{"id":5984,"date":"2020-11-10T16:45:14","date_gmt":"2020-11-10T15:45:14","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=5984"},"modified":"2020-11-10T16:45:14","modified_gmt":"2020-11-10T15:45:14","slug":"diesmal-online-besinnungsstunde-erinnerte-an-die-pogromnacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=5984","title":{"rendered":"Diesmal online: Besinnungsstunde erinnerte an die Pogromnacht"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als 200 Menschen haben am Montag (9. November) der Opfer des NS-Regimes gedacht. Sie verfolgten die Besinnungsstunde f\u00fcr Opfer der Novemberpogrome im Live-Stream oder direkt im &#8222;Garten des Gedenkens&#8220;. <!--more--><br \/>\nAn diesem Tagj\u00e4hrten die Novemberpogrome von 1938 sich wieder. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trauerten und erinnerten vor Ort und digital im Live-Stream zusammen mit der Gesellschaft f\u00fcr Christlich-J\u00fcdische Zusammenarbeit (CJZ), mit der J\u00fcdischen Gemeinde und dem Magistrat der Stadt Marburg.<br \/>\nKerzen brannten im Garten des Gedenkens, als die Dunkelheit hereinbrach. Dazwischen lagen Rosen und Briefe mit Worten der Trauer, des Unverst\u00e4ndnisses. Einige Menschen waren dem Aufruf der Stadt gefolgt und hatten &#8211; \u00fcber den Tag verteilt &#8211; an dem Ort der Opfer des NS-Regimes gedacht.<br \/>\nGenau 82 Jahre zuvor brannte an dieser Stelle die Marburger Synagoge. &#8222;Es waren Marburger*innen, die die Hand und den Brandsatz gegen ihre Mitb\u00fcrger*innen, gegen ihre Nachbar*innen erhoben&#8220;, sagte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies am Abend bei der Besinnungsstunde.<br \/>\nRund 200 Menschen waren wieder bei der Besinnungsstunde dabei. Einige von ihnen kamen pers\u00f6nlich zum Garten des Gedenkens, erinnerten mit Abstand untereinander. Die meisten Menschen verfolgten die Veranstaltung in diesem Jahr jedoch &#8211; bedingt durch die Corona-Pandemie &#8211; im Live-Stream. Mit Musik, mit Gebeten von Amnon Orbach, dem Vorsitzenden der J\u00fcdischen Gemeinde Marburg, und mit Gedenkansprachen setzten die Veranstalter einen w\u00fcrdigen Rahmen f\u00fcr die Erinnerung und die Kranzniederlegung.<br \/>\n&#8222;Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war in ganz Deutschland eine Nacht des Terrors&#8220;, sagte Spies. Synagogen brannten. L\u00e4den und Wohnungen wurden zerst\u00f6rt.<br \/>\ntausende Menschen j\u00fcdischen Glaubens wurden misshandelt. In den darauffolgenden Tagen wurden sie in Konzentrationslager verschleppt. Die meisten kehrten nie zur\u00fcck.<br \/>\nSechs Millionen Menschen wurden im Holocaust gezielt ermordet. Es waren nicht nur Menschen j\u00fcdischer Herkunft, sondern auch Menschen mit Behinderung, politisch Andersdenkende, Sinti und Roma, Homosexuelle und viele andere. Die Erinnerung an sie m\u00fcsse lebendig gehalten werden, &#8222;damit wir nie vergessen: nie wieder Faschismus, nie wieder Antisemitismus unserem Land, in unserer Stadt&#8220;, erkl\u00e4rte das Stadtoberhaupt.<br \/>\nDenn Antisemitismus sei auch heute noch eine Realit\u00e4t. Antisemitische Angriffe w\u00fcrden wieder mehr. Dagegen stelle sich die Stadt Marburg &#8211; neben und vor ihre Mitmenschen, Nachbarn und Freunde j\u00fcdischen Glaubens.<br \/>\n&#8222;Das Grauen darf sich niemals wiederholen&#8220;, forderte Spies. &#8222;Ein Virus geht um&#8220;, zog Probst Helmut W\u00f6llenstein einen aktuellen Vergleich. &#8222;Sein Name: Antisemitismus!&#8220;<br \/>\nDer Virus gehe um die ganze Welt, sei seit Jahrtausenden pandemisch unterwegs, gehe \u00fcber jede Grenze; kein Alter, keine soziale, kulturelle oder religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeit machten immun dagegen, erl\u00e4uterte W\u00f6llenstein.<br \/>\nNach dem NS-Regime schien er fast verschwunden, blitzte beim Stammtisch nach dem f\u00fcnften Bier mal auf. Aber Viren k\u00f6nnten auch blitzschnell wieder virulent werden, stellte der Probst klar. &#8222;Wer daran infiziert ist, kommt nicht zuerst selbst daran zu Tode &#8211; sondern verbreitet Leid.&#8220;<br \/>\nDie Islamische Gemeinde Marburg geachte der Shoa mit pers\u00f6nlichen Worten. &#8222;Man hat das Gef\u00fchl, nicht nur zu gedenken, sondern wieder warnen zu m\u00fcssen&#8220;, sagte Bilal El-Zayat &#8222;Es sind wirre Zeiten, in denen die Stimmen des Hasses lauter werden und meinen, alles zu \u00fcbert\u00f6nen.&#8220;<br \/>\nDer Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Marburg erkl\u00e4rte: &#8222;Es ehrt uns als Marburger Muslime sehr, dass wir hier sprechen d\u00fcrfen und dazu auserkoren wurden, in diesem Jahr die Zettelk\u00e4sten zu beschriften.&#8220; Das sei ein Hoffnungsschimmer \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus.<br \/>\nIm Dunklen leuchteten die Zettelk\u00e4sten, in denen sich pers\u00f6nliche Texte der Marburger Muslim*innen finden. Die Zeilen haben sie unter dem Eindruck eines Besuchs im KZ Buchenwald mit den Marburger Ehrenb\u00fcrger*innen Anmon Orbach und Schwester Edith geschrieben &#8211; und bei der Gedenkstunde auch pers\u00f6nlich vorgetragen.<br \/>\n&#8222;M\u00fcssen Ereignisse erst Geschichte werden, bevor man dar\u00fcber weint?&#8220;, fragte sich Shaima Ghafury. &#8222;Der Holocaust ist Teil der Geschichte der ganzen Menschheit&#8220;, schrieb Aladin Atalla. &#8222;Wir m\u00fcssen uns erinnern und verhindern, dass so etwas jemals wieder irgendwo passiert. Wir d\u00fcrfen nie zur schweigenden Masse geh\u00f6ren!&#8220;<br \/>\nHamdi Elfarra erkl\u00e4rte: &#8222;Wie menschlich oder unmenschlich wir sind, zeigt sich in unserem Respekt und in unserem Umgang mit Andersdenkenden.&#8220;<br \/>\nEl-Zayat stellte fest: &#8222;Worte des Hasses entfesseln Taten. Dies lehrt uns die Geschichte ebenso, wie die Gegenwart&#8220; und &#8222;Rassismus und Ausgrenzung beginnen nicht mit den Worten, sondern mit dem Gef\u00fchl, dass einige Menschen mehr wert sind, als andere&#8220; oder &#8222;Jeder vermeintlich Fremde k\u00f6nnte ein Freund sein und alles was er mitbringt, macht unsere Welt bunter und menschlicher&#8220; &#8211; auch diese Texte regen in der Stille des Ortes zum Nachdenken an. &#8222;Das Heute geh\u00f6rt dir, also tue, was du heute tun musst, um die Welt zu verbessern.&#8220;<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als 200 Menschen haben am Montag (9. November) der Opfer des NS-Regimes gedacht. 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