{"id":8545,"date":"2022-01-12T14:28:48","date_gmt":"2022-01-12T13:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=8545"},"modified":"2022-01-12T14:28:48","modified_gmt":"2022-01-12T13:28:48","slug":"zersetzungskraft-der-sprache-pushback-ist-das-unwort-des-jahres-2021","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=8545","title":{"rendered":"Zersetzungskraft der Sprache: &#8222;Pushback&#8220; ist das &#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2021"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Pushback&#8220; ist das &#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2021. Das hat Prof. Dr. Constanze Spie\u00df im Namen der Jury am Mittwoch (12. Januar) in Marburg mitgeteilt. <!--more--><br \/>\n&#8222;Der Ausdruck &#8222;Pushback&#8220; stammt aus dem Englischen und bedeutet &#8222;zur\u00fcckdr\u00e4ngen&#8220; oder &#8222;zur\u00fcckschieben&#8220;. Im Migrationsdiskurs bezeichnet das Wort die Praxis von Europas Grenztruppen, Fl\u00fcchtende an der Grenze zur\u00fcckzuweisen und am Grenz\u00fcbertritt zu hindern. Ganz unterschiedliche Politiker, Journalist und Organisationen verwendeten im Jahr 2021 diesen Ausdruck in Debatten zur Einwanderung \u00fcber die euro-p\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen.<br \/>\nDie Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess besch\u00f6nigt wird, der den Menschen auf der Flucht die M\u00f6glichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Den Fl\u00fcchtenden wird somit ein faires Asylverfahren vorenthalten. Der Einsatz dieses Fremdworts tr\u00e4gt zur Verschleierung des Versto\u00dfes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei.<br \/>\nMit dem Gebrauch des Ausdrucks werden zudem die Gewalt und Folgen wie Tod verschwiegen, die mit dem Akt des Zur\u00fcckdr\u00e4ngens von Migrantinnen und Migranten verbunden sein k\u00f6nnen. &#8222;Nicht selten enden sie mit Suizid oder der Ermordung der Betroffenen&#8220;, erkl\u00e4rte Jury-Sprecherin Spie\u00df. &#8222;Urspr\u00fcnglich wurde Pushback auch benutzt, um Flugzeuge auf dem Flughafen in eine Warteposition zur\u00fcckzuschieben.&#8220;<br \/>\nDieses Wort verharmlose nun einen Bruch internationalen Rechts mit h\u00e4ufig dramatischen Folgen. Die Jury kritisiert die in den Medien unreflektierte Nutzung dieses Wortes auch bei Kritikerinnen und Kritikern der Ma\u00dfnahmen.<br \/>\nAu\u00dferdem kritisiert sie als Unw\u00f6rter auf Platz 2 und 3 im Jahr 2021 &#8222;Sprachpolizei&#8220; und unangemessene Vergleiche mit dem Nationalsozialismus. Mit dem Ausdruck &#8222;Sprachpolizei&#8220; werden Personen diffamiert, die sich unter anderem f\u00fcr einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen, der bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschlie\u00dft. Die Jury bewertet ihn als irref\u00fchrend, weil er suggeriert, dass es eine exekutive Instanz g\u00e4be, die \u00fcber die Einhaltung von Sprachregeln ,wacht&#8216; und bei Nicht-einhaltung&#8216; Bestrafungen vorsieht oder Bestrafungen durchsetzt.<br \/>\nUnter den Einreichungen fanden sich eine Vielzahl an Ausdr\u00fccken, die im Zuge der Corona-Demonstrationen von Impfgegner*innen verwendet werden und v\u00f6llig unzul\u00e4ssig eine \u00c4hnlichkeit zwischen Ma\u00dfnahmen gegen die Covid-19-Pandemie und der nationalsozialistischen Diktatur nahe legen. Zu nennen w\u00e4ren zum Beispiel &#8222;Impfnazi&#8220;, &#8222;Erm\u00e4chtigungsgesetz&#8220; f\u00fcr das Infektionsschutzgesetz oder der gelbe Stern mit dem Aufdruck &#8222;ungeimpft&#8220;. Die deplatzierte Verwendung solcher Ausdr\u00fccke f\u00fchrt nach Auffassung der Jury zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, zur Verh\u00f6hnung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und in manchen F\u00e4llen zu einer Opfer-T\u00e4ter-Umkehr.<br \/>\nIn diesem Jahr greift die Jury wieder auf die 2013 eingef\u00fchrte Kategorie des pers\u00f6nlichen Unworts des Gastjurors zur\u00fcck, um Ausdr\u00fccke zu w\u00fcrdigen, die den j\u00e4hrlich wechselnden Gastjuror**innen am Herzen liegen. Das pers\u00f6nliche Unwort &#8222;Milit\u00e4rschlag&#8220; des diesj\u00e4hrigen Gasts Harald Schumann ist eine zutiefst euphemistische Bezeichnung f\u00fcr einen aggressiven kriegerischen Akt. Schon seit Jahrzehnten bedienen sich Politiker*innen und unkritische Medien dieses Ausdrucks und verschleiern damit, worum es eigentlich geht.<br \/>\nAls &#8222;Milit\u00e4rschlag&#8220; bezeichnen sie Bombenangriffe und Artillerie- oder Raketenbeschuss auf Ziele, bei denen die Aggressoren srupellos den Tod unschuldiger und zumeist auch unbewaffneter Opfer in Kauf nehmen. Wenn eine Regierung ihre Bomber, Drohnen, Panzer und Raketen f\u00fcr Angriffe auf andere V\u00f6lker oder auch Widerstandsgruppen im eigenen Land einsetzt, dann handelt es sich um Krieg,, nicht blo\u00df um ein paar Schl\u00e4ge.&#8220;<br \/>\nF\u00fcr das Jahr 2021 erhielt die Jury insgesamt 1.308 Einsendungen. Dabei wurden 454 verschiedene Ausdr\u00fccke vor-geschlagen, von denen knapp 45 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen. Unter den h\u00e4ufigsten Einsendungen, die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren &#8222;boostern&#8220; mit 22 Nennungen, &#8222;Covidiot&#8220; mit 20 Nennungen, &#8222;Eigenverantwortung&#8220; mit 14 Nennungen, &#8222;Gendersternchen&#8220; mit 16 Nennungen, &#8222;illegaler Kindergeburtstag&#8220; mit 71 Nennungen, &#8222;Impfangebot&#8220; mit 13 Nennungen, &#8222;Impfdurchbruch&#8220; mit 13 Nennungen, &#8222;Impfdr\u00e4ngler&#8220; mit 11 Nennungen, &#8222;Impfverweigerer&#8220; mit 11 Nennungen, &#8222;Pandemie der Ungeimpften&#8220; mit 16 Nennungen, &#8222;Querdenker&#8220; mit 47 Nennungen &#8222;systemrelevant&#8220; mit 24 Nennungen, &#8222;Tyrannei der Ungeimpften&#8220; mit 287 Nennungen, &#8222;Ungeimpft&#8220; und Ungeimpfte mit 21 Nennungen sowie &#8222;Verweilverbotszone&#8220; mit 30 Nennungen.<br \/>\nDie Jury der institutionell unabh\u00e4ngigen und ehrenamtlichen Aktion &#8222;Unwort des Jahres&#8220; besteht aus den vier Sprachwissenschaftler*innen Dr. Kristin Kuck von der Otto-von-Guericke-Universit\u00e4t Magdeburg, Prof. Dr. Martin Reisigl von der Universit\u00e4t Wien, Dr. David R\u00f6mer von der Universit\u00e4t Trier und Prof. Dr. Constanze Spie\u00df von der Philipps-Universit\u00e4t als Sprecherin sowie der freien Journalistin Katharina K\u00fctemeyer. Als j\u00e4hrlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Journalist Harald Schumann beteiligt.<br \/>\nSeit 2021 geh\u00f6rt Spie\u00df der Jury an. Die Germanistin lehrt seit 2019 an der Philipps-Universit\u00e4t in Marburg. In die Jury berufen wurde sie vom Vorg\u00e4ngergremium, das zuvor zehn Jahre lang allj\u00e4hrlich ein &#8222;Unwort&#8220; gek\u00fcrt hatte.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke\/pm<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Pushback&#8220; ist das &#8222;Unwort des Jahres&#8220; 2021. Das hat Prof. Dr. Constanze Spie\u00df im Namen der Jury am Mittwoch (12. 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