{"id":8677,"date":"2022-01-29T14:35:14","date_gmt":"2022-01-29T13:35:14","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=8677"},"modified":"2022-01-29T14:35:14","modified_gmt":"2022-01-29T13:35:14","slug":"zwei-monate-ungewissheit-modellrechnungen-zu-auswirkungen-von-omikron","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=8677","title":{"rendered":"Zwei Monate Ungewissheit: Modellrechnungen zu Auswirkungen von Omikron"},"content":{"rendered":"<p>Kann Omikron das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen? Dazu haben Wissenschaftler aus Marburg und der Schweiz Modellrechnungen durchgef\u00fchrrt. <!--more--><br \/>\nOmikron ist scheinbar weniger gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Gesundheit als Delta, aber deutlich infekti\u00f6ser. Die Verbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus SARS-CoV-2 wirft die Frage auf, ob sie das Gesundheitssystem an die Belastungsgrenzen bringen kann.<br \/>\nEmpa-Forschende haben dazu mit Partnern Szenarien f\u00fcr die Schweiz und Deutschland berechnet &#8211; und kommen zum Schluss, dass das unwahrscheinlich ist. Einige Risiken bestehen dennoch. Die Kapazit\u00e4ten von Intensivstationen sind begrenzt und das Pflegepersonal steht unter grosser Belastung.<br \/>\nUm die Gef\u00e4hrdung durch SARS-CoV-2 zu beurteilen, sind die Kapazit\u00e4ten des Gesundheitssystems ein entscheidendes Kriterium: Werden Spit\u00e4ler gen\u00fcgend viele erkrankte Menschen aufnehmen und behandeln k\u00f6nnen? Sowohl auf gew\u00f6hnlichen Stationen als auch auf Intensivstationen? In Grossbritannien und anderen L\u00e4ndern scheint die Entkopplung von Fallzahlen und Spitaleinweisungen Grund zu Optimismus zu geben.<br \/>\nDoch gilt das auch f\u00fcr die Schweiz oder Deutschland, in denen der Anteil an geimpften oder genesenen Personen niedriger ist? Um diese Frage zu beantworten, haben Forschende der Empa-Abteilung &#8222;Multiscale Studies in Building Physics&#8220; mit Fachleuten vom Institut f\u00fcr Laboratoriumsmedizin und Pathobiochemie der Philipps-Universit\u00e4t und des Kantons Graub\u00fcnden aufw\u00e4ndige Szenarien entwickelt &#8211; f\u00fcr den Zeitraum von Montag (17. Januar) bis Ende M\u00e4rz.<br \/>\nDie St\u00e4rke dieses Modells besteht darin, dass viele Variablen auf der Basis von aktuellen Daten eingeflossen sind. Dazu z\u00e4hlen Alter, Impfstatus, Booster-Status, Reproduktionszahl.<br \/>\n&#8222;Um die Resultate schnell verf\u00fcgbar zu machen, wurden sie bereits online publiziert vor dem \u00fcblichen Peer-Review-Prozess&#8220;, erkl\u00e4rte der verantwortliche Forscher Hossein Gorji. &#8222;so wie das in solchen F\u00e4llen bei COVID-Forschung \u00fcblich ist&#8220;.<br \/>\nDie Resultate, die nach der fachlichen Begutachtung auch in einer Fachzeitschrift publiziert werden sollen, deuten darauf hin, dass die Omikron-Variante keine Rekordzahlen bei den Aufnahmen in Intensivstationen verursachen d\u00fcrfte &#8211; weder in Deutschland noch in der Schweiz; selbst unter ung\u00fcnstig<br \/>\nUm unterschiedliche Gefahrenlagen zu erfassen, betrachteten die Fachleute drei Szenarien mit effektiven Reproduktionszahlen, die angeben, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt. Sie rechneten mit 1,3, was ungef\u00e4hr der aktuellen Situation entspricht; ausserdem mit 1,5 und 1,8 als dem ung\u00fcnstigsten Fall.<br \/>\nDabei traten auch Unterschiede zwischen den beiden L\u00e4ndern zutage: In Deutschland zeigte das &#8222;Worst Case&#8220;-Szenario eine um fast 20 Prozent h\u00f6here Fallzahl pro 100&#8217;000 Einwohner. Ein Grund daf\u00fcr ist die unterschiedliche &#8222;Kontakte-Struktur&#8220; zwischen den verschiedenen Altersgruppen in der Schweiz, die daf\u00fcr sorgt, dass die Infektionswelle bereits ab einem niedrigeren Spitzenwert an Fallzahlen wieder abflacht.<br \/>\nNeben solchen Einfl\u00fcssen modellierten die Forscher auch Unterschiede bei der medizinischen Vorbeugung gegen die Omikron-Variante: W\u00e4hrend die Impfrate in Deutschland etwas h\u00f6her ist, gingen sie f\u00fcr die Schweiz wegen l\u00e4ngerer Wirksamkeit des Impfstoff-Mixes von einem h\u00f6heren Schutz aus. Dennoch bleiben Unsicherheiten &#8211; allein schon, weil die exakte Gefahr durch die Omikron-Variante, darunter auch langfristige Folgen bei schweren F\u00e4llen, sowie die Wirksamkeit von Impfstoffen und das Abklingen des Schutzes noch nicht genau erforscht sind.<br \/>\nAngesichts offener Fragen und notwendiger Annahmen, die in der Studie im Detail erl\u00e4utert werden, betonen die Verfasser, dass die Resultate nicht als Prognosen, sondern als plausible Szenarien zu verstehen sind. Gegenrechnungen und eine &#8222;Sensitivit\u00e4tsanalyse&#8220; (siehe Infobox) haben aber gezeigt, so Empa-Forscher Gorji, dass sie robust sind und die Szenarien zutreffen. Zudem stehen sie im Einklang mit der Entkopplung von Fallzahlen und Hospitalisierungen, wie sie in Grossbritannien und S\u00fcdafrika beobachtet wurde.<br \/>\nDie Belegung von Intensivstationen in der Schweiz und Deutschland durch Omikron-Patienten d\u00fcrfte also kaum kritische Werte erreichen, solange die effektive Reproduktionszahl unter 2 bleibt. &#8222;Unsere Ergebnisse sind zwar vorsichtig optimistisch&#8220;, sagte Gorji, &#8222;sie sollten aber mit Vorsicht interpretiert werden.&#8220;&#8220;<br \/>\nAuch in Zukunft sollten n\u00f6tigenfalls soziale Kontakte etwas reduziert werden, erkl\u00e4rte der Forscher; ausserdem seien wahrscheinlich weitere Massnahmen n\u00f6tig. Und um die Entkopplung zwischen Fallzahlen und Krankenhausaufenthalten zu unterst\u00fctzen, sei es notwendig, die Immunit\u00e4t in der Bev\u00f6lkerung zu verbessern.<br \/>\n&#8222;All unsere Szenarien gehen implizit davon aus, dass in den n\u00e4chsten Wochen weiterhin Massnahmen aufrecht erhalten beziehungsweise ergriffen werden, um die Verbreitung des Virus einzud\u00e4mmen&#8220;, betonte auch Empa-Abteilungsleiter Ivan Lunati. Und weil der Impfschutz mit der Zeit nachlasse, gelten die Prognosen nur zum jetzigen Zeitpunkt &#8211; mit den aktuellen Impfstoff-Verwendungen und den seit den Impfungen verstrichenen Zeitr\u00e4umen in beiden L\u00e4ndern.<br \/>\nZudem sind andere Probleme im Gesundheitswesen nicht auszuschliessen: Allein die schiere Zahl an Infektionen kann zu personellen Engp\u00e4ssen f\u00fchren und auch die Kapazit\u00e4ten bei COVID-Diagnosen beschr\u00e4nken.<br \/>\nEinen H\u00f6hepunkt bei der Zahl der Infizierten erwartet der beteiligte Forscher Harald Renz von der Philipps-Universit\u00e4t laut den Modellen f\u00fcr etwa Ende Februar bis Mitte M\u00e4rz. In der Schweiz k\u00f6nnte es schon etwas fr\u00fcher dazu kommen.<br \/>\nZu rechnen ist dann &#8211; wie auch schon andernorts modelliert &#8211; mit einem raschen und hohen Anstieg an Infektionszahlen. Davon wird die Breite der Gesamtbev\u00f6lkerung betroffen sein und damit auch Mitarbeiter im Gesundheitswesen.<br \/>\n&#8222;Wir werden auf den Normalstationen mit leichter Verz\u00f6gerung einen deutlichen Anstieg an Patienten mit Covid 19 sehen, wenn die Reproduktionszahl auf \u00fcber 1,5 ansteigt&#8220;, f\u00fchrte Renz aus. &#8222;Aber nicht nur Patienten, die prim\u00e4r wegen Covid 19 ins Krankenhaus kommen (mittelschwere F\u00e4lle), sondern auch Patienten, die mit anderen Erkrankungen behandelt werden m\u00fcssen, aber zus\u00e4tzlich noch infiziert sind&#8220;, legte der Mediziner dar. &#8222;Dies ist eine neue Qualit\u00e4t der Pandemie; das hatten wir bisher so noch nicht. Im Gegensatz dazu erwarten wir keine signifikanten Mehrbelastungen bei den Intensivpatienten \u00fcber die Bettenauslastung hinaus, die wir gegenw\u00e4rtig schon haben.&#8220;<br \/>\nDiese Effekte liegen vor allem daran, dass insbesondere Personen mit drei Impfungen relativ gut vor schweren Verl\u00e4ufen mit Omikron gesch\u00fctzt sind. Hinzu kommt die hohe Infektiosit\u00e4t des Virus, verbunden mit einer deutlich geringeren Krankheitsschwere.<br \/>\n&#8222;\u00c4hnlich schnell, wie die Welle ihren Gipfel erreicht, wird sie auch wieder abschwellen, mit Ausnahme einer gewissen Prolongation bei den Intensivpatienten&#8220;, prognostizierte Renz. Nat\u00fcrlich k\u00f6nne es regionale Unterschiede geben: &#8222;Dieses globale L\u00e4nder-Szenario schliesst nicht aus, dass es Ausreiser nach oben und nach unten geben kann und damit auch regionale \u00dcberlastungen.&#8220;<br \/>\nWie wird sich die Omikron-Welle nach dem betrachteten Zeitraum auf das Gesundheitswesen auswirken? Das wird stark von der Omikron-Delta-Kreuzimmunit\u00e4t bestimmt, die noch unbekannt ist. Die Fachleute denken, dass ihre Modelle auch in fernerer Zukunft dazu beitragen k\u00f6nnen, die Massnahmen zur Bek\u00e4mpfung der Pandemie zu untersuchen und zu verfeinern.<br \/>\nAus den Analysen der gesamten Bev\u00f6lkerung in beiden L\u00e4ndern schliesst Ivan Lunati ausserdem, dass sich Massnahmen st\u00e4rker auch an individuellen Merkmalen orientieren sollten, wenn das vorrangige Ziel ist, eine \u00dcberlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden: &#8222;Ich denke, es ist an der Zeit, Strategien eigens f\u00fcr unterschiedliche Risikogruppen umzusetzen.&#8220;Details zur Studie<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann Omikron das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen? 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