{"id":9850,"date":"2022-06-11T15:56:37","date_gmt":"2022-06-11T13:56:37","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=9850"},"modified":"2022-06-11T16:32:47","modified_gmt":"2022-06-11T14:32:47","slug":"gelesen-kanadische-literatur-ueber-grenzen-hinweg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=9850","title":{"rendered":"Gelesen: Kanadische Literatur \u00fcber Grenzen hinweg"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eImmer ein Kanadist im Herzen\u201c, nannte Andrea Meyer Prof. Dr. Martin Kuester. Zeitgleich mit dem Beginn seines Ruhestands beging das Kanada-Zentrum der Philipps-Universit\u00e4t sein 20. Jubil\u00e4um.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Die 20. Tagung des Kanada-Zentrums vom Donnerstag (9. Juni) bis Samstag (11. Juni) lief unter dem Titel \u201eJourneys across B\/Orders\u201c (\u201eReisen \u00fcber Grenzen\/Ordnungen\u201c). So wie man \u00fcber den Titel stolpert, w\u00fcrden viele auch \u00fcber Grenzen stolpern, sagte Meyer, die von der kanadischen Botschaft in Berlin angereist war. 100 Millionen Fl\u00fcchtlinge seien zurzeit dabei, Grenzen zu \u00fcberschreiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konferenz befasste sich haupts\u00e4chlich mit Reisen, Grenzen und Ordnungen in kanadischer Gesellschaft und Literatur. Akademikerinnen und Akademiker aus der ganzen Welt sowie kanadische Autorinnen und Autoren waren dazu nach Marburg gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter war die kanadische Romanautorin Larissa Lai, die am Freitag (10. Juni) aus ihren Werken las. Auf dem Programm standen zahlreiche Panels, Lesungen und Diskussionen zu Themen aus Literatur, Literaturkritik, Kulturwissenschaften, Linguistik und Fachdidaktik.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Alessandra Boller von der Universit\u00e4t Siegen erkl\u00e4rte, dass Grenzen oft von paradoxer Natur sein. Eigentlich nur imagin\u00e4re Linien zwischen angrenzenden Bereichen, seien sie doch mit so viel mehr verbunden, zum Beispiel mit Menschenrechten, Heimat, Dazugeh\u00f6rigkeit, Ausgrenzung, Moralvorstellungen, und vielen mehr. \u201eKanada, was h\u00e4ufig als ein Paradebeispiel f\u00fcr Freiheit und Multikulturalismus betrachtet wird, gibt uns viele M\u00f6glichkeiten, kritisch \u00fcber Grenzen zu diskutieren\u201c, sagte Boller.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKuesters Einsatz f\u00fcr Kanadische Studien hat Grenzen \u00fcberschritten\u201c, sagte Walaa\u2018 Said vom Zentrum f\u00fcr Nah- und Mitteloststudien der Philipps-Universit\u00e4t. Vor 20 Jahren \u00fcbernahm er die Leitung der \u201eInterdisziplin\u00e4ren Arbeitsgruppe Kanada\u201c. Daraus entwickelte sich das Kanada-Zentrum, das daf\u00fcr sorgte, dass Marburg einer der wichtigsten Standorte f\u00fcr Kanada-Studien in Deutschland wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Tagung eingeladen war auch einer von Kanadas \u201epoet laureates\u201c (\u201epreisgekr\u00f6nter Dichter\u201c). \u201eGeorge Elliott Clarke ist einer der f\u00fchrenden Stimmen kanadischer Dichtung\u201c, stellte Kuester den Autor vor, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Clarkes Feder stammen zahlreiche Gedichtb\u00e4nde, Romane, B\u00fchnenst\u00fccke, akademische Artikel und sogar eine Kammeroper. Zu der Konferenz brachte er zwei seiner Werke mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst las er aus \u201eCanticles II\u201c. Das epische Gedicht wird sich in sechs B\u00e4nde aufteilen, wovon drei bereits erschienen sind. Sie erz\u00e4hlen die Geschichte der Menschheit neu.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCanticles II\u201c ist dabei eine nacherz\u00e4hlte Form des Alten Testaments und einiger biblischer Apokryphen aus der Perspektive eines Afro-Kanadier &#8211; \u201eAfricadians\u201c &#8211; wie Clarke. \u201eIch m\u00f6chte dabei keinesfalls blasphemisch r\u00fcberkommen\u201c, stellte er klar.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtigkeit habe dabei f\u00fcr ihn vor allem die Stelle aus Salomon 1.5 \u201eI am black and beautiful\u201c (\u201eIch bin schwarz und sch\u00f6n\u201c). Diese Passage habe in der Vergangenheit wie heute schwarzen Menschen dabei geholfen, sich selbst als sch\u00f6n und w\u00fcrdig anzusehen, obwohl ihnen die Welt das Gegenteil zu vermitteln versuchte. Es gab ihnen etwas, woran sie sich festhalten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Werk, welches Clarke mitbrachte, war der Gedichtband \u201eJ\u2019accuse\u201c. Er behandelt die Zeit, in der Clarke \u201egecancelt\u201c wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Er berichtete von dem Kontext. Ein Mann namens Stephen Kummerfield gab ihm seine Gedichte zu lesen, die Clarke als sehr gut empfand. Daraus entwickelte sich eine 14-j\u00e4hrige Brieffreundschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>2019 gestand ihm Kummerfield, dass er 1995 zusammen mit einem anderen Mann die indigene Frau Pamela George vergewaltigt und umgebracht hatte. Weil George eine Sexarbeiterin war, erhielt Kummerfield nur dreieinhalb Jahre Gef\u00e4ngnisstrafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Clarke das h\u00f6rte, beendete er die Freundschaft sofort. Zu dieser Zeit sollte er eine Rede \u00fcber Morde an indigenen Frauen halten. Die Familie der ermordeten George wandte sich an das kanadische Fernsehen, da sie annahmen, dass Clarke den M\u00f6rder verteidigen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Clarke stammt selbst von dem indigenen Volk der Cherokee ab und wollte seinen Vortrag George widmen. Aber eine Cancel-Kampagne behauptete, er st\u00fcnde auf der Seite der M\u00f6rder. \u201eSie wollten mich durch ihren Schlamm ziehen\u201c, berichtete er.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Gedicht in \u201eJ\u2019accuse\u201c ist ein Gesang gegen den Genozid an indigenen V\u00f6lkern, den Clarke bereits 2017 schrieb. Beim Vortragen wurde er sehr emotional und dabei immer lauter. Man merkte, wie nah ihm das Thema ging. Der Gesang forderte Gerechtigkeit f\u00fcr die \u201eMassakrierten\u201c, und wiederholte oft \u201esomeone\u2019s guilty of a million crimes\u201c (\u201eirgendjemand ist schuld an Millionen Verbrechen\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>*Laura Schiller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eImmer ein Kanadist im Herzen\u201c, nannte Andrea Meyer Prof. Dr. Martin Kuester. Zeitgleich mit dem Beginn seines Ruhestands beging das Kanada-Zentrum der Philipps-Universit\u00e4t sein 20. 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