{"id":782,"date":"2017-06-30T09:43:11","date_gmt":"2017-06-30T07:43:11","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=782"},"modified":"2017-06-30T15:37:11","modified_gmt":"2017-06-30T13:37:11","slug":"einfalt-fuer-einige-roelcke-zu-eugenik-bei-villinger-und-stutte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=782","title":{"rendered":"Einfalt f\u00fcr einige: Roelcke zu Eugenik bei Villinger und Stutte"},"content":{"rendered":"<p>Nach Kriegsende haben sie weitergemacht wie vorher. \u00dcber die &#8222;V\u00e4ter der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie&#8220; sprach Prof. Dr. Volker Roelcke am Donnerstag (29. Juni) im H\u00f6rsaalgeb\u00e4ude.<\/p>\n<figure id=\"attachment_790\" aria-describedby=\"caption-attachment-790\" style=\"width: 169px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-attachment-id=\"790\" data-permalink=\"http:\/\/marburg.news\/?attachment_id=790\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?fit=2322%2C4128\" data-orig-size=\"2322,4128\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;SM-A500FU&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1498764135&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;3.69&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;160&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.05&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;6&quot;}\" data-image-title=\"Dr. Volker Roelcke\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Dr. Volker Roelcke spricht \u00fcber Werner Villinger und Hermann Stutte&lt;\/p&gt;\n\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?fit=169%2C300\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?fit=530%2C942\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-790\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493-169x300.jpg?resize=169%2C300\" alt=\"\" width=\"169\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?resize=169%2C300 169w, https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?resize=768%2C1365 768w, https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?resize=576%2C1024 576w, https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?w=1060 1060w, https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/20170629_192216-e1498829714493.jpg?w=1590 1590w\" sizes=\"(max-width: 169px) 100vw, 169px\" data-recalc-dims=\"1\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-790\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Volker Roelcke spricht \u00fcber Werner Villinger und Hermann Stutte<\/figcaption><\/figure>\n<p><!--more--><br \/>\nSein Vortrag trug den Titel &#8222;Vererbung statt Trauma: Eugenisch motivierte Konzeptionen der jugendlichen Dissozialit\u00e4t bei Werner Villinger und Hermann Stutte bis und ab 1945&#8220;. Darin zeigte der Gie\u00dfener Medizinhistoriker die Verstrickung der beiden Psychiater in die Nazi-Ideologie und deren Auswirkungen auf die bundesdeutsche Praxis des Umgangs mit verhaltensauff\u00e4lligen Jugendlichen auf.<br \/>\nAcht Millionen Kinder und Jugendliche waren nach Angaben der Vereinten Nationen in Deutschland 1946 obdachlos. Doch in einem gemeinsamen \u00dcbersichtsartikel der beiden Psychiater spielten traumatische Erlebnisse durch die Auswirkungen von Krieg, Gewalt, Tod naher Angeh\u00f6riger, Flucht und Vertreibung keine Rolle. Nur ein einziges Mal wurden sie mit dem Begriff &#8222;nationaler Zusammenbruch&#8220; angedeutet, berichtete Roellcke.<br \/>\nBis 1945 geh\u00f6rte Villinger zu den 40 medizinischen Gutachtern des Projekts &#8222;T4&#8220;. Benannt war es nach der Tiergartenstra\u00dfe 4 in Berlin. In diesem Haus organisierte das Nazi-Regime die Ermordung kranker und behinderter Menschen als angeblich &#8222;lebensunwertes Leben&#8220;.<br \/>\nTrotz seiner Mitwirkung an der Ermordung mehrerer hunderttausend Menschen wurde Villinger 1946 auf einen Lehrstuhl in Marburg berufen. Als Pr\u00e4sident der Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater in den 50er Jahren genoss er hohes Ansehen. Zeitlebens leugnete er seine Mitwirkung am T4-Projekt, die aber durch Dokumente belegt ist.<br \/>\nAuch nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erkl\u00e4rten Villinger und Stutte Verhaltensauff\u00e4lligkeiten bei Kindern und Jugendlichen weiterhin mit deren angeblicher &#8222;sozialbiologischer Unterwertigkeit&#8220;. In ihrem Aufsatz &#8222;Zeitgem\u00e4\u00dfe Aufgaben und Probleme der Jugendf\u00fcrsorge&#8220; forderten sie 1948 die &#8222;Sichtung, Siebung und Lenkung dieses Strandgutes von jugendlichen Verwahrlosten&#8220;.<br \/>\nAusgaben des Staates f\u00fcr eine sozialp\u00e4dagogische Betreuung angeblich &#8222;erziehungsunf\u00e4higer&#8220; Kinder und Jugendlicher hielten sie f\u00fcr Verschwendung. Den eugenischen Ansatz der NS-&#8222;Rassehygiene&#8220; behielten sie ungebrochen bei. Debatten in anderen L\u00e4ndern und noch w\u00e4hrend der 20er Jahre auch in Deutschland \u00fcber Einfl\u00fcsse der Umwelt sowie die Einbeziehung psychologischer Methoden und der Psychoanalyse in die Behandlung ignorierten beide bis in die 60er Jahre hinein weitgehend.<br \/>\nBennoch pr\u00e4gten beide bis weit in die 70er Jahre ganz ma\u00dfgeblich die Alltagspraxis des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen in Heimen. Ausdr\u00fccke wie &#8222;Unterwertigkeit&#8220; und vom angeblichen &#8222;Tatbestand der Unerziehbarkeit&#8220; beeinflussten das Bewusstsein des Heimpersonals negativ. Ein brutaler Umgang des Personals in Heimen mit den &#8222;Z\u00f6glingen&#8220; dort sei angesichts dessen nicht erstaunlich, deutete Roelcke an.<br \/>\nVillinger hatte Stutte f\u00fcr den ersten deutschen Lehrstuhl f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie 1954 in Marburg vorgeschlagen. Gemeinsam mit ihm beteiligte er sich 1958 auch an der Gr\u00fcndung der Lebenshilfe f\u00fcr das geistig behinderte Kind.<br \/>\nDie Bundesvereinigung Lebenshilfe (BVLH) benannte ihre Fortbildungsst\u00e4tte in Marburg nach Stutte. Au\u00dferdem wurde er Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kinder und Jugendpsychiatrie sowie Pr\u00e4sident der Union Europ\u00e4ischer P\u00e4dopsychiater.<br \/>\nRoelcke deutete das ungebrochene Fortwirken eugenischer Ans\u00e4tze in der Medizin nach 1945 auch damit, dass mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht automatisch auch alle faschistischen Vorstellungen aus den K\u00f6pfen verschwunden seien. Aus dem Publikum kam zudem der Hinweis, dass mit dem Aufkommen des &#8222;Kalten Kriegs&#8220; gegen Russland die Auseinandersetzung mit dem Faschismus nachrangig geworden sei. Roelcke f\u00fcgte hinzu, dass \u00c4rzte und Juristen direkt nach Kriegsende auch einfach gebraucht wurden, um die medizinische Versorgung und die staatliche Verwaltung aufrechtzuerhalten.<br \/>\nDennoch k\u00f6nne er sich manches nicht erkl\u00e4ren, res\u00fcmierte Roelcke abschlie\u00dfend. Die moralische Reinwachung Stuttes durch seinen Nachfolger Prof. Dr. Helmut Remschmidt wird beim n\u00e4chsten Vortrag am Donnerstag (13. August) Thema im H\u00f6rsaalgeb\u00e4ude sein. Die schreckliche Geschichte des Massenmords an behinderten menschen und die besondere Rolle Marburgs dabei ist noch lange nicht ausreichend aufgearbeitet.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Kriegsende haben sie weitergemacht wie vorher. \u00dcber die &#8222;V\u00e4ter der Marburger Kinder- und Jugendpsychiatrie&#8220; sprach Prof. Dr. Volker Roelcke am Donnerstag (29. 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