{"id":7705,"date":"2021-09-02T18:32:21","date_gmt":"2021-09-02T16:32:21","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=7705"},"modified":"2021-09-02T18:32:21","modified_gmt":"2021-09-02T16:32:21","slug":"opfer-geehrt-gedenkinstallation-im-schuelerpark-uebergeben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=7705","title":{"rendered":"Opfer geehrt: Gedenkinstallation im Sch\u00fclerpark \u00fcbergeben"},"content":{"rendered":"<p>Die Gedenkinstallation f\u00fcr die Opfer der Marburger J\u00e4ger wurde festlich \u00fcbergeben. Unter dem Titel &#8222;Verblendung&#8220;&#8218; erinnert sie im Herzen der Stadt an Opfer des Militarismus. <!--more--><br \/>\nDie Kunstinstallation &#8222;Verblendung&#8220; von Heiko H\u00fcnnerkopf setzt im Sch\u00fclerpark einen Kontrapunkt zum Denkmal der Marburger J\u00e4ger. &#8222;Verblendung&#8220; soll deutlich sichtbar sein und so zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen. Die Stadt im Sch\u00fclerpark hat das Denkmal nun feierlich der Stadtgesellschaft \u00fcbergeben.<br \/>\nAngestrahlt und geschm\u00fcckt steht das Kunstwerk &#8222;Verblendung&#8220; im Sch\u00fclerpark, leuchtet in der Abendsonne und der roten Beleuchtung. V\u00f6gel zwitschern und immer mehr Stimmen f\u00fcllen den Park. Mehr als 100 Marburger*innen sind gekommen, um die Er\u00f6ffnung der Kunstinstallation im Gedenken an die Opfer der Marburger J\u00e4ger zu feiern, um der Opfer zu gedenken und, um am Weltfriedenstag ein Zeichen f\u00fcr Frieden und gegen Militarismus zu setzen.<br \/>\nViele Beteiligte berichten vom Entstehungsprozess, Vertreterinnen der Opfer senden Gru\u00dfbotschaften, Musik und die H\u00f6rtheatrale setzen einen eindr\u00fccklichen Rahmen.<br \/>\n&#8222;Geschichte kann man nicht vernichten. Stattdessen muss man sie reflektieren und sich kritisch mit ihr auseinandersetzen&#8220;, sagte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies zur Begr\u00fc\u00dfung am Mittwoch (1. September). &#8222;Wir wollen Geschichte auch nicht verdr\u00e4ngen. Wir wollen sie neu beleuchten und uns so verpflichten, sie nicht zu wiederholen&#8220;, mahnte er.<br \/>\n&#8222;Die heutige Zeremonie ist eine sehr positive Entwicklung und kann internationales Verst\u00e4ndnis, insbesondere f\u00fcr die Opfer der Marburger J\u00e4ger schaffen&#8220;, lie\u00df Dr. Olga Kamoruao ihren Gru\u00df verlesen. Sie ist Vertreterin der Herero und Nama, die in Namibia Opfer des Marburger J\u00e4gerbataillons wurden. Ihr Volk f\u00fchle sich geehrt, sende sein Wohlwollen und hoffe, weiterhin mit den B\u00fcrger*innen und dem Oberb\u00fcrgermeister &#8222;dieser gro\u00dfartigen Stadt&#8220; zusammenarbeiten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nIm Namen des K\u00f6nigreichs Belgien sandte die stellvertretende Botschafterin Valentine Mangez eine Videobotschaft. &#8222;Am 23. August 1914 richteten die deutschen Truppen in Dinant willk\u00fcrlich ein Zehntel der Bev\u00f6lkerung hin, 674 unschuldige Zivilisten&#8220;, erkl\u00e4rte Mangez.<br \/>\nDie Gedenkinstallation sei ein eindrucksvolles Beispiel daf\u00fcr, wie eine Stadt selbst die dunkelsten Seiten ihrer Vergangenheit aufarbeiten k\u00f6nne, wenn Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Kunst und Politik zusammenarbeiten. &#8222;Momente wie dieser sind von unsch\u00e4tzbarem Wert f\u00fcr die Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland&#8220;, betonte sie.<br \/>\nDer Landtagsabgeordnete Jan Schalauske und Ralf Schrader vom Marburger B\u00fcndnis &#8222;Nein zum Krieg&#8220; sprachen f\u00fcr die Initiator*innen der Gedenkinstallation. Einblicke in den intensiven Erinnerungsprozess bis hin zur Entstehung der &#8222;Verblendung&#8220; gaben Elisabeth Auernheimer, Dr. Maximiliane J\u00e4ger-Gogoll und Dr. Harald Klimpel.<br \/>\n&#8222;Mit der Gedenkinstallation tritt das Leid, das durch die Marburger J\u00e4ger verursacht wurde, in den Vordergrund; das falsche Heldengedenken tritt in den Hintergrund&#8220;, sagte Schalauske. &#8222;Marburg gibt den Opfern des militaristischen Wahns einen Namen&#8220;, stellte Schrader heraus.<br \/>\nDer K\u00fcnstler Heiko H\u00fcnnerkopf dankte der Stadt und der Stadtgesellschaft f\u00fcr den beispielshaften Prozess bis zur Umsetzung von &#8222;Verblendung&#8220;. Er habe in Marburg gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung gegen\u00fcber aller K\u00fcnstler*innen erfahren, die sich am Wettbewerb zur Gestaltung der Gedenkinstallation beteiligt hatten: &#8222;Mein Dank an Marburg, an die Verwaltung, an die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger f\u00fcr die Unterst\u00fctzung und vor allem f\u00fcr den Mut zur Umsetzung!&#8220;<br \/>\nMit einer Schweigeminute gedachten die Anwesenden dann der Opfer des Hessische J\u00e4gerbataillons aus Marburg, schm\u00fcckten die Gedenkinstallation mit den bereitstehenden wei\u00dfen Rosen und besahen sich die &#8222;Verblendung&#8220; und die kleinen T\u00e4felchen, die im Inneren der Installation \u00fcber die Taten der Marburger J\u00e4ger informierten.<br \/>\nUmrahmt wurde der festliche Teil von Stefan H\u00fclsermann mit der Klarinette und abgeschlossen von einem Live-H\u00f6rspiel der H\u00f6rtheatrale. Sie nahm das Publikum eindr\u00fccklich mit in den &#8222;Krieg&#8220; &#8211; nach dem Roman von Ludwig Renn und mit Texten zu den Marburger J\u00e4gern.<br \/>\nDas J\u00e4gerdenkmal von 1923 ist eine gewaltige S\u00e4ule in einem Marburger Park. Die &#8222;Verblendung&#8220; von K\u00fcnstler Heiko H\u00fcnnerkopf aus Wertheim h\u00e4lt Abstand, l\u00e4sst das eigentliche Denkmal physisch unber\u00fchrt &#8211; greift aber optisch ein: Winkelprofile sind in zwei Halbkreisen vor der S\u00e4ule installiert.<br \/>\nJe nach Blickwinkel verblenden sie das J\u00e4gerdenkmal teilweise oder sogar komplett. An den Winkelprofilen sind Erinnerungstafeln angebracht. Sie informieren \u00fcber die Opfer des Hessischen J\u00e4gerbataillons Nr. 11 und umfassen f\u00fcnf Themen.<br \/>\nDabei handelt es sich um den Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg 1870\/71 mit Niederschlagung der Pariser Kommune; die Kolonialkriege in China 1900\/1901 mit Niederschlagung des Boxeraufstands; Eins\u00e4tze in S\u00fcdwestafrika von 1904 bis 1907 mit der Ermordung der Herero und Nama in Namibia. 1914 war die Einheit an Kriegsverbrechen in Dinant in Belgien beteiligt und 1919 am Massaker an Arbeitern in K\u00f6nigsh\u00fctte in Polen.<br \/>\nDen Titel &#8222;Verblendung&#8220; meint K\u00fcnstler H\u00fcnnerkopf durchaus doppeldeutig: Einerseits bezeichnet es die optische (Teil)Verblendung und andererseits die ideologische Verblendung der Marburger J\u00e4ger als angesehene Akteure der Stadtgesellschaft in einem militaristischen Kaiserreich.<br \/>\nDer Umgang mit der Geschichte der Marburger J\u00e4ger bis hin zur heutigen Gedenkinstallation war ein langer, diskursiver und vorbildlicher Erinnerungsprozess der Stadtgesellschaft. Bereits Anfang des vergangenen Jahrzehnts begann die Aufarbeitung der Geschichte: Angesto\u00dfen wurde der Prozess dadurch, dass 2011 in einem Marburger Stadtteil privat ein weiteres und sehr umstrittenes Denkmal f\u00fcr die Marburger J\u00e4ger errichtet wurde.<br \/>\nDiese Nachricht drang bis Namibia. Stammesoberh\u00e4upter der Herero und Nama schickten Protestbriefe nach Marburg, die deren Vertreterin Dr. Olga Kamoruao an den damaligen Oberb\u00fcrgermeister Egon Vaupel \u00fcbergab.<br \/>\nIm Auftrag des Stadtparlaments hat die Marburger Geschichtswerkstatt eine Studie zur Geschichte der Marburger J\u00e4ger erarbeitet, die 2013 im Rathaus-Verlag ver\u00f6ffentlicht wurde. 2016 folgte der politische Beschluss, dem Gedenken an die Opfer &#8222;einen sichtbaren, materiell fassbaren, k\u00fcnstlerischen Ausdruck&#8220; zu geben. Die Stadt hat daraufhin einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben.<br \/>\nBis zum Bewerbungsschluss im Dezember 2017 waren 55 Bewerbungen aus Deutschland, \u00d6sterreich, Belgien, Frankreich und Namibia eingegangen. Eine neunk\u00f6pfige Jury traf eine Vorauswahl.<br \/>\nAcht K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler stellten dann ihre Entw\u00fcrfe pers\u00f6nlich vor. Am meisten \u00fcberzeugt hat schlie\u00dflich die Konzeption von Heiko H\u00fcnnerkopf, die nun im Sch\u00fclerpark umgesetzt ist.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gedenkinstallation f\u00fcr die Opfer der Marburger J\u00e4ger wurde festlich \u00fcbergeben. 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