{"id":8427,"date":"2021-12-22T09:00:05","date_gmt":"2021-12-22T08:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=8427"},"modified":"2021-12-22T09:00:05","modified_gmt":"2021-12-22T08:00:05","slug":"im-boden-mikroplastik-kennzeichnet-schichten-des-anthropozaens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=8427","title":{"rendered":"Im Boden: Mikroplastik kennzeichnet Schichten des Anthropoz\u00e4ns"},"content":{"rendered":"<p>Ein Marburger Forschungsteam hat den Boden von Flussauen nach mittelgro\u00dfen Kunststoffpartikeln durchsucht. Mikroplastik kennzeichnet die Schichten des Anthropoz\u00e4ns. <!--more--><br \/>\nWie lassen sich geologische Schichten abgrenzen, die sich im Zeitalter des Anthropoz\u00e4ns gebildet haben? Fachleute aus Geographie und Physik schlagen jetzt vor, Mikroplastik als Kennzeichen anthropoz\u00e4ner Schichten heranzuziehen. Das Team suchte in Bodenproben aus Flussauen nach mittelgro\u00dfen Kunststoffteilchen.<br \/>\nDie Partikel finden sich in Schichten bis zu zwei Metern Tiefe &#8211; das liegt unterhalb der j\u00fcngsten Ablagerungen, die sich auf nat\u00fcrliche Weise seit den 60er Jahren gebildet haben. Die Forschungsgruppe berichtet in der Wissenschaftszeitschrift &#8222;Science of the Total Environment&#8220; \u00fcber ihre Ergebnisse.<br \/>\nIm Jahr 2019 erreichte die weltweite Jahresproduktion an Kunststoffen einen Umfang von 368 Millionen Tonnen, rechnet der Weltverband der Plastikhersteller vor. &#8222;Gew\u00e4sser transportieren mehr als 90 Prozent des Plastikm\u00fclls&#8220;, merkte der Marburger Geograph Collin Weber an. Er ist einer der Leitautoren der aktuellen Studie.<br \/>\n&#8222;Dabei kommt es auch zur Ablagerung in \u00dcberschwemmungsgebieten&#8220;, berichtete er. Flussauen bieten geeignete Bedingungen f\u00fcr landwirtschaftliche Nutzung und werden daher oftmals intensiv kultiviert.<br \/>\nWieviel Mikroplastik lagert sich in \u00dcberschwemmungsgebieten ab? Wie verteilt es sich? Welche Umweltfaktoren tragen zur Ablagerung und zur Verlagerung des Plastiks in B\u00f6den bei?<br \/>\nUm diese Fragen zu beantworten, nahm Weber Bohrungen an verschiedenen Stellen entlang der Lahn in Mittelhessen vor. Aus einer Tiefe von bis zu zwei Metern gewann er insgesamt 120 Bodenproben.<br \/>\nIn einer ersten Ver\u00f6ffentlichung wiesen Weber und sein Promotionsbetreuer Prof. Dr. Christian Opp bereits nach, dass grober Plastikabfall in viel tiefere Schichten des Bodens gelangt, als man bis dahin angenommen hatte. Sie fanden im Schnitt zwei Plastikpartikel pro Kilogramm Erde. Die Kunststoffteilchen kamen bis in eine Tiefe von einem Meter vor.<br \/>\nUm feinere Kunststoffteilchen in den Bodenproben aufzusp\u00fcren, taten sich Weber und Opp mit weiteren Fachleuten aus Geographie und Physik zusammen. Das Team nahm sich die Bodenproben erneut vor, suchte diesmal jedoch nach kleineren Partikeln in einer Gr\u00f6\u00dfe von einem halben bis unter zwei Millimetern. &#8222;Zus\u00e4tzlich nahmen wir Altersdatierungen der Auenb\u00f6den vor, um die Ablagerung von Mikroplastik in den vergangenen Jahrzehnten besser nachvollziehen zu k\u00f6nnen&#8220;, erl\u00e4uterte Weber.<br \/>\nDie Befunde best\u00e4tigen, dass sich Mikroplastik zeitweise in Flussauen anh\u00e4uft. 79 von 111 Bodenproben enthielten mittelgro\u00dfe Kunststoffteilchen, das sind 71 Prozent.<br \/>\nDas Team identifizierte 158 Partikel, das entspricht 2,75 Fundst\u00fccken pro Kilogramm Erde. In landwirtschaftlich genutztem Boden findet sich allerdings viel mehr Mikroplastik.<br \/>\nF\u00fcr die Flussauen stellte das Team fest: In den oberen 50 Zentimetern des Bodens sammeln sich eher Partikel an als weiter unten, doch findet sich auch in zwei Metern Tiefe noch Kunststoff.<br \/>\n&#8222;Das Material gelangt bei Hochwasser in den Boden, wobei menschliche Eintr\u00e4ge nicht auszuschlie\u00dfen sind&#8220;, legte Weber dar. &#8222;Mikroplastik wirkt sich auf die Bodeneigenschaften, die darin lebenden Organismen und auf das Pflanzenwachstum aus&#8220;, hob der Geograph Prof. Dr. Peter Chifflard hervor. Er ist ein weiterer Leitautor und Betreuer der Arbeiten von Weber.<br \/>\nDas betrifft auch die Nahrungsmittelproduktion: &#8222;Erste Studien deuten darauf hin, dass Plastikpartikel auch in die Nahrungskette und in den menschlichen K\u00f6rper gelangen k\u00f6nnen.&#8220; So wies ein Marburger Team aus Medizin und Chemie vor Kurzem nach, dass Mikroplastik zu Gef\u00e4\u00dfentz\u00fcndungen f\u00fchren kann, wenn es in die Blutbahn von Wirbeltieren gelangt.<br \/>\nSeit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die weltweite Plastikproduktion rasant angestiegen. Von 1,7 Millionen Tonnen im Jahr 1950 stieg sie auf mehr als das Zweihundertfache. Somit hat sich seit 70 Jahren die Wahrscheinlichkeit vielfach erh\u00f6ht, dass sich Mikroplastik in der Umwelt anreichert.<br \/>\nDie Forschungsgruppe schl\u00e4gt daher vor, Kunststoffpartikel als Kennzeichen f\u00fcr die Schichten des Anthropoz\u00e4ns heranzuziehen. So nennt die Wissenschaft das vor Kurzem ausgerufene Erdzeitalter, das durch den Menschen gepr\u00e4gt ist. &#8222;Hierf\u00fcr muss jedoch im Detail gekl\u00e4rt werden, welche Umweltfaktoren die Verteilung der Kunststoffpartikel im Boden beeinflussen&#8220;, gab Weber zu Bedenken.<br \/>\nCollin Weber verfertigt seine Doktorarbeit in den Arbeitsgruppen von Prof. Dr. Christian Opp undProf. Dr. Peter Chifflard, der Bodengeographie &amp; Hydrogeographie in Marburg lehrt. Neben den Marburger Geographen beteiligten sich der Marburger Physiker Prof. Dr. Martin Koch und seine Mitarbeiterin Julia Prume sowie der Geograph Thorbj\u00f8rn Joest Andersen aus Kopenhagen an der Studie. Das Hessische Landesamt f\u00fcr Naturschutz, Umwelt und Geologie sowie die Nachwuchsakademie MARA der Universit\u00e4t Marburg f\u00f6rderten die Forschungsarbeit finanziell.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Marburger Forschungsteam hat den Boden von Flussauen nach mittelgro\u00dfen Kunststoffpartikeln durchsucht. Mikroplastik kennzeichnet die Schichten des Anthropoz\u00e4ns.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[5],"tags":[3730,2607,2579],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-2bV","jetpack-related-posts":[{"id":5641,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=5641","url_meta":{"origin":8427,"position":0},"title":"Viel tiefer: Mehr Mikroplastik im Boden als gedacht","date":"2. September 2020","format":false,"excerpt":"Plastikabfall gelangt in viel tiefere Schichten des Bodens als bislang angenommen. Das haben Marburger Geographen herausgefunden. Daf\u00fcr haben sie die Lahnauen in Mittelhessen untersucht. \"Nat\u00fcrliche Ablagerungsprozesse allein k\u00f6nnen das Eindringen in tiefe Schichten nicht erkl\u00e4ren\", schrieben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift \"Environmental Pollution\". Dass Plastikreste die Meere\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":7315,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=7315","url_meta":{"origin":8427,"position":1},"title":"Vorzeitlich geforscht: Vulkanausbruch in der Eifel brachte gute B\u00f6den in Marburg","date":"1. Juli 2021","format":false,"excerpt":"Ein Vulkanausbruch vor fast 13.000 Jahren sorgt bis heute f\u00fcr gute B\u00f6den. Marburger Geowissenschaftler haben fl\u00e4chendeckend vulkanische Ablagerungen nach - 140 Kilometer vom Ausbruchsort nachgewiesen. Dass der Vulkanausbruch, von dem der Laacher See bei Koblenz zeugt, sein vulkanisches Material 140 Kilometer weit bis ins Marburger Land schleuderte, war bereits bekannt\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":11293,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=11293","url_meta":{"origin":8427,"position":2},"title":"Hineingedrungen: Metall reicht tiefer als Plastik","date":"25. November 2022","format":false,"excerpt":"Metall dringt tiefer in Auenb\u00f6den ein als Plastik. Das hat ein fach\u00fcbergreifendes Forschungsteam an der Nidda herausgefunden. Kunststoffe und Metalle verteilen sich unterschiedlich in den B\u00f6den von Flussauen: W\u00e4hrend Plastikpartikel sich in den obersten Bodenschichten konzentrieren, finden sich Metalle bis in eine Tiefe von zwei Metern. Das hat eine Forschungsgruppe\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":9303,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=9303","url_meta":{"origin":8427,"position":3},"title":"Jahrzehntelang: Plastikm\u00fcll bleibt im Ackerboden","date":"29. April 2022","format":false,"excerpt":"Ein Forscherteam durchsuchte landwirtschaftlich genutzte Fl\u00e4chen nach Kunststoffpartikeln. Plastikm\u00fcll h\u00e4lt sich dort jahrzehntelang. Auch nach drei\u00dfig Jahren bleiben Plastikteilchen im Acker erhalten, wenn er mit Kl\u00e4rschlamm ged\u00fcngt wurde, der Kunststoffpartikel enthielt. Das haben Geographen der Philipps-Universit\u00e4t herausgefunden, indem sie landwirtschaftlich genutzte Fl\u00e4chen systematisch durchsuchten. Das Forscherteam berichtet im Wissenschaftsmagazin \"Scientific\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":8193,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=8193","url_meta":{"origin":8427,"position":4},"title":"Problematisches Polystyrol: Mikroplastik verursacht Gef\u00e4\u00dfentz\u00fcndung","date":"19. November 2021","format":false,"excerpt":"Mikroplastik f\u00fchrt zu Gef\u00e4\u00dfentz\u00fcndung. Das haben Marburger Forscher festgestellt. Ein fach\u00fcbergreifendes Forschungsteam aus Marburg fand heraus, was Kunststoffpartikel im Blutkreislauf anrichten. Geraten Kunststoffpartikel ins Blut, so besteht die Gefahr, dass sich die Gef\u00e4\u00dfwand entz\u00fcndet - das ergibt sich aus Experimenten einer fach\u00fcbergreifenden Forschungsgruppe aus Marburg. Die Fachleute aus Gef\u00e4\u00dfmedizin, Zellbiologie\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":8638,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=8638","url_meta":{"origin":8427,"position":5},"title":"Systematisch statt singul\u00e4r: Mikroplastik muss man messen, messen und wieder messen","date":"25. Januar 2022","format":false,"excerpt":"Die Daten zu Mikroplastik in der Umwelt reichen nicht aus. Doch Marburger Physiker zeigen, wie sich der Abbau von Kunststoffpartikeln erforschen l\u00e4sst. Misst man nur zu einem einzigen Zeitpunkt, wieviel Mikroplastik sich in der Umwelt befindet, so lassen sich daraus keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf den Zerfall und die k\u00fcnftige Verbreitung des\u2026","rel":"","context":"In &quot;Bildung&quot;","img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8427"}],"collection":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8427"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8427\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/marburg.news\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}