{"id":9364,"date":"2022-05-04T12:11:34","date_gmt":"2022-05-04T10:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=9364"},"modified":"2022-05-04T14:54:11","modified_gmt":"2022-05-04T12:54:11","slug":"grenzerfahrung-eine-nacht-in-polen-und-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=9364","title":{"rendered":"Grenzerfahrung: Eine Nacht in Polen und der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Ich sehe eine Mutter mit ihrem acht bis neunj\u00e4hrigen Sohn. Ich strecke meine Hand aus, um dem Kind den viel zu schweren Koffer abzunehmen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSie laufen in Richtung ukrainischer Grenze. Der Sohn greift nach meiner Hand, m\u00f6chte an die Hand genommen werden.<br \/>\nUm Fliehenden Menschen zu helfen bin ich mit den Pfadfindern an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. Dort war ich von Samstag (02. April) bis Sonntag (10. April).<br \/>\nIch helfe einem Mann, sein Gep\u00e4ck auf die ukrainische Seite der Grenze zu transportieren. In einem Checkpunkt auf der Ukrainischen Seite kommt ein Grenzpolizist zu mir und \u00f6ffnet eine kleine Tasche an seiner Hose. Darin: vier Magazine. &#8222;Do you want some?&#8220;<br \/>\nAuf der Ukrainischen Seite der Grenze ist eine Schlange. Ich m\u00f6chte Decken nach hinten in die Schlange bringen, da vorne schon viele Menschen eine Decke haben. Wir haben nicht Decken f\u00fcr alle und es ist schwierig, einem Kind (auf Englisch, dass es nicht versteht) zu erkl\u00e4ren, warum ich die Decke nach hinten bringe.<br \/>\nWie soll man es da durch schaffen? Nach hinten haben es nur eine Decke und zwei Jacken geschafft. Auf der Ukrainischen Seite der Grenze spielen Kinder Fu\u00dfball, um sich die Wartezeit zu verk\u00fcrzen.<br \/>\nIch habe einer Familie dabei geholfen, ihre Koffer von der Ukrainischen zur polnischen Grenze zu tragen. Sie hatte eine Katze dabei.<br \/>\nAuf der polnischen Seite gibt es ein Zelt f\u00fcr die Versorgung von Tieren. Dort haben sie Katzenfutter, eine gr\u00f6\u00dfere Tansportbox, eine Katzenleine, Medizin und sogar ein Kuscheltier zum spielen bekommen.<br \/>\nDie Familie hat in einem Zelt geschlafen. Am n\u00e4chsten Morgen wollte ich schauen, wie es der Familie geht, aber sie ist schon weiter gezogen. Weiter, zum n\u00e4chsten Punkt einer langen Reise.<br \/>\nNach einer lagen Reise sind inzwischen knapp 1.000 Ukrainer*innen auch in Marburg angekommen. Nach ihrer Ankunft kommen viele beim Georg-Gassmann-Stadion unter. Von den Geflohenen sind 45 Menschen inzwischen wieder in ihre Heimat zur\u00fcckgekehrt.<br \/>\nEs war sehr interessant, diese Situation, die man nur aus den Medien kennt, mit eigenen Augen zu sehen. An der polnischen Grenze war die Atmosph\u00e4re freundlich und offen, jeder half jedem, Kinder bekamen Spielzeug, Menschen bekamen etwas zu essen. Und davon gab es mehr als genug.<br \/>\nEs gab Pizza, indisches Essen und improvisiertes warmes Essen, Sandwiches, Tee, Kaffee, alles, was man sich vorstellen kann. Sogar in der Nacht, rund um die Uhr.<br \/>\nAuf der ukrainischen Seite war die Stimmung sehr traurig und viele Menschen weinten. Es waren ihre letzten Schritte auf der ukrainischen Seite der Grenze.<br \/>\nAuf der polnischen Seite der Grenze wussten einige Freiwillige nicht, was sie tun sollten, weil wir zu viele waren. Auf der ukrainischen Seite wurden die Menschen gebraucht. Ich kann v\u00f6llig verstehen, wenn Menschen nicht auf die ukrainische Seite gehen wollen.<br \/>\nEs ist auch eine pers\u00f6nliche Grenze, die man \u00fcberschreitet, wenn man auf die ukrainische Seite geht. Auch wenn es sicher ist, das Adrenalin in deinem K\u00f6rper l\u00e4sst dich ausflippen. F\u00fcr deinen Kopf ist das eine Gefahrenzone.<br \/>\nIch habe viele freundliche Freiwillige aus Belgien, Italien, den USA, Mexiko und sogar Australien getroffen. Sie waren zwischen zwei Tagen und drei Wochen dort.<br \/>\nJeder hat sich um jeden gek\u00fcmmert, es war wie ein gro\u00dfes Pfadfinderlager. Ich vermisse die Atmosph\u00e4re ein bisschen. Au\u00dferdem habe ich viele freundliche Pfadfinder getroffen und wir waren wie eine gro\u00dfe Familie. Wir folgen uns jetzt gegenseitig auf Instagram.<br \/>\nVon den Pfadfindern, die nur eine Weile geblieben sind, war ich, abgesehen von den Leitern, der einzige, der sieben Tage geblieben ist. Es war hart, 12 Stunden am St\u00fcck da zu sein.<br \/>\nEs gab zwei Schichten: von 10 bis 22 Uhr und von 22 bis 10 Uhr. Ich hatte die Aufgabe, mich um die fl\u00fcchtenden Menschen zu k\u00fcmmern, die in den Zelten waren, die die Pfadfinder gebaut hatten. Dort gab es Betten, in denen die Menschen schlafen und sich beruhigen konnten.<br \/>\nTags\u00fcber waren keine Leute da, also ging ich zum Anfang der Grenze und half den Leuten beim Tragen ihrer Koffer. Nachts waren viele Leute da, das Zelt war voll, und ich sah nach, ob es ihnen gut ging. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas brauchen oder etwas trinken\/essen wollen.<br \/>\nIch habe so viel gemacht, dass mir die sieben Tage wie ein Monat vorkamen. Es war eine aufreibende Erfahrung und ich w\u00fcrde es wieder tun, wenn ich k\u00f6nnte. Aber zuerst muss ich meine Gef\u00fchle verarbeiten.<\/p>\n<p>* Luca Mittelstaedt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sehe eine Mutter mit ihrem acht bis neunj\u00e4hrigen Sohn. 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