{"id":6775,"date":"2021-03-26T11:48:15","date_gmt":"2021-03-26T10:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=6775"},"modified":"2021-03-26T11:48:15","modified_gmt":"2021-03-26T10:48:15","slug":"afrika-in-marburg-stadt-benennt-strassen-und-plaetze-neu","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=6775","title":{"rendered":"Afrika in Marburg: Stadt benennt Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze neu"},"content":{"rendered":"<p>Nach einem afrikanischen Arzt ist jetzt eine Stra\u00dfe in Marburg benannt. Auch zwei japanische \u00c4rzte w\u00fcrdigt die Stadt mit Stra\u00dfennamen. <!--more--><br \/>\nMansaley Kobba, Sunao Tawara und Tada Urata tauchen k\u00fcnftig im Marburger Stadtbild auf. Nach den au\u00dfereurop\u00e4ischen Wissenschaftlern werden ein Weg, ein Platz und ein Kreisverkehr benannt. Den Namen des westafrikanischen Arztes Kobba tr\u00e4gt nun die bislang unbenannte Wegeverbindung zwischen der Alten Kasseler Stra\u00dfe und der Rudolf-Bultmann-Stra\u00dfe.<br \/>\nDie Stadtverordnetenversammlung (StVV) hatte beschlossen, drei au\u00dfereurop\u00e4ische Wissenschaftler zu ehren, indem sie diese Menschen im Stadtbild namentlich verewigen. Auch der Marburger Werner Karry und die deutsche Politikerin und J\u00fcdin Hildegard Hamm-Br\u00fccher werden in Neubenennungen gew\u00fcrdigt.<br \/>\nDas Schild am ersten nun neu benannten Weg hat Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies gemeinsam mit Kobbas drei S\u00f6hnen Dr. Samuel Kobba und Dr. Joseph Kobba und Momoh Kobba aus Sierra Leone enth\u00fcllt. Auch Stadtverordnetenvorsteherin Marianne W\u00f6lk und Dr. Gangolf Seitz von Terra Tech waren bei der Enth\u00fcllung des Schildes dabei.<br \/>\n&#8222;In der europ\u00e4ischen Wissenschaft im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Leistungen von Wissenschaftler*innen, die nicht aus Europa oder Amerika stammten, weniger gew\u00fcrdigt&#8220;, erl\u00e4uterte Spies die Gr\u00fcnde der Benennung. &#8222;Gerade angesichts der Rassismusdebatten in den vergangenen Monaten ist es ein richtiges und wichtiges Signal, auch au\u00dfereurop\u00e4ische Pers\u00f6nlichkeiten mit Bezug zu Marburg zu w\u00fcrdigen und deren Namen in unserer Stadt sichtbar zu machen.; und wir ehren hier einen Menschen, der gezeigt hat, was Humanit\u00e4t bedeutet.&#8220;<br \/>\nW\u00f6lk erg\u00e4nzte: &#8222;Diese Benennung ist unser Beitrag, die Weltoffenheit der Stadt zu verdeutlichen und zu leben&#8220;<br \/>\nBuakarie Mansaley Kobba (Anfang 1930er-2015) wurde in Mobai in Sierra Leone geboren. Er kam nach dem Abitur in den 1950er-Jahren nach Marburg und studierte hier Medizin. Damit war er einer der ersten afrikanischen Studenten in Marburg \u00fcberhaupt.<br \/>\n&#8222;Er hat es verstanden, mit seinem Charme und seiner Kontaktfreudigkeit schnell ein Netzwerk innerhalb und au\u00dferhalb der Universit\u00e4t zu kn\u00fcpfen&#8220;, berichtete Oberb\u00fcrgermeister Spies. Kobba promovierte in Marburg, erhielt in Hamburg das Diplom der Tropenmedizin, machte in Berlin ein Diplom in \u00f6ffentlichem Gesundheitswesen. Als er nach Sierra Leone zur\u00fcckkehrte, erzielte er dort wegweisende Fortschritte in der medizinischen Versorgung.<br \/>\nUnterst\u00fctzt wurde er dabei von zahlreichen Marburgerinnen und Marburgern sowie dem Verein Terra Tech. Seine Freunde aus aller Welt halfen ihm mit Spenden f\u00fcr den Bau eines Krankenhauses. Die &#8222;Eastern Clinic&#8220; wurde 1968 er\u00f6ffnet, das Personal bildete Kobba selbst aus.<br \/>\n&#8222;Kobba setzte au\u00dferdem auf eine prophylaktische Medizin&#8220;, erl\u00e4uterte Spies. &#8222;Auf seine Initiative hin wurden mehr als hundert D\u00f6rfer mit hygienischen Brunnen und Latrinen ausgestattet. Eine mobile Einheit der Klinik besuchte zudem regelm\u00e4\u00dfig die D\u00f6rfer in der Umgebung, um dort kleine Kinder zu untersuchen und zu impfen und die M\u00fctter in Fragen der Ern\u00e4hrung und Hygiene zu beraten.&#8220;<br \/>\nUm f\u00fcr den Betrieb der Klinik nicht dauerhaft auf Spenden angewiesen zu sein, begann Kobba, die Kosten durch den Anbau von Reisfeldern und \u00d6lplantagen abzusichern. Doch die Erfolgsgeschichte der &#8222;Eastern Clinic&#8220; nahm 1991 im B\u00fcrgerkrieg ein j\u00e4hes Ende. Rebellen \u00fcberrannten die Klinik<br \/>\nKobba musste mit seiner Familie und dem Personal fliehen. Kobba lebte zehn Jahre als Fl\u00fcchtling, monatelang von Rebellen inhaftiert. Nach Kriegsende praktizierte Kobba weiter als Arzt, zog sich in den letzten Jahren seines Lebens in seinen Geburtsort zur\u00fcck und behandelte dort Kranke, k\u00fcmmerte sich um die Palm\u00f6lplantagen.<br \/>\n&#8222;Bukarie Mansaley Kobba hat nie pers\u00f6nlichen Reichtum besessen&#8220;, stellte spies fest. &#8222;Seine unendliche Energie schenkte er seinem Land und den Menschen aus seinem Dorf. Mit der Benennung dieses Weges wollen wir einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Mann ehren.&#8220;<br \/>\nSeine Familie bedankte sich bei der Stadt. &#8222;Diese Stra\u00dfenbenennung ist eine gro\u00dfe Ehre f\u00fcr uns&#8220;, sagte Dr. Samuel Kobba. &#8222;Unser Vater hat viel von Marburg f\u00fcr sein Wirken mitgenommen &#8211; und er hat hier viel Unterst\u00fctzung bekommen.&#8220;<br \/>\nSein Bruder Momoh Kobba erg\u00e4nzte: &#8222;Wir wollen die Arbeit von Mansaley Kobba weiterf\u00fchren. Seine Klinik ist marode &#8211; wir werden sie wieder in Gang setzen. Es gilt, Aufbau zu leisten, damit der Name unseres Vaters auch in unserem Heimatland weiterlebt.&#8220;<br \/>\nNeue Stra\u00dfenschilder und deren entsprechende, feierliche Enth\u00fcllungen wird es in diesem Jahr au\u00dferdem geben f\u00fcr:<br \/>\nSunao Tawara (1873-1952) war ein japanischer Pathologe. Er kam 1903 als Student der Medizin nach Marburg. Als Sch\u00fcler von Ludwig Aschoff, dem Leiter des Pathologischen Instituts Marburg, entdeckte er den sogenannten Aschoff-Tawara-Knoten, der eine zentrale Funktion im Reizleitungssystem des menschlichen K\u00f6rpers hat.<br \/>\nDer Knoten befindet sich im Bereich der Muskelfasern des Herzens. Und die Grundlagenforschung f\u00fcr diese bedeutende Entdeckung erfolgte in Marburg.<br \/>\n&#8222;Wir wollen die herausragende medizinische Leistung von Sunao Tawara ehren und gleichzeitig auch die traditionsreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Japan und Marburg w\u00fcrdigen&#8220;, erkl\u00e4rte Spies. Daher erh\u00e4lt der Verkehrskreisel in der Baldingerstra\u00dfe auf den Lahnbergen den Namen Tawara-Aschoff-Knoten. Die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung des Universit\u00e4tsklinikums Gie\u00dfen Marburg (UKGM) und die Philipps-Universit\u00e4t haben den Vorschlag ebenfalls positiv begleitet.<br \/>\nDr. Tada Urata (1873-1936) war eine japanische Augen\u00e4rztin und die erste Medizinerin, die in Marburg ihren Doktortitel erhielt. Die in Japan ausgebildete Wissenschaftlerin arbeitet in Tokio am Forschungsinstitut des Bakteriologen Shisabura Kitasato, einem Kollegen und Freund des Impfpioniers Emil von Behring. Zum Sommersemester 1903 kam sie dann nach Marburg, um Augenheilkunde zu studieren.<br \/>\n&#8222;Sie machte 1905 ihren Doktortitel &#8211; als erste Frau in Marburg und als erste Japanerin in Deutschland&#8220;, berichtete Spies. &#8222;Damit war sie eine wichtige Wegbereiterin.&#8220;<br \/>\nDas Frauenstudium wurde in Marburg erst zum Wintersemester 1908\/1909 offiziell eingef\u00fchrt &#8211; ein Erlass von 1900 erm\u00f6glichte es jedoch Frauen, die im Ausland studiert haben, auch im Deutschen Reich eine Zulassung zur medizinischen, zahn\u00e4rztlichen oder pharmazeutischen Staatspr\u00fcfung zu erhalten.<br \/>\nNach ihrer erfolgreichen Pr\u00fcfung und der Erlangung des Doktortitels in Marburg kehrte Urata nach Japan zur\u00fcck. Sie lie\u00df sich als Augen\u00e4rztin nieder, sp\u00e4ter er\u00f6ffnete sie mit ihrem Ehemann eine Klinik.<br \/>\nEin Teilst\u00fcck des Konrad-Baier-Wegs erh\u00e4lt den Namen Werner-Karry-Weg. Die Anregung dazu kam von der Hansenhaus-Gemeinde. Die Stadtverordnetenversammlung (StVV) hat dem zugestimmt.<br \/>\nKarry war langj\u00e4hriges Mitglied der Hansenhausgemeinde. Von 1994 bis 2000 war er deren Vorsitzender und bis zu seinem Tod 2009 Ehrenvorsitzender.<br \/>\n&#8222;Er hat sich um die Entwicklung des Stadtteils und der Stadtteilgemeinde verdient gemacht&#8220;, erl\u00e4uterte Spies. &#8222;Dar\u00fcber hinaus war er in vielen anderen Bereichen f\u00fcr die Marburger*innen ehrenamtlich t\u00e4tig &#8211; unter anderem als ehrenamtlicher Richter am Amtsgericht Marburg.&#8220; 2004 erhielt Karry das Bundesverdienstkreuz am Bande.<br \/>\nDer bisherige Karl-Theodor-Bleek-Platz und der Karl-Theodor-Bleek-Steg erhalten einen neuen Namen: Hildegard-Hamm-Br\u00fccher-Platz und Hildegard-Hamm-Br\u00fccher-Steg werden sie k\u00fcnftig hei\u00dfen. Die Ehrung von Karl-Theodor Bleek wird auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung aufgrund seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus zur\u00fcckgenommen.<br \/>\nHildegard Hamm-Br\u00fccher (1921-2016) war J\u00fcdin und Politikerin. 1948 trat Hamm-Br\u00fccher der FDP bei und machte sich als Bildungspolitikerin einen Namen im Landtag und im Bundestag. Sie war Staatssekret\u00e4rin im hessischen Kultusministerium, Staatssekret\u00e4rin im Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Wissenschaft, Staatsministerin im Ausw\u00e4rtigen Amt.<br \/>\n&#8222;Bis ins hohe Alter engagierte Hildegard Hamm-Br\u00fccher sich f\u00fcr liberale Werte, B\u00fcrgerrechte, Frauenrechte, Zivilcourage und demokratische Kultur&#8220;, erkl\u00e4rte Spies. &#8222;Sie k\u00e4mpfte gegen Antisemitismus. Deswegen m\u00f6chten wir mit dieser Umbenennung eine \u00fcberaus engagierte, kluge und starke Frau ehren.&#8220;<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einem afrikanischen Arzt ist jetzt eine Stra\u00dfe in Marburg benannt. 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