{"id":6366,"date":"2021-01-19T17:57:02","date_gmt":"2021-01-19T16:57:02","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=6366"},"modified":"2021-01-19T18:42:51","modified_gmt":"2021-01-19T17:42:51","slug":"in-der-uni-benedicte-savoy-sprach-ueber-das-fremde-und-das-eigene","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=6366","title":{"rendered":"In der Uni: B\u00e9n\u00e9dicte Savoy sprach \u00fcber &#8222;das Fremde&#8220; und das &#8222;Eigene&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Sicht der Geisteswissenschaften auf das &#8222;Fremde&#8220; stand im Mittelpunkt der ersten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che. Prominente Rednerin war dabei Prof. Dr. B\u00e9n\u00e9dicte Savoy. <!--more--><br \/>\nMit welcher Motivation befassen wir uns mit Sachverhalten, die nicht unserer eigenen Kultur angeh\u00f6ren und uns deshalb &#8222;fremd&#8220; erscheinen? Wie bestimmen wir demgegen\u00fcber das &#8222;Eigene&#8220;? Was bedeutet das f\u00fcr wissenschaftliches Arbeiten?<br \/>\nDiese Fragen bildeten den Ausgangspunkt der ersten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che am Montag (18. Januar) und Dienstag (19. Januar) an der Philipps-Universit\u00e4t. Die politische und wissenschaftliche Sprengkraft dieser Frage wurde in Savoys \u00f6ffentlichem Vortrag \u00fcber &#8222;Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage&#8220; deutlich.<br \/>\nDie prominente Kunsthistorikerin von der Technischen Universit\u00e4t (TU) Berlin und dem Coll\u00e8ge de France in Paris war &#8211; pandemiebedingt per Videokonferenz &#8211; zu Gast bei den Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4chen. In ihrem Abendvortrag ging sie auf die Restitutionsdebatte ein, die in den 70er Jahren nach einem Symposium zum Thema &#8222;Museen und die Dritte Welt&#8220; entflammt ist.<br \/>\nIn vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern entwickelten Museen Strategien, um die Forderungen afrikanischer L\u00e4nder abzuwehren, ihr Kulturgut wiederzuerlangen und im eigenen Land zu pr\u00e4sentieren. Der Vortrag st\u00fctzt sich auf alte Korrespondenzen, Handreichungen, Sitzungsprotokolle und Vermerke, die in den Dienstzimmern der damaligen Museumsverantwortlichen in Berlin, Stuttgart, M\u00fcnchen, K\u00f6ln oder anderswo entstanden sind.<br \/>\n&#8222;Die Anwesenheit von Kulturg\u00fctern in einem Museum bedeutet gleichzeitig die Abwesenheit dieser G\u00fcter an ihrem urspr\u00fcnglichen Ort&#8220;, erkl\u00e4rte Savoy. &#8222;Das kann man bei einem Museumsbesuch abstrakt erfassen; aber wenn man die Orte bereist, an denen die Kulturg\u00fcter abwesend sind, ist das eine ganz andere Erfahrung. Das ist nicht nur ein Thema f\u00fcr Akademikerinnen und Akademiker, sondern eines, das auch l\u00e4ngst im Kino angekommen ist.&#8220;<br \/>\nSavoy erg\u00e4nztet: &#8222;Und diese mediale Aufarbeitung ist nicht neu. Sie hat schon in den 1970er Jahren begonnen. Die Frage nach Restitution wurde danach allerdings sehr effektiv vergessen. Unsere Aufgabe heute ist es, daf\u00fcr zu sorgen, dass dies nicht wieder geschieht.&#8220;<br \/>\nDas neue Format der Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che der Philipps-Universit\u00e4t will ganz bewusst die gesellschaftsbildende Kraft der Wissenschaft aufgreifen. Die Gesamtveranstaltung am 18. und 19. Januar stand unter dem Titel &#8222;\u00dcber das Fremde und das Eigene: Vom schwierigen Umgang der Geisteswissenschaften mit Kulturgut&#8220;. Aufh\u00e4nger war die politisch h\u00f6chst aktuelle Frage der Restitution von unrechtm\u00e4\u00dfig oder unter schwierigen Bedingungen erworbenen und in Museen verbrachten Kulturobjekten. In einem interdisziplin\u00e4ren Symposium und einem ebensolchen Kolloquium diskutierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus zw\u00f6lf Fachdisziplinen an zwei Tagen dar\u00fcber, was Kategorisierungen wie &#8222;eigen&#8220; und &#8222;fremd&#8220; f\u00fcr Museen und Sammlungen bedeuten, und welche Implikationen sie f\u00fcr andere wissenschaftliche Fragestellungen haben.<br \/>\n&#8222;Die Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che f\u00fchren die Haltung der Philipps-Universit\u00e4t konsequent fort, sich zu aktuellen Fragen aus wissenschaftlicher Perspektive zu positionieren und den Diskurs zwischen Spezialistinnen und Spezialisten und der \u00d6ffentlichkeit zu f\u00f6rdern&#8220;, erkl\u00e4rte Universit\u00e4tspr\u00e4sidentin Prof. Dr. Katharina Krause. &#8222;Denn Forschung und Erkenntnisgewinn finden immer in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext statt. Augenf\u00e4llig ist dies derzeit auch beim Umgang mit der Corona-Pandemie. Wissenschaft hat das Potenzial, neue Perspektiven auch \u00fcber den disziplin\u00e4ren Horizont hinaus zu er\u00f6ffnen. Dazu wollen wir mit den Wissenschaftsgespr\u00e4chen beitragen.&#8220;<br \/>\nDie Philipps-Universit\u00e4t l\u00e4dt zu den Wissenschaftsgespr\u00e4chen prominente G\u00e4ste ein, die Fragen aufwerfen, die so noch nicht gestellt wurden. Diese G\u00e4ste bringt sie mit Forscherinnen und Forschern der Universit\u00e4t sowie mit der interessierten \u00d6ffentlichkeit in den interdisziplin\u00e4ren Dialog.<br \/>\n\u00dcber den ersten Gast sagte Prof. Dr. Hubert Locher als wissenschaftlicher Leiter der ersten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che: &#8222;Professorin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy ist f\u00fcr das Fach Kunstgeschichte ebenso ein Gl\u00fccksfall wie sie f\u00fcr diese ersten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che eine Idealbesetzung ist. Sie hat es durch ihren engagierten Einsatz geschafft, die Frage der sogenannten Beutekunst &#8211; des fragw\u00fcrdigen Kunsterwerbs unter kolonialen Bedingungen &#8211;<br \/>\nnicht nur f\u00fcr die Gemeinde der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker aufzuarbeiten, sondern weitere Kreise zu erreichen. So wird deutlich, dass die Fragestellungen einer kritischen Kunstgeschichte \u00fcber die Disziplin hinaus von gro\u00dfer gesellschaftlicher Relevanz sind.&#8220;<br \/>\nSavoy ist 2018 durch einen aufsehenerregenden Bericht \u00fcber die Frage der Restitution von afrikanischem Kulturgut in \u00f6ffentlichem Besitz aus den Zeiten kolonialer Herrschaft hervorgetreten, den sie im Auftrag des franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten Emmanuel Macron gemeinsam mit dem senegalesischen Sozialwissenschaftler Prof. Felwin Sarr verfasst hat. Savoy und Sarr fordern in dem Bericht die Aufarbeitung der Geschichte der kolonialen Besitznahme und setzen sich f\u00fcr die R\u00fcckgabe der wichtigsten &#8222;translozierten&#8220; Kulturobjekte ein.<br \/>\nSavoy wurde 2000 an der Universit\u00e4t Paris VIII mit einer Studie zum napoleonischen Kunstraub promoviert. Zun\u00e4chst Juniorprofessorin an der Technischen Universit\u00e4t Berlin, wurde sie 2009 dort Professorin f\u00fcr Kunstgeschichte der Moderne. Seit 2017 ist sie zudem Professorin f\u00fcr die Kulturgeschichte des europ\u00e4ischen Kunsterbes am Coll\u00e8ge de France in Paris.<br \/>\nSie hat zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten. 2011 wurde sie mit dem Richard Hamann-Preis f\u00fcr Kunstgeschichte der Philipps-Universit\u00e4t ausgezeichnet. 2016 wurde ihr der Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (dFG) zuerkannt.<br \/>\nIn ihren Forschungen hat sie sich in bahnbrechenden Studien mit den Anf\u00e4ngen der modernen Museumskultur und besonders der Frage der Aneignung und Appropriation von Kulturgut &#8211; &#8222;Kunstraub&#8220; und &#8222;Beutekunst&#8220; &#8211; befasst.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sicht der Geisteswissenschaften auf das &#8222;Fremde&#8220; stand im Mittelpunkt der ersten Marburger Wissenschaftsgespr\u00e4che. 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