fcllt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wiederholt ging er gemeinsam mit seinem F\u00fchrungspersonal gegen Menschen vor, die \u201ekommunistischer Umtriebe\u201c oder einer politisch nonkonformen Haltung verd\u00e4chtigt wurden. Nur im \u201eKirchenkampf\u201c vertrat er als Pfarrerssohn eine relativ gem\u00e4\u00dfigt Linie.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zentrale Rolle spielte auch das F\u00fchrungspersonal um Krawielitzki bei der Verfolgung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung. Der Landrat erzwang die \u201eArisierung\u201c j\u00fcdischen Grundbesitzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur ersten Deportation aus dem Kreis am 8. Dezember 1941 ist eine vertrauliche Verf\u00fcgung an den B\u00fcrgermeister von Kirchhain von Krawielitzkis Stellvertreter Ludwig Seufer \u00fcberliefert. Danach sollten alle Juden der Gemeinde namentlich angegeben werden: \u201eDie Kinder, die dort noch wohnhaft sind, d\u00fcrfen unter keinen Umst\u00e4nden vergessen werden\u201c, hei\u00dft es darin. Das Ziel war die Weitergabe verl\u00e4sslicher Zahlen an die Geheime Staatspolizei (Gestapo).<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich sorgte er zusammen mit den B\u00fcrgermeistern f\u00fcr den reibungslosen Ablauf. So seien die zur\u00fcckgelassenen Verm\u00f6genswerte der Deportierten sicherzustellen und die Wohnungsschl\u00fcssel in Verwahrung zu nehmen. Weiter hie\u00df es, dass bei der polizeilichen Abmeldung in den Melderegistern \u201enicht der Zielort, sondern lediglich \u201aunbekannt verzogen\u2018 anzuf\u00fchren\u201c sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 3. August 1943 berichtete Krawielitzki, dass die Gemeinden Schweinsberg und Mardorf jetzt auch \u201ejudenfrei\u201c seien. Die Judenfamilien aus diesen Gemeinden seien nun gemeinsam in Rauischholzhausen untergebracht, wodurch man die Juden besser kontrollieren k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei der dritten Deportation am 6. September 1942 gab es detaillierte Handlungsanweisungen, etwa f\u00fcr bettl\u00e4gerige Juden, die mit einem geeigneten Fahrzeug an die Bahn gebracht werden sollten. \u201eDie Kosten hierf\u00fcr tragen die Juden\u201c, hatte das Landratsamt damals gesagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ihrem Vorgehen habe die Kreisverwaltung nicht den Eindruck vermittelt, \u201ezur Deportation infrage kommende Personen zur\u00fcckgehalten zu haben\u201c, urteilt Autor Spannenberger. \u201eVielmehr scheint sie hier eine penible Gr\u00fcndlichkeit an den Tag gelegt zu haben\u201c, schreibt er nach der Untersuchung der Akten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der NS-Landrat Krawielitzki wurde 1948 zu einer Gef\u00e4ngnisstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Ab dann blieb er politisch zur\u00fcckhaltend, obwohl er regelm\u00e4\u00dfig an Altnazi-Treffen in C\u00f6lbe teilnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFast acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung Deutschlands von der nationalsozialistischen Herrschaft zeigt die Studie von Marcel Spannenberger, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus noch immer nicht umfassend aufgearbeitet sind, ja dass jede Generation neue Fragen an die Geschichte und Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus stellt\u201c, betonte Conze. \u201eEinen Schlussstrich kann es nicht geben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Spannenberger sei ein junger Historiker f\u00fcr das Projekt gewonnen worden, der wichtige Ergebnisse zutage gef\u00f6rdert und die Entwicklungen in den Kreisen Marburg und Biedenkopf in breitere Zusammenh\u00e4nge gestellt habe. \u201eDamit leistet er auch einen Beitrag zur Geschichte von Kommunalpolitik und kommunaler Verwaltung in der NS-Zeit\u201c, stellte Conze fest. \u201eUnser Wissen \u00fcber die Geschichte und die Verbrechen des Nationalsozialismus auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Marburg-Biedenkopf wird dadurch erheblich erweitert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Landkreis Marburg-Biedenkopf als Auftraggeber f\u00fcr diese Studie unterst\u00fctzte die wissenschaftliche Aufarbeitung als Ansprechpartner. Er stellte Literaturlisten, zeitgen\u00f6ssische Materialien und Informationen zur Verf\u00fcgung, vermittelte Kontakte zu Personen, Archiven und Institutionen und sorgt nun f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung der Studie im Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vollst\u00e4ndige Studie mit dem Titel \u201eDas F\u00fchrungspersonal der Landrats\u00e4mter Marburg und Biedenkopf in der NS-Zeit\u201c ist ab sofort online unter <a href=\"https:\/\/www.marburg-biedenkopf.de\/2022-06-13-Marcel-Spannenberger-NS-Studie-Landkreis_2.pdf\">www.marburg-biedenkopf.de\/2022-06-13-Marcel-Spannenberger-NS-Studie-Landkreis_2.pdf<\/a> zu lesen. Dort ist auch die erw\u00e4hnte Studie von Prof. Dr. Hubert Kleinert zu finden. Auch ist es der Erinnerungsarbeit des Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) in Stadtallendorf zu verdanken, dass die aktuelle Studie angefertigt wurde. Das DIZ hatte darauf aufmerksam gemacht, dass das Wirken des nationalsozialistischen Landrats Krawielitzki bisher nur punktuell erforscht worden sei. Die verstorbene Landr\u00e4tin Kirsten Fr\u00fcndt und der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow hatten es sich zum Anlass genommen, mit Conze sich um eine Untersuchung zu bem\u00fchen.<\/p>\n\n\n\n<p>*pm: Landkreis Marburg-Biedenkopf<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Studie zur NS-Belastung der Landrats\u00e4mter Marburg und Biedenkopf hat der Historiker Marcel Spannenberger vorgelegt. 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