{"id":8112,"date":"2021-11-10T21:51:46","date_gmt":"2021-11-10T20:51:46","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=8112"},"modified":"2021-11-30T19:19:32","modified_gmt":"2021-11-30T18:19:32","slug":"chazan-stat-naziwahn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=8112","title":{"rendered":"Gedenken statt kr\u00e4nken: Zwei Veranstaltungen zur Pogromnacht am 9. November 1938"},"content":{"rendered":"<p>Mit zwei Veranstaltungen erinnerte die J\u00fcdische Gemeinde Marburg an die Pogromnacht am 9. November 1938. Neben einer Besinnungsstunde hatte die j\u00fcdische Gemeinde auch eine \u00dcberlebende eingeladen.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nBei klarem und kaltem Herbstwetter fanden sich am Dienstag (9. November) 350 Menschen im &#8222;Garten des Gedenkens&#8220; an der Universit\u00e4tsstra\u00dfe ein. Das Denkmal war mit Kerzen geschm\u00fcckt worden und von einigen Scheinwerfern hell erleuchtet. Anwesend waren neben Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies Klaus Dorn als Vertreter der Gesellschaft f\u00fcr christlich-j\u00fcdische Zusammenarbeit, die Marburger Ehrenb\u00fcrger Amnon Orbach und Egon Vaupel sowie Hans-Herbert Wilke und Karl-Friedrich Rumpf von der Freiwilligen Feuerwehr Marburg<br \/>\nZu Beginn sprach Spies ein kurzes Gru\u00dfwort. Mit sehr bewegenden Worten sowie eingebetteten Zitaten berichtete der stellvertretende Feuerwehrchef Andreas Brauer von der <a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=8107\">Auseinandersetzung mit der Rolle der Marburger Feuerwehr<\/a> beim Brand der Synagoge und allgemein w\u00e4hrend der NS-Zeit. Erg\u00e4nzt wurde das durch Zeugenaussagen von Feuerwehrleuten aus dem Gerichtsprozess, der nach Kriegsende am Amtsgericht Marburg wegen des Synagogen Brandes verhandelt worden war.<br \/>\nIn der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938 warfen mehrere M\u00e4nner gegen 4 Uhr morgens in Zivil, jedoch beim SA-Reservesturms III,\u00a0 einige Brands\u00e4tze durch die Fenster des Gotteshauses. Den Feuerwehrm\u00e4nnern im Eiinsatz war es damals von Ihrem diensthabenden Wehrf\u00fchrer verboten worden, in das Brandgeschehen einzugreifen. Die SS-Funktion\u00e4re aus Kassel, die den Befehl dazu erteilt haben mussten, sind bis heute namentlich nicht bekannt. Mitglieder der SA Marburg, der ebenfalls Feuerwehrleute angeh\u00f6rten, umstellten daraufhin die brennende Synagoge und verhinderten, dass Dokumente, Schriften oder Devotionalien gerettet und das Gotteshaus von Gemeindemitgliedern oder Anwohnenden gel\u00f6scht werden konnte.<br \/>\nDie &#8222;Oberhessische Zeitung&#8220; berichtete damals in ihrer Ausgabe vom 11. November 1938, wie vorbildlich es der Feuerwehr gelungen sei, das \u00dcbergreifen der Flammen auf die umliegenden H\u00e4user zu verhindern. Der Verlust der Synagoge wurde in dem Artikel mit keinem Wort erw\u00e4hnt. Die Ermittlungen gegen Unbekannt direkt nach der Tat wurden rasch eingestellt. Mehrere Strafkammern des Marburger Landgerichts befassten sich zwischen 1947 und 1952 ergebnislos mit der Aufkl\u00e4rung der Straftat.<br \/>\nWeiterf\u00fchrende Erkenntnisse dazu bietet die Ausstellung &#8222;Als die Feuerwehrautos tannengr\u00fcn wurden&#8220;. Sie ist das Resultat einer umfassenden Auseinandersetzung der Freiwilligen Feuerwehr Marburg mit ihrer Rolle w\u00e4hrend des Nationalsozialismus. Fachlich begleitet wurde sie von der historischen Fakult\u00e4t der Liebig Universit\u00e4t in Gie\u00dfen.<br \/>\nDer hochbetagte Amnon Orbach \u00fcbernahm die Rolle des Vors\u00e4ngers, des &#8222;Chazans&#8220; der j\u00fcdischen Gemeinde. Er intonierte 2 Gebete,worin &#8211; j\u00fcdischer Musik oft eigen &#8211; Schmerz und Sch\u00f6nheit untrennbar miteinander verwoben sind.<br \/>\nZuerst intonierte er das bedeutendste j\u00fcdische Gebet zum Andenken an die Verstorbenen. Es hei\u00dft: El male rachamim &#8222;Gott voller Barmherzigkeit\u201c. Es gibt davon verschiedene Textversionen, darunter die hier dargebrachte auf hebr\u00e4isch zum Gedenken der Opfer der Shoah.<br \/>\nDanach folgte das Totengebet &#8222;Kaddish&#8220;. Die aschkenasische Gottesdienst Liturgie kennt mehr als sechs Varianten davon. Es ist auf aram\u00e4isch und hei\u00dft: &#8222;Gott ist gro\u00df und Gott soll uns Frieden, Erl\u00f6sung, Errettung schicken&#8220;.<br \/>\nDiese Art von Erl\u00f6sung bedeutet endzeitliche Erl\u00f6sung, sodass es kein B\u00f6ses, kein Leiden, keinen Tod mehr auf der Welt mehr geben solle. Aschkenasim sind Juden mit Wurzeln in Deutschland und Osteuropa. Beide Gebete wurden auch in deutscher Sprache vorgelesen.<br \/>\nDas Marburger Ensemble &#8222;Santiago&#8220; umrahmte die Gedenkfeier sehr stimmungsvoll. Zu einem kleineren Zwischenfall kam es, als ein stadtbekannter linker Texter, Komponist und Stra\u00dfenmusiker mit einigen Zwischenrufen st\u00f6rte. Daraufhin wurde er des Platzes verwiesen und zuletzt unter lauten Anklagen und vehementen Hilferufen von der Polizei weggebracht.<br \/>\nDie Sperrung der Bushaltestellen um den Garten des Gedenkens von 17.30 bis 19.30 Uhr f\u00fchrte offensichtlich zu einer Menge Verwirrung bei den wartenden Fahrg\u00e4sten vor dem Kaufhaus Ahrens. Da sie sich weder des Datums noch des Zusammenhangs mit einer j\u00fcdischen Gedenkfeier in der Stadtmitte bewusst waren, warteten sie stur und spekulierten \u00fcber die Gr\u00fcnde, &#8222;warum denn keine Busse fahren&#8220;. Dar\u00fcber, dass eine Umleitung vom der Haltestelle Erwin-Piskator-Haus \u00fcber den Erlenring und die Frankfurter Stra\u00dfe eingerichtet worden war, herrschte scheinbar ebenso gro\u00dfe Unkenntnis wie \u00fcber die Geschehnisse w\u00e4hrend der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938.<br \/>\nZwei Jugendliche fragten eine wartende Frau, was &#8222;denn da dr\u00fcben gefeiert&#8220; werde und deuteten auf den beleuchteten Garten des Gedenkens. Die lakonische Erwiderung darauf lautete: &#8222;Ach, die feiern weil die da mal was abgebrannt haben.&#8220;<br \/>\nBereits am Montag (8. November) hatte die Kinder\u00e4rztin und Psychotherapeutin Dr. Eva Umlauf aus M\u00fcnchen in der Synagoge an der Liebigstra\u00dfe gesprochen. Sie gilt als eine der j\u00fcngsten \u00dcberlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Sie wurde in einem slowakischen Arbeitslager geboren und als fast Zweij\u00e4hrige mit ihrer schwangeren Mutter nach Auschwitz deportiert.<br \/>\nEbenso wie ihre Mutter und Schwester hat sie das KZ \u00fcberlebt. &#8222;Die Zeit heilt im Fall Auschwitz keine Wunden&#8220;, sagte sie. Wie viele \u00dcberlebende hatte sie viele Jahre mit aller Kraft versucht, &#8222;ein normales Leben&#8220; zu f\u00fchren und das Erlebte zu verdr\u00e4ngen.<br \/>\nErst im Jahr 2014 begann sie w\u00e4hrend einer Krankheitsphase, ihren tief vergrabenen Erinnerungen nachzusp\u00fcren, ihre Vergangenheit zu recherchieren und aufzuarbeiten. Seitdem ist sie als &#8222;Zeitenzeugin&#8220; &#8211; wie sie sich selber bezeichnet &#8211; in Synagogen und Schulen unterwegs. Ihre Erinnerungen hat sie in dem Buch &#8222;Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen&#8220; niedergeschrieben.<br \/>\nSie erz\u00e4hlt ihre Kindheits &#8211; und Familiengeschichte unerm\u00fcdlich und aufr\u00fcttelnd. Sie sagt, sie habe es als ihre pers\u00f6nliche Bew\u00e4ltigungsstrategie erkannt, so ihrem Schicksal Sinnhaftigkeit abzuringen, Um weiter so gegen das Vergessen anzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>* Anna Katharina Kelzenberg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit zwei Veranstaltungen erinnerte die J\u00fcdische Gemeinde Marburg an die Pogromnacht am 9. November 1938. Neben einer Besinnungsstunde hatte die j\u00fcdische Gemeinde auch eine \u00dcberlebende eingeladen.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[5,3,2],"tags":[160,2089,521,267,355,3631,522,3630],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-26Q","jetpack-related-posts":[{"id":14232,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=14232","url_meta":{"origin":8112,"position":0},"title":"Zur Pogromnacht: Besinnungsstunde im Garten des Gedenkens","date":"1. November 2023","format":false,"excerpt":"Zur Erinnerung an die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 findet am Donnerstag (9. 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