{"id":6154,"date":"2020-12-09T14:17:53","date_gmt":"2020-12-09T13:17:53","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=6154"},"modified":"2020-12-09T14:17:53","modified_gmt":"2020-12-09T13:17:53","slug":"psychologe-als-ermittler-zwei-millionen-euro-fuer-blinden-fleck","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=6154","title":{"rendered":"Psychologe als Ermittler: Zwei Millionen Euro f\u00fcr blinden Fleck"},"content":{"rendered":"<p>&#8218;Das Projekt &#8222;SENCES&#8220; untersucht Schlussfolgerungen des Gehirns. Daf\u00fcr erh\u00e4lt es eine F\u00f6rderung des Europ\u00e4ischen Forschungsrats von rund 2 Millionen Euro. <!--more--><br \/>\nDen Augen k\u00f6nnen bestimmte Details verborgen bleiben. Das gilt beispielsweise f\u00fcr den &#8222;blinden Fleck&#8220;, schlechte Sehkraft oder wenn etwas im Weg steht. Diese L\u00fccken in der Sensorik kann das menschliche Gehirn aber offenbar nur schwer akzeptieren.<br \/>\nDeshalb denkt es sich die fehlenden Informationen kurzerhand dazu. Doch wie belastbar sind diese sogenannten inferierten Informationen und wie stark bezieht das Gehirn sie in seine Entscheidungsfindung mit ein?<br \/>\nDiesen und weiteren Fragen geht der Marburger Psychologe Prof. Dr. Alexander Sch\u00fctz gemeinsam mit seinem Team in &#8222;SENCES&#8220; nach. Das Projekt soll unter anderem weitere Erkenntnisse liefern, wie eine l\u00fcckenlose Repr\u00e4sentation der Umwelt konstruiert wird und inwiefern diese Prozesse f\u00fcr die Diagnose und Behandlung von Augenerkrankungen relevant sein k\u00f6nnen. Der Europ\u00e4ische Forschungsrat (European Research Council, ERC) f\u00f6rdert das Vorhaben mit einem &#8222;ERC Consolidator Grant&#8220; von knapp 2 Millionen Euro f\u00fcr einen Zeitraum von f\u00fcnf Jahren.<br \/>\nF\u00fcr Sch\u00fctz handelt es sich bereits um die zweite F\u00f6rderung des ERC &#8211; 2015 erhielt er einen &#8222;ERC Starting Grant&#8220; von knapp 1,5 Millionen Euro.<br \/>\n&#8222;Die sensorische Information \u00fcber unsere Umwelt enth\u00e4lt zahlreiche L\u00fccken, die durch die Anatomie unserer Sinnesorgane, Sch\u00e4digungen im Zuge von Augenerkrankungen oder durch Eigenschaften der Umwelt entstehen&#8220;, erkl\u00e4rte Sch\u00fctz. &#8222;So k\u00f6nnen wir zum Beispiel im blinden Fleck nichts sehen, weil sich dort keine Photorezeptoren befinden.&#8220;<br \/>\nAugenerkrankungen wie die altersbedingte Makuladegeneration k\u00f6nnen zu einer Sch\u00e4digung der Photorezeptoren f\u00fchren, so dass Gesichtsfeldausf\u00e4lle entstehen. In der Umwelt sind Objekte au\u00dferdem h\u00e4ufig nicht vollst\u00e4ndig sichtbar, da sie durch andere Objekte verdeckt werden.<br \/>\n&#8222;All diese fehlenden sensorischen Informationen werden durch das Gehirn erg\u00e4nzt, um zu einer l\u00fcckenlosen Repr\u00e4sentation unserer Umgebung zu gelangen&#8220;, erkl\u00e4rte Sch\u00fctz. &#8222;Weitestgehend unklar ist jedoch bislang, inwieweit das Gehirn diese inferierte Information im Vergleich zu sensorischer Information gewichtet und f\u00fcr Wahrnehmung, Metakognition und Handlungssteuerung benutzt.&#8220;<br \/>\nIn vorangegangenen Untersuchungen konnten Sch\u00fctz und sein Team zeigen, dass Probanden der inferierten Information mehr vertrauen als sensorischer Information an anderen Stellen. &#8222;Das ist ein paradoxes Ergebnis&#8220;, bemerkte Sch\u00fctz: &#8222;Das Gehirn kommt gewisserma\u00dfen zu eigenen Schlussfolgerungen und vertraut diesen Schlussfolgerungen dann mehr als das, was die Augen tats\u00e4chlich abbilden.&#8220; Solch eine Dissoziation zwischen der tats\u00e4chlichen Qualit\u00e4t von Informationen und dem subjektiven Vertrauen k\u00f6nne durch gegenw\u00e4rtige Wahrnehmungstheorien nur unzureichend erkl\u00e4rt werden.<br \/>\nIm Projekt &#8222;Sensation and inferences in perception, metacognition and action&#8220; (SENCES) sollen diese Inferenzen daher systematisch untersucht und analysiert werden. &#8222;Wir vergleichen unterschiedliche F\u00e4lle, in denen fehlende sensorische Informationen durch inferierte Informationen ersetzt wurden und untersuchen sie hinsichtlich ihres Einflusses auf Wahrnehmung, Metakognition und Handlungssteuerung&#8220;, erl\u00e4uterte# Sch\u00fctz. Daf\u00fcr werden Wahrnehmungs- und Blickbewegungsexperimente, Elektrophysiologie und Modellierung sowie Untersuchungen mit Patientinnen und Patienten durchgef\u00fchrt.<br \/>\nDabei kooperiert Sch\u00fctz unter anderem mit Prof. Dr. Walter Sekundo und Dr. Anke Messerschmidt-Roth von der Augenklinik des Universit\u00e4tsklinikums Marburg. &#8222;Mit unserer Arbeit m\u00f6chten wir Erkenntnisse dar\u00fcber gewinnen, wie eine l\u00fcckenlose Repr\u00e4sentation unserer Umwelt konstruiert wird und wie die vielen L\u00fccken in der sensorischen Information ,versteckt&#8216; werden&#8220;, erkl\u00e4rte Sch\u00fctz. Das Projekt soll au\u00dferdem Informationen liefern, inwiefern diese Prozesse auch f\u00fcr die Diagnose und Behandlung von Augenerkrankungen relevant sind.<br \/>\n&#8222;Prof. Dr. Sch\u00fctz widmet sich einem \u00e4u\u00dferst spannenden Forschungsfeld, das weitere Erkenntnisse \u00fcber die Mechanismen der Wahrnehmung bringt &#8222;, sagte Universit\u00e4ts-Vizepr\u00e4sident Prof. Dr. Michael B\u00f6lker. Das seien &#8222;Erkenntnisse, die auch in der Medizin Anwendung finden werden. Ich freue mich sehr, dass der Europ\u00e4ische Forschungsrat das Projekt mit einem Consolidator Grant f\u00f6rdert. Das ist eine tolle Auszeichnung f\u00fcr Professor Sch\u00fctz und ein weiteres starkes Zeichen, dass die Universit\u00e4t Marburg auch auf europ\u00e4ischer Ebene Spitzenforschung leistet.&#8220;<br \/>\nDer Europ\u00e4ische Forschungsrat &#8222;European Research Council&#8220; (ERC) bietet exzellenten Forscherinnen und Forschern aller Fachgebiete unterschiedliche Finanzierungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr innovative Projekte. So f\u00f6rdern die ERC Consolidator Grants herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich zwischen 7 und 12 Jahren nach der Promotion befinden, mit bis zu drei Millionen Euro.<\/p>\n<p>* pm: Philipps-Universit\u00e4t Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8218;Das Projekt &#8222;SENCES&#8220; untersucht Schlussfolgerungen des Gehirns. 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