{"id":7195,"date":"2021-06-11T18:20:08","date_gmt":"2021-06-11T16:20:08","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=7195"},"modified":"2021-06-11T18:20:08","modified_gmt":"2021-06-11T16:20:08","slug":"vortrag-in-marburg-ulrich-raulff-sprach-ueber-geschmack","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=7195","title":{"rendered":"Vortrag in Marburg: Ulrich Raulff sprach \u00fcber Geschmack"},"content":{"rendered":"<p>Die Begriffe &#8222;Geschmack&#8220; und &#8222;Kennerschaft&#8220; standen im Zentrum der zweiten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che. Den Hauptvortrag dazu hielt Ulrich Raulff. <!--more--><br \/>\nHeute erscheint es selbstverst\u00e4ndlich, dass uns sch\u00f6ne Dinge gefallen und wir unserem Gefallen Ausdruck verleihen, indem wir &#8222;Likes&#8220; verteilen. Aber welche Faktoren beeinflussen, was als geschmackvoll bewertet wird? Ist der Geschmack eine menschliche Spezialit\u00e4t oder k\u00f6nnen auch Algorithmen und k\u00fcnstliche Intelligenzen Geschmack erlernen?<br \/>\nUnd wie verh\u00e4lt es sich mit der Geschmacklosigkeit? Haben sich Begriffe wie Geschmack, \u00c4sthetik, Kennerschaft und Sch\u00f6nheitssinn \u00fcber die Jahrhunderte ver\u00e4ndert?<br \/>\nMit diesen Fragen besch\u00e4ftigten sich die zweiten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che an der Philipps-Universit\u00e4t Marburg am Donnerstag (10. Juni) und Freitag (11. Juni). Die Frage des Geschmacks stand auch im \u00f6ffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Ulrich Raulff am 10. Juni im Fokus. Unter dem Titel &#8222;Mit Luhmann im Dschungelcamp &#8211; \u00dcber Theorie und Praxis des schlechten Geschmacks&#8220; beleuchtete der Gast der Wissenschaftsgespr\u00e4che die Geschmacksfrage im Sinne von Niklas Luhmann: Guter Geschmack l\u00e4sst sich demnach am besten anhand klarer F\u00e4lle von schlechtem Geschmack definieren.<br \/>\nDer Autor und Historiker Ulrich Raulff forschte in Europa und den USA, insbesondere zur Ideen- und Kulturgeschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Derzeit ist er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin und widmet sich dort dem Thema, das auch im Mittelpunkt dieser Wissenschaftsgespr\u00e4che steht, dem Geschmack und der Kennerschaft.<br \/>\nIn seinem Abendvortrag am Donnerstag (10. Juni) nahm Raulff die rund 120 digital zugeschalteten Zuh\u00f6rerinnen und Zuh\u00f6rer mit auf eine Reise durch die Fragen des guten und schlechten Geschmacks. Er begann bei der Theorie von absinkenden und aufsteigenden Kulturmodellen innerhalb gesellschaftlicher Schichten: Sitten und Gebr\u00e4uche wie T\u00e4towierungen oder verdunkelte Autoscheiben wurden &#8222;von der Hafenstra\u00dfe nach oben in die Direktionsetagen der Dax-Konzerne durchgereicht&#8220;, sagte Raulff und ging dazu \u00fcber, Geschmack nicht als eine Eigenschaft von Objekten, sondern als eine Haltung zu ihnen zu beschreiben. &#8222;Durch unseren Geschmack nehmen wir eine soziale Position ein. So grenzen wir uns von anderen Subjekten ab und bringen unsere feinen Unterschiede vorteilhaft zur Geltung &#8211; ein Drama zwischen Imitation und Exklusion&#8220;, sagte Raulff. Er beschrieb auch, wie das Urteil des schlechten Geschmacks besonders im 19. Jahrhundert in Ausstellungen und Kitschmuseen zum Ausdruck kam und \u00e4sthetische Missgriffe um die Jahrhundertwende sogar als moralische S\u00fcnde kriminalisiert wurden. &#8222;Eine Annahme, die es bis in die Gegenwart \u00fcberlebt hat. Der Begriff ,Geschmacklosigkeit&#8216; hat mittlerweile seine \u00e4sthetische Bedeutung so gut wie vollst\u00e4ndig eingeb\u00fc\u00dft und wird nur noch zur moralischen Verurteilung benutzt&#8220;, sagte Raulff und schloss unter anderem mit der Beschreibung des landl\u00e4ufigen Kritikers des schlechten Geschmacks, der die Sorgen der Yellow Press oder den European Song Contest besp\u00f6ttelt.<br \/>\nWissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus insgesamt 14 Fachdisziplinen befassten sich an den zwei Tagen der Wissenschaftsgespr\u00e4che mit Geschmacksfragen, zum Beispiel im interdisziplin\u00e4ren Symposium &#8222;Geschmack: Was ist das, wer hat das erfunden, und wer braucht das?&#8220;<br \/>\nDas neue Format der Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che der Philipps-Universit\u00e4t will ganz bewusst die gesellschaftsbildende Kraft der Wissenschaft aufgreifen. Die Universit\u00e4t will sich zu aktuellen Fragen aus wissenschaftlicher Perspektive positionieren und den Diskurs zwischen Spezialistinnen und Spezialisten und der \u00d6ffentlichkeit f\u00f6rdern.<br \/>\nBei den ersten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4chen im Januar 2021 war es um die Frage des Umgangs der Geisteswissenschaften mit Kulturgut gegangen. Mit dem Thema &#8222;Geschmack, \u00c4sthetik, Kennerschaft und Sch\u00f6nheitssinn&#8220; betreten auch die zweiten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che ein Terrain, das gesellschaftlich h\u00f6chst aktuell ist.<br \/>\n&#8222;Die Universit\u00e4t will mit diesen Wissenschaftsgespr\u00e4chen zeigen, wie sich \u00fcber Geschmack auch akademisch trefflich streiten l\u00e4sst&#8220;, erkl\u00e4rte Prof. Dr. Katharina Krause. Die Pr\u00e4sidentin der Philipps-Universit\u00e4t betonte: &#8222;F\u00fcr die wissenschaftliche Erkenntnis ist der Diskurs unabdingbar. Sich \u00fcber unterschiedliche Ideen auszutauschen und unterschiedliche Standpunkte abzugleichen kann aber auch au\u00dferhalb der Wissenschaftsgemeinschaft gesellschaftlich zu einem besseren Miteinander durch mehr gegenseitiges Verst\u00e4ndnis f\u00fchren.&#8220;<br \/>\nAls wissenschaftlicher Leiter der zweiten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che erkl\u00e4rte der Historiker Prof. Dr. Benedikt Stuchtey: &#8222;Unser Thema hat dazu eingeladen, \u00fcber disziplin\u00e4re und zeitliche sowie r\u00e4umliche Grenzen hinweg ein Problem und eine Fragestellung in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu stellen. Dabei ist das Problem des Geschmacks nicht ein rein \u00e4sthetisches, sondern es kann grunds\u00e4tzliche gesellschaftliche und politische Aspekte aufwerfen.&#8220;<br \/>\nRaulff studierte in Marburg, Frankfurt und Paris Geschichte und Philosophie, 1977 promovierte er an der Philipps-Universit\u00e4t. Neben seiner Forschung war er in den folgenden zwei Jahrzehnten auch freiberuflich als wissenschaftlicher Publizist und \u00dcbersetzer t\u00e4tig.<br \/>\n1994 ging er als Redakteur im Feuilleton zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Drei Jahre sp\u00e4ter \u00fcbernahm er die Leitung des Ressorts. 2001 wechselte er zur S\u00fcddeutschen Zeitung (SZ).<br \/>\nSeit seiner Habilitation 1995 lehrt er au\u00dferdem an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin. Von 2004 bis 2018 war er Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach, heute steht er dem Institut f\u00fcr Auslandsbeziehungen (ifa) &#8211;<br \/>\nDeutschlands \u00e4ltester Einrichtung f\u00fcr ausw\u00e4rtige Kultur- und Bildungspolitik &#8211; als Direktor vor.<br \/>\nSeit seiner Promotion hat Raulff Dutzende B\u00fccher verfasst und herausgegeben, unter anderem das 2014 erschienene &#8222;Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens&#8220;. F\u00fcr seine Studie &#8222;Kreis ohne Meister&#8220; erhielt er 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch und Essayistik.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Begriffe &#8222;Geschmack&#8220; und &#8222;Kennerschaft&#8220; standen im Zentrum der zweiten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che. 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