{"id":8778,"date":"2022-02-13T19:45:46","date_gmt":"2022-02-13T18:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=8778"},"modified":"2022-02-14T08:36:19","modified_gmt":"2022-02-14T07:36:19","slug":"die-schutzlosen-corona-und-die-sucht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=8778","title":{"rendered":"Weinen: Die Schutzlosen, Corona und die Sucht."},"content":{"rendered":"<p>Ich treffe mich mit vier Teilnehmenden an verschiedenen privaten Selbsthilfegruppen. Sie Alle haben mit Suchterkrankungen zutun.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nHorst ist 46 Jahre alt. Er ist ein akut alkoholkranker Mann. Die fr\u00fchere Alkoholikerin Elke ist 55 und lebt seit Jahren n\u00fcchtern.<br \/>\nDie 38-j\u00e4hrige Silvia ist Mutter einer 17-j\u00e4hrigen drogenabh\u00e4ngigen Tochter, die zeitweise auf der Stra\u00dfe lebte. Nils ist ein  Online-Spiele-s\u00fcchtiger junger Mann von 27 Jahren. Sie alle beschreiben eindringlich, wie sie die zwei Jahre Pandemie mit ihren Suchterkrankungen meistern konnten.<br \/>\nSilvia ist seit mehr als sechs Jahren mit der Drogenabh\u00e4ngigkeit ihrer Tochter konfrontiert. Jenny hat mit zw\u00f6lf Jahren angefangen, zu rauchen, zu trinken und zu kiffen, die Schule zu schw\u00e4nzen, in Warenh\u00e4usern zu klauen und in allerlei andere Schwierigkeiten zu geraten. Mit dreizehn Jahren ist sie zum ersten Mal von zu Hause abgehauen, und hat in Marburg in einem abbruchreifen Haus mit \u00e4lteren Jugendlichen zusammen gewohnt. Dort kam sie in Kontakt mit h\u00e4rteren Drogen wie Christal Meth und Heroin.<br \/>\nTabletten, Cannabis, Zigaretten und Alkohol waren an der Tagesordnung. Mit 16 ist sie dann nach Frankfurt in eine Kommune gezogen und war auch zeitweise wohnungslos. Das war vor zwei Jahren als die Corona-Pandemie begann.<br \/>\nF\u00fcr wohnungslose Drogenabh\u00e4ngige wurde mit dem ersten Lockdown bereits die Beschaffungskriminalit\u00e4t aber auch der Zugang zu warmen, trockenen und sicheren Pl\u00e4tzen erschwert. Viele Kaufh\u00e4userpassagen, Schlafst\u00e4tten und soziale Einrichtungen waren geschlossen. Dadurch dass weniger Menschen auf der Stra\u00dfe unterwegs waren, gab es auch weniger die M\u00f6glichkeit durch betteln ein wenig Geld einzunehmen oder Nebenjobs in kleinen L\u00e4den zu \u00fcbernehmen. Dadurch ist laut einer Marburger Sozialarbeiterin die Gewalt innerhalb der Szene wesentlich angestiegen.<br \/>\nDie wenigen M\u00f6glichkeiten, die es gab Unterkunft, Sicherheit oder eine warme Mahlzeit zu erhalten oder Einkommen zu generieren waren hei\u00df begehrt und hart umk\u00e4mpft. In den Warteschlangen vor den Ausgaben wurde nichr ausreichend auf Sicherheitsabstand und Hygieneregel geachtet.<br \/>\nAuch die Prostitution von Minderj\u00e4hrigen in privaten R\u00e4umen nahm zu, w\u00e4hrend k\u00f6rpernahe Dienstleistungen allerdings komplett untersagt waren. Gleichzeitig wuchs aber auch die Angst vor Ansteckung. Oft erlebten die Obdachlosen,\u00a0 dass sie &#8222;wie Auss\u00e4tzige&#8220; behandelt wurden. Beschimpft, bespuckt und verjagt von ihren Bettelpl\u00e4tzen aus Angst und Unwissenheit der Passanten und Anwohnenden.<br \/>\nAber auch Streetworker und Ehrenamtliche\u00a0 in den Drogenhilfe-Einrichtungen wussten noch nicht, wie sie sich mit dem Virus verhalten sollten. Solange es noch keine fl\u00e4chendeckenden Tests und gen\u00fcgend Masken gab, wurde \u00fcbervorsichtig abgewogen, wer einen Schlafplatz bekam und wer nicht.<br \/>\nNat\u00fcrlich war die Mutter von Jenny auch in gro\u00dfer Sorge wie es ihrer Tochter gehen w\u00fcrde wenn sie auf der Stra\u00dfe an Corona schwer erkranken w\u00fcrde. Wer w\u00fcrde ihr zu Hilfe kommen und sie in ein Krankenhaus bringen? Wer wird dann f\u00fcr Jenny da sein? W\u00fcrde sie als Mutter \u00fcberhaupt informiert werden falls ihre Tochter auf der Intensivstation liegt oder an Corona stirbt?<br \/>\nSie ist damals nach Frankfurt gefahren im ersten Lockdown und hat nach ihrer Tochter gesucht. Sie hat versucht, sie nach Marburg zu holen. Im Sommer 2020 ist dir das tats\u00e4chlich gelungen sodass Jenny den Winter Lockdown und das erste Corona Weihnachten 2021 tats\u00e4chlich bei ihrer Familie verbrachte und sich in der Zeit auf das konsumieren von Cannabis beschr\u00e4nkte.<br \/>\nLeider setzte dann mit der M\u00f6glichkeit der Impfung wieder eine gewisse Sorglosigkeit ein. Jenny wollte auf die Stra\u00dfe zur\u00fcckkehren. Zwei ihrer besten Freundinnen begannen aber einen Klinikaufenthalt und best\u00e4rkten Jenny darin, das auch zu versuchen. Ihre Mutter schaffte es mit viel Reden und Zuwendung einen R\u00fcckfall zu verhindern und besorgte ihr einen Platz in einer Einrichtung.<br \/>\nNat\u00fcrlich war auch in dieser Wohngruppe alles mit sehr strengen Corona Auflagen verbunden was das Zusammenleben der Gemeinschaft erschwerte und zus\u00e4tzlichen Stress verursachte damit die ganzen Hygiene Ma\u00dfnahmen eingehalten werden konnen. Besuche war zu Hause waren daher sehr lange in der Einrichtung nicht erlaubt. Ebenso wenig wie Besuche von Angeh\u00f6rigen in der Einrichtung um die Kontakte nach au\u00dfen und die Ansteckungsgefahr m\u00f6glichst gering zu halten. Praktika, Ausfl\u00fcge und andere Au\u00dfenaktivit\u00e4ten mussten unterbleiben.<br \/>\nDamit wurde nat\u00fcrlich auch der Erfolg von Entzugsma\u00dfnahmen und folgenden Therapien durch Corona erheblich gemindert. Genaue Zahlen, Wie Viele durch Corona eher wieder auf der Stra\u00dfe landen oder r\u00fcckf\u00e4llig werden, gibt es nat\u00fcrlich nicht. Die Marburger Sozialarbeiterin sch\u00e4tzt, dass es bis zu 20 Prozent sein k\u00f6nnten, die ohne Corona eine wesentlich bessere Prognose gehabt h\u00e4tten, von illegalen Substanzen weg zu kommen und wieder in Schule Ausbildung oder Familie zur\u00fcck zu kehren.<br \/>\nJenny wohnt nun schon seit fast einem Jahr in der Einrichtung hat dort ihren Hauptschulabschluss fast nachgeholt und hofft im August einen Ausbildungsplatz gefunden zu haben. Sie schreibt jetzt schon Bewerbungen und hofft auf ein gutes Hauptschulabschluss Zeugnis im Sommer.<br \/>\nNat\u00fcrlich schafft die Corona-Situation auch hier gro\u00dfe Ungewissheit, ob das alles gut gehen wird. Wodurch die Motivation bei Jenny schnell negativ beeinflusst wird. Dennoch hofft sie, die Ausbildung zur Lageristin zu schaffen. Sie ist auch ein wenig stolz auf sich, dass sie dies bis jetzt trotz der Corona-Ma\u00dfnahmen in dieser besonderen Zeit so durchgehalten hat. Vielleicht hat das auch ein bisschen zum Zusammenhalt ihrer Familie beigetragen. Ihr ist sehr viel bewusster geworden durch Krankheits- und Todesf\u00e4lle in ihrem Umfeld mit Covid 19 infiziert waren,, wie kostbar und wichtig gemeinsame Zeit mit der Familie ist, ebenso wie wichtig sie Jenny, ihrer Familie auch ist. So gesehen hatte diese zus\u00e4tzliche gr\u00f6\u00dfere Belastungssituation vielleicht sogar etwas Gutes da sie die Menschen die sich brauchten und lieb hatten, n\u00e4her zusammen geschwei\u00dft hat und damit diesen Therapieerfolg m\u00f6glich geworden ist.<\/p>\n<p> * Anna Katharina Kelzenberg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich treffe mich mit vier Teilnehmenden an verschiedenen privaten Selbsthilfegruppen. Sie Alle haben mit Suchterkrankungen zutun.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"Die Schutzlosen: Corona und die Sucht.","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[4],"tags":[2310,1248,1829],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-2hA","jetpack-related-posts":[{"id":1314,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=1314","url_meta":{"origin":8778,"position":0},"title":"Viermal Einsatz: Spies zeichnete B\u00fcrger f\u00fcr Engagement aus","date":"13. November 2017","format":false,"excerpt":"ier B\u00fcrger, die sich seit vielen Jahren f\u00fcr die Gemeinschaft einsetzen, hat Dr. Thomas Spies ausgezeichnet. 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