{"id":9500,"date":"2022-05-14T11:07:24","date_gmt":"2022-05-14T09:07:24","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=9500"},"modified":"2022-05-16T12:32:33","modified_gmt":"2022-05-16T10:32:33","slug":"im-interview-buehnenautorin-maya-arad-yasur-in-marburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=9500","title":{"rendered":"Im Interview: B\u00fchnenautorin Maya Arad Yasur in Marburg"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDas war eine Nacht an die ich mich das ganze Leben lang erinnern werde\u201c, sagt Maya Arad Yasur. Damals wurde ihr klar, dass sie B\u00fchnenautorin werden wollte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Autorin aus Tel Aviv war am Dienstag (3.Mai) zu Gast beim Hessischen Landestheater Marburg (HLTM). Aus Israel angereist war sie, um einer Auff\u00fchrung ihres St\u00fccks \u201eAmsterdam\u201c beizuwohnen.<\/p>\n<p>Yasur erz\u00e4hlt von einem ungew\u00f6hnlichen Moment, an dem sich ihr weiteres Leben entschied. Als sie ihr Bachelor-Studium in Israel anfing und mit ihren Kursen in Kommunikation und Business eher ungl\u00fccklich war, unternahm sie eine Reise nach Irland. In Dublin nahm sie an einer Stadtf\u00fchrung zu Oscar Wilde teil. An einem verregneten Tag f\u00fchrte ein Schauspieler sie zu Schaupl\u00e4tzen aus Wildes St\u00fccken und seinem Leben. \u201eUnd ich erinnere mich, dass ich mich dann dazu entschied, Business mit Theater zu tauschen\u201c, erkl\u00e4rt sie. \u201eDas ist einfach etwas, was mich antreibt.\u201c Diese Entscheidung traf sie, obwohl es in Israel oft schwierig ist, k\u00fcnstlerische Berufe auszu\u00fcben. \u201eViele Menschen sehen Kunst als ein Hobby, es ist sehr schwierig davon zu leben, du musst ein bisschen naiv daf\u00fcr sein.\u201c<\/p>\n<p>Dennoch beschloss sie, Autorin zu werden, trotz der Sorge, damit kein Geld zu verdienen. Nachdem sie ihren Bachelor in Kommunikation und Theater in Jerusalem abgelegt hatte, kam sie nach Amsterdam, um Dramaturgie zu studieren. Als Produktionsdramaturgin in den Niederlanden lernte sie das Theatergesch\u00e4ft gut kennen, aber sie hatte auch den Vorteil einer gewissen Distanz. Als ihr erstes eigenes St\u00fcck auf die B\u00fchne kam, lagen ihre Nerven blank. Die erste professionelle Inszenierung am Nationalen Theater in Jerusalem lief sehr gut. Die erste schlechte Kritik war f\u00fcr sie dann aber sehr hart. Sie hat gelernt, jedem einzelnen Satz in ihren Texten zu 100% Prozent zu vertrauen. Weil wenn man nicht sicher ist, dass der Satz hineingeh\u00f6rt, ist das das, was im Endeffekt kritisiert wird. \u201eUnd dann wirst du denken, ah, ich wusste es! Ich h\u00e4tte ihn rausnehmen m\u00fcssen! Nimm ihn einfach raus. Hab Vertrauen in jedes Wort, und dann ist alles was die Kritiken sagen in Ordnung, weil du die Verantwortung \u00fcbernommen hast. Du hast dar\u00fcber nachgedacht, du hast dich dazu entschlossen es f\u00fcr einen guten Grund drin zulassen, und wenn das der Kritiker nicht versteht, ist das sein Problem.\u201c<\/p>\n<p>Bislang wurden Yasurs St\u00fccke in 11 Sprachen aufgef\u00fchrt. Ihre eigenen St\u00fccke in einer anderen Sprache zu h\u00f6ren ist aber nochmal etwas ganz anderes. Manchmal sei es frustrierend, nicht alles zu verstehen, und die Schauspieler nur schwer beurteilen zu k\u00f6nnen. Als ehemalige Dramaturgin legt sie jedoch gro\u00dfen Wert auf Elemente wir den Rhythmus und die Choreografie.<\/p>\n<p>\u201eAmsterdam\u201c hatte schon viele Produktionen. Bei der ersten Auff\u00fchrung war Yasur sehr aufgeregt, aber je mehr Inszenierungen sie sieht, desto leichter f\u00e4llt es ihr loszulassen. Jetzt ist sie eher neugierig auf was sie erwartet und findet es gut, \u00fcberrascht zu werden. Manchmal hat sie auch schon Interpretationen gesehen, die sie f\u00fcr nicht m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Aber sie sagt, \u201eRegisseure finden Hinweise und entscheiden welche Hinweise sie in den Vordergrund stellen\u201c. Jedes Mal lernt sie etwas Neues \u00fcber ihre St\u00fccke.<\/p>\n<p>In Yasurs Theaterst\u00fcck \u201eAmsterdam\u201c geht es um eine schwangere Geigerin, die eine alte Gasrechnung \u00fcber 1.700 Euro aus dem Jahr 1944 zugestellt bekommt. Sie versucht das Leben als Emigrierte in Amsterdam zu bew\u00e4ltigen und dem Ursprung der Rechnung auf den Grund zu kommen.<\/p>\n<p>Yasur schrieb Amsterdam, als sie schon drei Jahre wieder in Israel lebte und darauf zur\u00fcckblickte, warum sie Amsterdam verlie\u00df. \u201eEs ist im gr\u00f6\u00dferen Sinne ein Portrait meiner mentalen Erfahrung. Ich habe keinen Anti-Semitismus erfahren, nat\u00fcrlich habe ich keine Gasrechnung f\u00fcr 1.700 Euro bekommen, und ich war nicht schwanger. Also sind viele Dinge nicht biographisch. Aber selbst der Gedanke schwanger zu werden, nur der Gedanke Kinder zu haben und sie dort gro\u00dfzuziehen, l\u00f6ste den Prozess aus, mental mit meiner Immigrationserfahrung klarzukommen, und hat zu der Entscheidung gef\u00fchrt nach Israel zur\u00fcckzugehen.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt, neun Jahre nachdem sie wieder in Israel wohnt, bereut sie diese Entscheidung manchmal, und denkt oft dar\u00fcber nach, wieder nach Amsterdam zu ziehen. Aber mit zwei Kindern, die die Sprache neu erlernen m\u00fcssten, w\u00e4re das ein schwieriger Schritt. Wenn sie mit ihrer Doktorarbeit fertig ist, k\u00f6nnte sich diese Frage erneut stellen, Sie sagt, \u201eich habe mein Leben immer so gef\u00fchrt, mich einfach vom Leben leiten zu lassen\u201c.<\/p>\n<p>Ihr St\u00fcck \u201eAmsterdam\u201c beinhaltet Elemente, die die schwierige Vergangenheit des Holocausts verarbeiten. Ihr St\u00fcck in der \u201eSprache der T\u00e4ter\u201c zu sehen, war f\u00fcr Yasur noch nie ein Problem. Sie erz\u00e4hlt, dass die deutsche Sprache in Israel haupts\u00e4chlich mit Filmen \u00fcber den Zweiten Weltkrieg assoziiert wird. Deswegen klang sie f\u00fcr sie fr\u00fcher oft aggressiv oder angsteinfl\u00f6\u00dfend. Mittlerweile stehen Sprache und Geschichte f\u00fcr sie allerdings nicht mehr in Verbindung.<\/p>\n<p>Die Niederlande h\u00e4tten eine andere Auffassung von den Geschehnissen des Zweiten Weltkriegs. Die Niederl\u00e4nder pr\u00e4sentierten vor allem die Narrative des Widerstands gegen die Nazis. Es best\u00fcnde vor allem der Glaube, die Niederl\u00e4nder h\u00e4tten den Juden immer geholfen. Anne Frank sei das Symbol daf\u00fcr geworden. Selbst die Israelis glaubten, die Niederl\u00e4nder seien immer gut zu den Juden gewesen. Allerdings seien 75% der niederl\u00e4ndischen Juden in den Lagern umgekommen. \u201eEs gab eine sehr gro\u00dfe Anzahl an Leuten, die den Juden geholfen haben, UND eine gro\u00dfe Anzahl an Kollaborateuren\u201c.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg seien Juden in den Niederlanden nicht sehr willkommen gewesen. Oft konnten sie nicht in ihre Wohnungen zur\u00fcck. Yasur berichtet von einer Studentin namens Charlotte van den Bergh, die in einem Archiv die Korrespondenz zwischen den Zur\u00fcckkehrenden und der Stadt Amsterdam gefunden hat. Von den Juden wurde erwartet, dass sie die Gasrechnungen f\u00fcr die Monaten ihrer Abwesenheit zahlen. Als Yasur diesen Artikel las, wusste sie, wie Amsterdam anfangen wird. Mit einer Gasrechnung, die seit 1944 nicht bezahlt wurde. Denn wenn die Wohnung doch Monate leer stand, wer hat dann das Gas verbraucht?<\/p>\n<p>\u201eAmsterdam\u201c von Maya Arad Yasur, in Regie von Eva Lange, l\u00e4uft noch ein letztes Mal am Mittwoch (18. Mai) im Erwin-Piscator-Haus (EPH). Au\u00dferdem verriet Yasur, dass sie bald einen Roman ver\u00f6ffentlichen wird. Geschrieben hat sie ihn w\u00e4hrend ihrer Zeit in Amsterdam.<\/p>\n<p>*Laura Schiller<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas war eine Nacht an die ich mich das ganze Leben lang erinnern werde\u201c, sagt Maya Arad Yasur. 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