{"id":775,"date":"2017-06-29T15:10:45","date_gmt":"2017-06-29T13:10:45","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=775"},"modified":"2017-06-29T15:10:45","modified_gmt":"2017-06-29T13:10:45","slug":"puenktliche-freundin-abenteuerparcours-mit-auswaertigen-und-ampeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=775","title":{"rendered":"P\u00fcnktliche Freundin: Abenteuerparcours mit Ausw\u00e4rtigen und Ampeln"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Papa-, paparazzi&#8220;. Kaum hat Lady GaGa ihren letzten Ton gesungen, dr\u00fccke Ich schnell auf das gro\u00dfe Kreuz am Rande meines Handydisplays. Mein Bus passiert gerade die Aral-Tankstelle am Ortseingang von Marburg.<!--more--><br \/>\nSorgf\u00e4ltig rolle Ich meine Kopfh\u00f6rer zusammen und stecke sie in das eigens daf\u00fcr angeschaffte S\u00e4ckchen. Der davon abfallende Glitzer schm\u00fcckt bereits meine Tasche und deren gesamten Inhalt. So bin ich immerhin die Einzige im Umkreis, die von sich behaupten kann, eine glitzernde Busfahrkarte zu besitzen.<br \/>\nRein theoretisch h\u00e4tte Ich die Musik noch nicht ausschalten m\u00fcssen. Genaue Berechnungen und jahrelange Erfahrung sagen mir aber, dass es nicht m\u00f6glich sein wird, noch ein weiteres Lied bis zum Ende zu h\u00f6ren, und es gibt nichts, was Ich mehr hasse, als ein Lied in der Mitte beenden zu m\u00fcssen.<br \/>\nDie Option, einfach mit Kopfh\u00f6rern im Ohr durch Marburg zu laufen, erw\u00e4ge Ich nicht. Mein Leben ist mir zu wichtig, als dass Ich es in den \u00fcberf\u00fcllten Stra\u00dfen f\u00fcr Lady GaGa oder die Beatls aufs Spiel setzen w\u00fcrde.<br \/>\nDie restliche Fahrt, die sich durch zahlreiche rote Ampeln enorm in die L\u00e4nge zieht, verbringe Ich daher damit, den \u00e4lteren Damen hinter mir zuzuh\u00f6ren. Sie diskutieren gerade lebhaft, ob sie ihren Kuchen in der Oberstadt zu sich nehmen sollten, oder sich den lebensgef\u00e4hrlichen Aufstieg dorthin sparen und sich einen Platz bei Sch\u00e4fers Backstube suchen sollten.<br \/>\nDiese Frage stellt sich mir nicht. Ich bin mit einer Freundin in der Oberstadt verabredet. Mir bleiben noch zehn Minuten, um zu unserem Treffpunkt zu gelangen.<br \/>\nDie Zeit scheint mir ausreichend. Frohgemut mache Ich den ersten Schritt in Richtung Fu\u00dfg\u00e4ngerampel. Gerade wird sie gr\u00fcn.<br \/>\nWie in der 8. Klasse im Sportunterricht gelernt lege Ich einen Schnellstart hin und erreiche die Ampel, als sie gerade von gr\u00fcn auf rot umschaltet. Wenige Sekunden ziehe Ich es in Erw\u00e4gung, einfach bei rot \u00fcber die Stra\u00dfe zu rennen. Dann f\u00e4llt mir eine \u00e4hnliche Situation von vor drei Jahren wieder ein.<br \/>\nIch entscheide mich daher dagegen. Schlie\u00dflich habe Ich nicht auf ein wertvolles Lied verzichtet, nur um dann von einem aus Versp\u00e4tung rasenden Stadtbus \u00fcberfahren zu werden.<br \/>\nKeuchend und schwitzend bet\u00e4tige Ich also den Knopf an der Fu\u00dfg\u00e4ngerampel. &#8222;Signal kommt&#8220;, versichert sie mir in leuchtenden und sogar f\u00fcr mich als kurzsichtige Person lesbaren Buchstaben. Beunruhigt sehe Ich auf meine Uhr.<br \/>\nIch habe noch sieben Minuten. Wie gebannt starre Ich das rote Ampelm\u00e4nnchen an. Die auf der anderen Seite wartenden Fu\u00dfg\u00e4nger m\u00fcssen denken, Ich versuchte, die Ampel durch meine reine Willenskraft zum Umspringen zu bewegen.<br \/>\nStattdessen versuche Ich aber nur, mich auf etwas zu konzentrieren, um vor Ungeduld nicht wie ein bekiffter Biologie-Student von einem Fu\u00df auf den anderen zu treten. Denn wenn es eines gibt, dass Ich nicht leiden kann, dann ist es, unp\u00fcnktlich zu sein. Und die Ampeln in Marburg tun alles daf\u00fcr, meine nicht so stahlhartehn Nerven auf die Probe zu stellen.<br \/>\nEine gef\u00fchlte Ewigkeit sp\u00e4ter verschwindet das von mir fast hypnotisierte rote Ampelm\u00e4nnchen und macht Platz f\u00fcr seinen gr\u00fcnen Gef\u00e4hrten. Hastig will ich die Stra\u00dfe \u00fcberqueren, als mir der Weg von einem Auto versperrt wird, dessen Fahrer entweder noch viel kurzsichtiger und ungeduldiger ist als Ich.<br \/>\nIst die Gefahr gebannt, \u00fcberqueren Ich und der Rest der Menschenmenge, die sich inzwischen an der Ampel angesammelt hat, die Stra\u00dfe.<br \/>\nIch will gerade aufatmen, da tritt mir irgendjemand schmerzahft in die Ferse. Genervt sehe Ich mich um. An mir vorbei zieht ein Jura-Student, die Krawatte perfekt gebunden und das neueste I-Phone am Ohr. Lautstark telefonierenden blickt er auf seine \u00fcberhaupt nicht auff\u00e4llige goldene Rolex (sponsored by daddy) und h\u00e4lt es nicht f\u00fcr n\u00f6tig, ein &#8222;Entschuldigung&#8220; vor sich herzumurmeln. Das erneute Anziehen meines Schuhs kostet mich weitere 30 Sekunden.<br \/>\nMir bleiben noch 3 Minuten, um die Treppenstufen zur Obertstadt zu erklimmen und mich durch die Menschenmassen zu dem Caf\u00e9 durchzuk\u00e4mpfen, in dem meine Freundin auf mich wartet.<br \/>\nZahlreiche Tauben aufscheuchend jogge Ich den steilen Berg hoch, vorbei an mich bel\u00e4chelden Gruppen von Jugendlichen, die auf den Treppen vor H&amp;M sitzend ein Eis genie\u00dfen.<br \/>\nBereits nach Luft schnappend erreiche Ich die augustinertreppe. Zwei Stufen auf einmal nehmend will Ich sie so schnell wie m\u00f6glich hinter mich bringen, doch eine Gruppe von Rentnern entscheidet sich gerade, vor dem Abstieg ein Andenkensfoto zu machen.<br \/>\nIch bin also gewzungen, auf halben Wege kehrt zu machen und die Seite der Treppe zu wechseln. Die letzten drei Treppenstufen will Ich mir durch einen Sprung ersparen, knicke jedoch bei meiner Landung schmerzhaft um und lande auf den Knien.<br \/>\nLaut fluchend rappele Ich mich auf und ziehe dabei einige w\u00fctende Blicke der Rentner auf mich, die ihr Fotoshooting beendet haben und gerade an mir vorbei schlendern. Mit schmerzendem Kn\u00f6chel und einem blutenden Knie ziehe Ich mich am Treppengel\u00e4nder die Stufen hinauf.<br \/>\nOben angekommen bietet sich mir ein Bild der Verw\u00fcstung. Bauarbeiter haben die Barf\u00fc\u00dferstra\u00dfe aufgerissen und sind gerade dabei, mit dem Kran ein scheinbar mittelalterliches Rohr aus dem Untergrund ans Tageslicht zu bef\u00f6rdern.<br \/>\nUm nicht von diesem Rohr erschlagen zu werden, bin Ich gezwungen, mich der Reihe wartender Leute anzuschlie\u00dfen, deren Ziel ebenfalls eines der Caf\u00e9s ist, die hinter der Baustelle liegen. Die flei\u00dfigen Bauarbeiter legen noch eine Rauchpause ein, bevor sie das Rohr sicher zu Tage bef\u00f6rdern und fixieren.<br \/>\nDie Reihe von Menschen setzt sich in Bewegung. Mit Blick auf den R\u00fccken meines Vordermanns werde Ich wie auf dem Jahrmarkt durch den schmalen Durchgang zwischen Hauswand und Bauabsperrung geschoben. Bevor mir erneut jemand den Schuh ausziehen kann, erreichen wir das gelobte Land.<br \/>\nIch ersp\u00e4he das zum Gl\u00fcck nicht mehr weit entfernte Caf\u00e9 und hetze die letzten Meter auf anderthalb F\u00fc\u00dfen. Meine Freundin sehe Ich nicht. Als Ich mich st\u00f6hnend und verschwitzt an den einzigen freien Tisch direkt neben dem M\u00fclleimer setze, erreicht mich eine WhatsApp-Nachricht: &#8222;Ampeln waren alle rot, daher hat mein Bus Versp\u00e4tung. Bin in zehn Minuten da!&#8220;<\/p>\n<p>* Elisa Tittl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Papa-, paparazzi&#8220;. Kaum hat Lady GaGa ihren letzten Ton gesungen, dr\u00fccke Ich schnell auf das gro\u00dfe Kreuz am Rande meines Handydisplays. 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