{"id":9892,"date":"2022-06-15T12:26:49","date_gmt":"2022-06-15T10:26:49","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=9892"},"modified":"2022-06-21T17:01:20","modified_gmt":"2022-06-21T15:01:20","slug":"verschickt-traumatische-erfahrungen-in-ferienheimen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=9892","title":{"rendered":"Verschickt: Traumatische Erfahrungen in Ferienheimen"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eIch will da nicht hin, aber ich muss\u201c, las Willi Schmidt aus \u201eVerschickungsjunge\u201c vor. Sein Roman erz\u00e4hlt von seinen Erlebnissen, als Kind in ein Heim verschickt zu werden.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Am Dienstag (14. Juni) gab Schmidt eine Lesung in der Waggonhalle. Er berichtete von den sogenannten \u201eVerschickungskindern\u201c, die fr\u00fcher wegen Krankheit oder Untergewicht f\u00fcr mehrere Wochen ans Meer oder in die Berge geschickt wurden, um wieder gesund zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt hatte w\u00e4hrend seines ersten Heimaufenthalts in Karlshafen keine guten Erfahrungen. Er musste alle seine Besitzt\u00fcmer abgeben, er wurde \u2013 auch im Intimbereich \u2013 schmerzhaft von einer Nonne gewaschen, und wenn er anfing zu weinen bekam er eine Ohrfeige.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle Jungen in dem Heim bekamen des Nachts Ohrfeigen, \u201ebis alle ihr Weinen ins Kissen gedr\u00fcckt haben, bis es verstummt\u201c, berichtete er. Auch stolpern beim Spazieren, sowie reden oder schmatzen beim Essen wurde mit Schl\u00e4gen bestraft.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt erz\u00e4hlte von dem Heim als sei es ein Gef\u00e4ngnis, eine Welt \u201ein der nur Kontrolle, Strafe und F\u00fcgsamkeit existieren\u201c. Damals versuchte er, nicht aufzufallen, so zu tun, als sei er gar nicht da. Er hatte Heimweh.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine zweite Verschickung erfolgte drei Jahre sp\u00e4ter, nach St. Peter-Ording. Auch dort wurden die Betreuerinnen \u201eTanten\u201c genannt, aber es waren keine Nonnen. Er mochte die meisten nicht, nur Tante B\u00e4rbel.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante B\u00e4rbel war immer nett zu ihm. Er musste sich nie verstellen. Da er ein recht sensibler Junge war, wurde er oft \u201eM\u00e4dchen\u201c genannt, und konnte sich nicht an die anderen Jungen anpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schmidt schilderte au\u00dferdem ein Erlebnis in der Dusche. Er hatte Tante B\u00e4rbel durch einen T\u00fcrspalt beim Duschen beobachtet, schlich sich von hinten an sie an und umarmte sie. Sie lie\u00df es zun\u00e4chst zu, dann stie\u00df sie ihn weg. Als der \u201eChef\u201c des Heims die beiden erwischte, fl\u00fcchtete Schmidt, konnte aber durch den T\u00fcrspalt beobachten, wie der Chef die frierende und nackte B\u00e4rbel angrinste.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch berichtete Schmidt von einem anderen Jungen, der nur \u201eder Professor\u201c genannt wurde. Zuerst war er w\u00e4hrend des Unterrichts genervt von diesem Jungen, weil er viel wusste. Sp\u00e4ter wollte er jedoch mit ihm befreundet sein. Sie teilten sich ein Zimmer, mit vier anderen Jungen. W\u00e4hrend einer Gewitternacht hielten sie sich an den H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch dort hatte Schmidt Heimweh. Als er seinen Eltern davon schreiben wollte, wurde sein Brief konfisziert. Der Chef diktierte ihm einen neuen Brief, in dem nur Gutes stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine \u201eechten\u201c Briefe kamen nie bei den Eltern an. \u201eIhr schickt mich nicht nochmal weg?\u201c, fragte er sie als er wieder zu Hause war. Er m\u00fcsse nicht, wenn er nicht wolle, antworteten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Lesung war ein weiterer Mann aus dem Marburger Verschickungskinder Verein dabei. Torsten, der seinen Nachnamen nicht ver\u00f6ffentlichen will, berichtete, dass er mit vier Jahren wegen starkem Asthma f\u00fcr sechs Wochen nach B\u00fcsum an der Nordsee geschickt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Am schlimmsten war f\u00fcr ihn der Kontaktabbruch mit den Eltern gewesen. \u201eMan denkt, das geht hier nie zu Ende\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit acht Jahren wurde er ein weiteres Mal verschickt, diesmal nach Bad Reichenhall in die Berge. Dort litt auch er unter strenger Briefzensur. Ein vorgegebener Text an die Eltern wurde von einer Tafel abgeschrieben. Die Briefe der Mutter erhielt er alle ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lesung hatte viele Interessenten angezogen, viele im Publikum waren zwischen den 60er und 80er Jahren selbst verschickt worden. \u00dcber ein Dutzend meldeten sich mit eigenen Erfahrungsberichten zu Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige hatten ganz andere Erfahrungen als Schmidt und Torsten gemacht. Zwei M\u00e4nner berichteten davon, wie sch\u00f6n es f\u00fcr sie war, das Meer zum ersten Mal zu sehen. F\u00fcr Einen war es sch\u00f6n, mal von daheim wegzukommen und etwas anderes zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Mann berichtete von seiner T\u00e4tigkeit als Betreuer in einem Verschickungsheim. Sein Ziel war es vorrangig, den Kindern ein sch\u00f6nes Erlebnis zu schaffen. Viele Eltern konnten sich keinen Urlaub leisten, f\u00fcr die Kinder war die neue Umgebung also etwas au\u00dfergew\u00f6hnliches.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele andere schlossen sich allerdings auch den Berichten \u00fcber schlimme Erfahrungen an. Vor allem das Heimweh war f\u00fcr die meisten eine gro\u00dfe Schwierigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Frau berichtete, dass ihre Mutter geweint habe, als sie aus der Verschickung wiederkam. So wesensver\u00e4ndert sei sie gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere erinnerte sich daran, dass Kinder mit Ekzemen nachts ans Bett gefesselt wurden, um sich nicht zu kratzen. Auch sie litt darunter, nicht mit den Eltern telefonieren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr eine der Besucherinnen der Lesung bedeutete die Verschickung langanhaltende traumatische Erinnerungen. Aufgrund eines Missverst\u00e4ndnisses wurde die 10-j\u00e4hrige zur Strafe stundenlang in Unterw\u00e4sche in den eiskalten und dunklen Keller gesperrt, bis der Hausmeister sie befreite. Bis heute beeintr\u00e4chtigt sie dieses Erlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Publikum gab es au\u00dferdem eine langanhaltende Diskussion zu den Beweggr\u00fcnden der Eltern. Eine Frau hielt daran fest, dass die Eltern es h\u00e4tten besser wissen m\u00fcssen. Viele waren im Krieg gro\u00df geworden. Aus eigenen Erfahrungen von Flucht und Vertreibung sowie eigener Verschickung h\u00e4tten sie besser schlie\u00dfen m\u00fcssen, behauptete sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch einige M\u00fctter meldeten sich zu Wort. Sie h\u00e4tten ihr Kind mit vier Jahren nie weggeben k\u00f6nnen, sagten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele verteidigten ihre Eltern jedoch. Das Kind soll was erleben, es soll gesund werden, mal was Gutes zu essen bekommen und an die frische Luft, waren die Argumente. Au\u00dferdem wurde \u00e4rztliche Autorit\u00e4t nicht hinterfragt, wenn die Verschickung einer entsprechenden Diagnose zugrunde lag.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Unwissenheit der Eltern und dass es noch keine Trauma-Forschung gab, wurden als Argumente angef\u00fchrt. \u201eEs hat niemand \u00fcber die Psyche gesprochen, \u00fcber die Psyche von Kindern schonmal gar nicht\u201c, sagte eine Besucherin.<\/p>\n\n\n\n<p>*Laura Schiller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch will da nicht hin, aber ich muss\u201c, las Willi Schmidt aus \u201eVerschickungsjunge\u201c vor. 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