{"id":5238,"date":"2020-06-12T19:59:45","date_gmt":"2020-06-12T17:59:45","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=5238"},"modified":"2020-06-13T11:58:03","modified_gmt":"2020-06-13T09:58:03","slug":"hotel-chelsea-wo-fluesternde-waende-blank-liegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=5238","title":{"rendered":"Hotel Chelsea: Wo fl\u00fcsternde W\u00e4nde blank liegen"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\">&#8220; \u2026 [es ist] ein Sog \u2013 ein artistischer Tornado des Todes und der Zerst\u00f6rung und der Liebe und zerbrochener Tr\u00e4ume.&#8220;<\/p>\n<p align=\"justify\"><!--more--><\/p>\n<p align=\"justify\">So soll einst Sex Pistols Bassist und Punkrock Ikone Sid Vicious eines der legend\u00e4rsten Geb\u00e4ude im K\u00fcnstlerviertel Manhattans beschrieben haben. Dieses Haus ging aufgrund seiner zahlreichen ber\u00fchmt -ber\u00fcchtigten Bewohner in den vergangenen 50 Jahren als \u201eK\u00fcnstlerhotel\u201c in die Geschichte ein:<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Hotel Chelsea<\/p>\n<p align=\"justify\">W\u00e4hrend meines einj\u00e4hrigen Aufenthaltes in der Stadt, die niemals schl\u00e4ft, zog es auch mich wie auf magische Art und Weise bei vielen meiner zahlreichen Spazierg\u00e4nge durch die endlos langen Stra\u00dfen Manhattans immer wieder zur 222 West 23rd Street. Dort ragt das 12-st\u00f6ckige Hotel, das zur Zeit seiner Erbauung als das h\u00f6chste Geb\u00e4ude New York Citys galt, in die H\u00f6he. Mit seinen wundervollen gusseisernen und mit Blumen ornamentierten Balkonen scheint es noch immer eine unerkl\u00e4rliche Anziehung auszustrahlen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sein Erscheinen und die zahlreichen Mythen, die das Hotel Chelsea umgeben, veranlasste mich dazu, mir das Geb\u00e4ude und seine Geschichte etwas genauer anzusehen:<\/p>\n<p align=\"justify\">Das Geb\u00e4ude wurde erbaut zwischen 1883 und 1885 in einer Kombination aus dem sogenannten \u201eQueen Anne Revival\u201c und dem \u201eNeugotik\u201c &#8211; Stil und war Teil eines Projekts der \u201eHubert, Pirrson &amp; Company\u201c, betitelt \u201eHubert Home Clubs\u201c. Philip Hubert war aufgewachsen in einer Familie \u00e4u\u00dferst angetan von den Theorien des franz\u00f6sischen Philosophen Charles Fourier. Daher wollte er den Bewohnern seiner Geb\u00e4ude beruhend auf diesen Theorien eine Gemeinschaft engen Zusammenhaltes, Vertrauens und gegenseitiger Unterst\u00fctzung bieten. Die den \u201eHubert Home Clubs\u201c zugeh\u00f6rigen Immobilien galten so als einige der ersten Apartmentkomplexe New York Citys.<\/p>\n<p align=\"justify\">Nachdem der Umzug des Theaterviertels innerhalb Manhattans dazu gef\u00fchrt hatte, dass der Besitzer des Komplexes bankrott ging, verwendete man das Geb\u00e4ude im Jahre 1905 erstmals als Hotel.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Jahre 1939 erwarben Joseph Gross, Julius Krauss und David Bard dieses.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Verwaltung der Anlage fiel daraufhin im Jahre 1964 dem Sohn des Letzteren, Stanley Bard, in die H\u00e4nde. Unter dessen Leitung wurde das Hotel zu jenem von Mythen umwobenen Ort, als den man es heute kennt.<\/p>\n<p align=\"justify\">Stanley Bard arbeitete erstmals im Jahre 1957 in dem Geb\u00e4ude, das mit seiner Hilfe zum R\u00fcckzugs- und Schaffensort zahlreicher K\u00fcnstler werden sollte. Als gro\u00dfer Freund der K\u00fcnste und der Menschen, die ihr Leben diesen gewidmet hatten, bot er vielen jener ein Zuhause, in welchem sie sich geborgen und unter ihres gleichen wissen konnten. Dabei mussten sie sich auch um eventuelle R\u00fcckst\u00e4nde von Zahlungen nicht sorgen. Bard war bekannt daf\u00fcr, an Stelle richtigen Geldes auch Kunstwerke zu akzeptieren. Diese stellte er in der gro\u00dfen Lobby und an den W\u00e4nden der zahlreichen Flure und der ber\u00fchmten riesigen Treppe zur Schau. Ein Langzeitbewohner beschrieb ihn einst als den \u201emeist geliebten \u2013 und r\u00e4tselhaftesten \u2013 Charakter, der je die Flure des Chelsea durchstreift hat.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Viele kreativ Schaffende zogen daher in das Hotel und sie verlie\u00dfen es oft f\u00fcr mehrere Jahre nicht. Das brachte Bard unter anderem den Spitznamen \u201elandlord daddy for artist\u201c einbrachte, was \u00fcbersetzt so viel bedeutet wie \u201eEin eine Vaterfigur einnehmender Vermieter f\u00fcr K\u00fcnstler\u201c.<\/p>\n<p align=\"justify\">Um einen besseren Einblick in das Leben im Hotel Chelsea unter der Leitung von Stanley Bard und f\u00fcr diesen selbst zu bekommen, sprach ich mit Personen, die zu seiner Zeit dort lebten und\/oder das Chelsea noch heute ihr Zuhause nennen. Sie alle best\u00e4tigten mir: Stanley Bard hatte zu jedem seiner Hotelg\u00e4ste ein sehr pers\u00f6nliches Verh\u00e4ltnis. Von vielen wird er auch als \u201eder Robin Hood\u201c des Hotels bezeichnet, und selbst der Vergleich zu \u201eDr. Jekyll und Mr. Hyde\u201c wurde in der Vergangenheit gezogen. So soll Bard zu den meisten der Bewohner sehr freundlich gewesen sein und seine volle Unterst\u00fctzung geboten haben.<\/p>\n<p align=\"justify\">Jim Georgiou, ein ehemaliger Bewohner, mit dem ich sprach, erz\u00e4hlte mir, er h\u00e4tte einst aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden f\u00fcr 4 Monate sein Bett nicht verlassen und daher kein Geld f\u00fcr zu zahlende Miete beschaffen k\u00f6nnen. Bard h\u00e4tte ihn nicht nur dort wohnen lassen, sondern regelm\u00e4\u00dfig pers\u00f6nlich nach ihm geschaut, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung sei. Nach Genesung h\u00e4tte Georgiou sich dann an den Verwalter gewendet. In dem Wissen, dass dieser noch immer einen Betrieb zu f\u00fchren habe, bot er an, auszuziehen, da er mit seiner Miete erheblich im R\u00fcckstand war. Bard h\u00e4tte daraufhin das Angebot sogar beinahe beleidigt abgewiesen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Anderen gegen\u00fcber soll er wiederum unnachgiebig und streng gehandelt haben. Viele Bewohner sollen, in der Hoffnung, nicht auf Bard zu treffen und von diesem konfrontiert zu werden, regelrecht durch die Lobby und an seinem dort gelegenen B\u00fcro vorbei geschlichen sein.<\/p>\n<p align=\"justify\">Seine Einstellung den zahlreichen kreativen Bewohnern gegen\u00fcber beschrieb er in einem Interview selbst folgenderma\u00dfen: \u201eIch dachte, dass jede Person das Recht dazu hatte, zu tun, was immer sie wollte, solange es dem Hotel nicht schadete.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Atmosph\u00e4re, die Bard\u2018s Politik im Hotel schuf, war einmalig.<\/p>\n<p align=\"justify\">Unz\u00e4hlige Menschen verschiedenster Herkunft, Hintergr\u00fcnde, Motivationen und Einstellungen lebten gemeinsam unter einem Dach. Dabei waren sie nicht immer einer Meinung, lebten aber in friedlicher Co-Existenz miteinander und gaben aufeinander Acht. In meinem Gespr\u00e4ch mit Georgiou betonte dieser immer wieder, das Hotel habe jedem Bewohner die M\u00f6glichkeit geboten, Teil einer gro\u00dfen Familie zu sein, oder aber die eigene Privatsph\u00e4re zu genie\u00dfen. \u201eDie W\u00e4nde waren so dick, ich habe nie irgendetwas von meinen Nachbarn geh\u00f6rt.\u201c Eine andere Residentin, die zu der kleinen Gruppe von Leuten geh\u00f6rt, die noch heute im Chelsea leben, sagte im Interview mit Fotograf Colin Miller und Autor Ray Mock: \u201eWir waren immer alle in den Wohnungen der anderen und jeder wusste, was abging.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Einige der ber\u00fchmtesten Bewohnern, die das Hotel Chelsea einst f\u00fcr kurzen oder l\u00e4ngeren Zeitraum ihr Zuhause nannten, waren beispielsweise Autor Arthur C. Clarke, der in seinem Raum das Skript f\u00fcr \u201e2001: A Space Odyssey\u201c verfasste. Musiker Bob Dylan schrieb in Raum 225 \u201eSad-Eyed Lady Of The Lowlands\u201c. Zahlreiche weitere Musiker, unter anderem Iggy Pop, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Dee Dee Ramone und Johnny Thunders, lebten ebenfalls dort. Madonna posierte in den 80ern in ihrem Zimmer f\u00fcr ihr Buch \u201eSex\u201c. S\u00e4nger Leonard Cohen soll in einem der R\u00e4ume einst eine kurze aber erinnerungsw\u00fcrdige Begegnung mit S\u00e4ngerin Janis Joplin gehabt haben, die er daraufhin in seinem Lied \u201eChelsea Hotel No. 2\u201c f\u00fcr die Nachwelt festhielt. Von Japlin selbst stammen die Worte: \u201eEin Haufen abgefahrener Dinge passieren im Chelsea.\u201c Fotograf Robert Mapplethorne schoss in dem Raum, den er sich mit Freundin Patti Smith teilte, seine ersten Polaroid Bilder. Schauspielerin und Model Edie Sedgwick steckte einst ihre Gem\u00e4cher mit einer Kerze in Brand.<\/p>\n<p align=\"justify\">K\u00fcnstler Andy Warhol, der das Chelsea nutzte, um in den R\u00e4umen unter anderem Material f\u00fcr seinen ber\u00fchmten Film \u201eThe Chelsea Girls\u201c zu drehen, soll gesagt haben: \u201eDa dr\u00fcben lassen sie einfach jeden rein, das Hotel ist gef\u00e4hrlich, es kommt mir so vor, als w\u00fcrde dort w\u00f6chentlich jemand ermordet.\u201c \u201e[Das Chelsea] war schon immer ein Ort, an dem man, Stanley wegen, im Prinzip alles tun konnte au\u00dfer jemanden ermorden, wobei auch das vorkam\u201c, best\u00e4tigte dies Jahre sp\u00e4ter Gerald Busby, ein Komponist, der 1977 ins Hotel einzog und noch heute dort lebt, in einem Interview mit Vanity Fair.<\/p>\n<p align=\"justify\">Zahlreiche Berichten von Drogenmissbrauch und Todesf\u00e4llen innerhalb der W\u00e4nde des Hotels best\u00e4tigen, dass ein Ort bewohnt von zahlreichen exzentrischen und frei denkenden Pers\u00f6nlichkeiten auch seine Schattenseiten birgt. Einer der Ber\u00fchmtesten ist wohl der Tod der 20 j\u00e4hrigen Nancy Spungen, die man dort im Jahre 1978 tot im Badezimmer ihres Raumes 100 fand. Dieses hatte sie mit ihrem Freund Sid Vicious bewohnt. Todesursache war enormer Blutverlust durch eine einzelne Stichwunde in ihren Unterbauch, f\u00fcr die man Vicious verantwortlich machte. Dieser konnte sich seines erheblichen Drogenkonsums wegen an den Hergang des Vorfalls nicht erinnern konnte. Vicious selbst starb wenige Monate sp\u00e4ter an einer Heroin-\u00dcberdosis.<\/p>\n<p align=\"justify\">Dass der Geist Nancys noch heute die Flure des Chelsea durchwandert, lassen Berichte von Hotelg\u00e4sten vermuten, die Nancy vor ihrem ehemaligen Zimmer gesehen haben wollen. Andere erz\u00e4hlen von Stimmen eines sich streitenden P\u00e4rchens in besagtem Raum, obwohl dieser zu gegebener Zeit nicht vergeben war. Jene Hotelg\u00e4ste sind dabei nicht die Einzigen, die Begegnungen mit dem vermeintlich \u00dcbernat\u00fcrlichen machen konnten. Es existieren unz\u00e4hlige Berichte von Geistersichtungen und unerkl\u00e4rlichen Ph\u00e4nomenen in den W\u00e4nden des alten Geb\u00e4udes. In Raum 124 wollen G\u00e4ste zum Beispiel den Geist einer Frau im Badezimmer gesehen haben. Andere berichten von der Erscheinung Dylan Thomas\u2018 vor einem Spiegel in Zimmer 114.<\/p>\n<p align=\"justify\">W\u00e4hrend meiner Recherchen sprach ich mit einem Bauarbeiter, der noch immer im Chelsea Hotel Nachtschichten einlegt. Er erz\u00e4hlte mir, dass er und Kollegen regelm\u00e4\u00dfig zwischen drei und vier Uhr morgens Schreie im dritten oder sechsten Flur des Geb\u00e4udes vernehmen. Diese seien keinem der aktuellen Bewohner zuzuordnen, werden von jenen allerdings ebenfalls geh\u00f6rt. Au\u00dferdem sehe er auf denselben Fluren oft Fu\u00dfabdr\u00fccke auf frisch gewischten Boden, die keinem Menschen zuzuschreiben seien.<\/p>\n<p align=\"justify\">Das bunte Treiben im Hotel Chelsea nahm im Jahre 2007 ein j\u00e4hes Ende. Marlene Krauss, Tochter des ehemaligen Besitzers Krauss, sowie David Elder, Enkel des ehemaligen Besitzers Gross, beschlossen, Stanley Bard als Manager des Hotels abzul\u00f6sen und das Hotel durch das Unternehmen \u201eBD Hotels\u201c weiter f\u00fchren zu lassen. Man war mit der Leitung Bards und dessen Finanzpolitik und Einstellung den Bewohnern gegen\u00fcber nicht mehr zufrieden gewesen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Im Jahre 2011 schloss das Hotel f\u00fcr Renovierungsarbeiten die T\u00fcren f\u00fcr neue G\u00e4ste, w\u00e4hrend Langzeitbewohner in ihren Wohnr\u00e4umen verweilen durften.<\/p>\n<p align=\"justify\">Wie unz\u00e4hlige weitere Anwesen in Manhattan, fiel auch das alte und geschichtstr\u00e4chtige Geb\u00e4ude jenem Wahn in die H\u00e4nde, der aus alten Geb\u00e4uden Neue machen will, um damit so viel Geld wie m\u00f6glich zu verdienen. Geschichte und Emotionen scheinen da leider keine Rolle mehr zu spielen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Sollten die Renovierungsarbeiten urspr\u00fcnglich nur ein Jahr andauern, ist das Hotel Chelsea noch heute nicht wieder er\u00f6ffnet und sein Innenleben einer Baustelle \u00e4hnlicher als je zuvor.<\/p>\n<p align=\"justify\">Seit Schlie\u00dfung des Hotels wechselte es mehrfach den Besitzer, dabei wurden Pl\u00e4ne f\u00fcr dessen Zukunft geschmiedet und wenig sp\u00e4ter wieder verworfen.<\/p>\n<p align=\"justify\">Einer der vorherigen Besitzer, Joseph Chetrit, wollte das gesamte Hotel entkernen und zu einem hoch modernisierten Luxushotel umfunktionieren. Dies konnte durch einen Zusammenschluss einiger der 48 noch immer im Hotel lebenden Langzeitbewohner verhindert werden. Der aktuelle Besitzer soll versuchen, das Hotel so zu renovieren, dass es seinem urspr\u00fcnglichen Zustand gleicht.<\/p>\n<p align=\"justify\">Trotz guter Absichten sind die Gem\u00fcter der verbleibenden Bewohner nicht mehr zu erhellen, denn die bereits seit 2011 andauernden Umbauarbeiten und Ungewissheiten wirkten sich sehr negativ auf ihre Lebensqualit\u00e4ten aus. Der Autor Ed Hamilton, der seit 1995 zusammen mit seiner Frau Debbie Martin das Hotel sein Zuhause nennt, berichtete in seinem Online Blog \u201eLiving With Legends\u201c, in dem er von seinem Leben im Chelsea und den Vorg\u00e4ngen innerhalb seiner W\u00e4nde berichtet, von Ruhest\u00f6rung durch laute Ger\u00e4usche, Staub in gesundheitssch\u00e4dlichen Massen, undichten Wasserleitungen, Ausf\u00e4llen der Elektrizit\u00e4t und durch Rost verschmutztes Wasser.<\/p>\n<p align=\"justify\">Um mir ein eigenes Bild von der Situation innerhalb der Mauern des Geb\u00e4udes machen zu k\u00f6nnen, lie\u00df ich mich von bereits erw\u00e4hntem Bauarbeiter umherf\u00fchren. Dabei zeigte sich mir das Hotel Chelsea in einem Zustand weit entfernt von vollendet, glanzvoll und original. Von ehemals drei existierenden Fahrst\u00fchlen funktioniert aktuell nur ein einziger, den sich Bewohner sowie die zahlreichen Bauarbeiter, die t\u00e4glich im Hotel ein und aus gehen, teilen m\u00fcssen. Die Decken der langen Flure liegen offen und geben Sicht frei auf unz\u00e4hlige Kabel. Noch nicht renovierte Zimmer, von denen noch immer viele existieren, stehen voll alter, kaputter M\u00f6bel. Zum Teil werden sie durchzogen von Konstruktionen, die in Zukunft in neue W\u00e4nde verwandelt werden sollen. Auf meine Frage, weshalb das Hotel nicht wie Anfang 2019 verk\u00fcndet am Ende desselben Jahres wieder er\u00f6ffnet werde, antwortete der Bauarbeiter, der aktuelle Besitzer versuche, das Chelsea so originalgetreu wie m\u00f6glich herzurichten. Daf\u00fcr sei er auf der Suche nach Originalausstattung bzw. Teilen, die dieser in Alter und Aussehen sehr nahe kommen. Dies habe sich als sehr teuer und zeitaufwendig herausgestellt. Zudem wurde mir versichert: \u201eDie abgehangenen Kunstwerke sind alle sicher in einem Raum im neunten Stock untergebracht.\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">Wann genau das Hotel Chelsea seine T\u00fcren wieder \u00f6ffnen wird, ist noch unklar. Geplant ist eine Wiederer\u00f6ffnung am Ende des Jahres 2020, doch eine weitere Verschiebung dieses Termins w\u00e4re keine \u00dcberraschung.<\/p>\n<p align=\"justify\">Den aktuellen Bewohnern ist gesetzlich ihr Platz im Chelsea gesichert, ein \u00fcber Jahre hinweg hart erk\u00e4mpftes Recht. Einige von ihnen konnten durch die Renovierungsarbeiten sogar profitieren und in gr\u00f6\u00dfere, bessere Apartments innerhalb des Geb\u00e4udes umziehen. Eine Sorge aber besch\u00e4ftigt sie alle, und auch unz\u00e4hlige ehemalige oder Nicht-Bewohner, denen das Hotel Chelsea am Herzen liegt, fragen sich: Wird der Charakter, den das Geb\u00e4ude unter der Leitung von Stanley Bard entwickelte, und die einzigartige Atmosph\u00e4re innerhalb seiner W\u00e4nde erhalten bleiben? F\u00fcr fast alle ist die Antwort klar: Nein!<\/p>\n<p align=\"justify\">Colin Miller begleitete zusammen mit Ray Mock \u00fcber einen langen Zeitraum einige der noch immer im Hotel verweilenden Menschen. Er hielt ihre Geschichten und Wohnr\u00e4ume in dem Buch \u201eHotel Chelsea: Living In The Last Bohemian Haven\u201c fest und schreibt in seinem Vorwort: \u201eDas Chelsea ist eine Kollaboration \u00fcber die Zeit, eine Ansammlung von den Einfl\u00fcssen, die so viele auf es ausge\u00fcbt haben. Zumindest war es das bis jetzt.\u201c Malerin Michele Zalopany, eine Bewohnerin, l\u00e4sst in einem Interview mit Vanity Fair verlauten: \u201eJetzt ist es wie in einem Grab. Es existiert kein Leben mehr. Die menschliche Energie hat sich komplett ver\u00e4ndert. Ich f\u00fchle mich wie in der Twilight Zone.\u201c Auch Bewohnerin Lola Schnabel erkl\u00e4rt: \u201eEs ist sehr traurig, die nackten W\u00e4nde ansehen zu m\u00fcssen und in die Lobby zu treten und am Tresen einen unbekannten Menschen zu sehen, der nicht einmal Hallo sagt. Die Mitarbeiter k\u00fcmmerten sich einst um dich. [\u2026] Sie halfen dir [\u2026].\u201c<\/p>\n<p align=\"justify\">W\u00e4hrend meiner Recherchen versuchte ich, Kontakt zu einigen der verbliebenen Bewohner aufzunehmen. Ich wollte von ihnen pers\u00f6nlich erfahren, wie das Leben im Hotel Chelsea heute aussieht. Von allen von mir Kontaktierten erhielt ich freundlich formulierte Absagen, mit der Begr\u00fcndung, man sei es leid, \u00fcber das Hotel zu reden. Dies rufe mittlerweile nichts als Traurigkeit und Frustration hervor.<\/p>\n<p align=\"justify\">Die Frage, was die Zukunft f\u00fcr das Hotel Chelsea, die \u201eletzte Oase f\u00fcr K\u00fcnstler\u201c, bereit h\u00e4lt, ist noch offen. Klar ist nur: es wird nie wieder sein, wie es einmal war. Es bleibt zu hoffen, dass der aktuelle Plan zur originalgetreuen Herrichtung des Geb\u00e4udes vollendet wird und schon bald Besucher zumindest einen Bruchteil des Flairs versp\u00fcren k\u00f6nnen, den die Bewohner des Hotels vor gar nicht all zu langer Zeit ihren Alltag nennen durften.<\/p>\n<p> * Elisa Tittl<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220; \u2026 [es ist] ein Sog \u2013 ein artistischer Tornado des Todes und der Zerst\u00f6rung und der Liebe und zerbrochener Tr\u00e4ume.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":5239,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3],"tags":[2554,2556,2555],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/IMG_0955-e1591983877288.jpg?fit=3024%2C4032","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-1mu","jetpack-related-posts":[{"id":7805,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=7805","url_meta":{"origin":5238,"position":0},"title":"Abschlie\u00dfender Ausbau: Millionen f\u00fcr Sanierung der Waggonhalle","date":"23. 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