{"id":4975,"date":"2020-04-15T13:52:38","date_gmt":"2020-04-15T11:52:38","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=4975"},"modified":"2020-04-15T13:11:04","modified_gmt":"2020-04-15T11:11:04","slug":"nazi-gespielt-camil-morariu-hat-viele-heimaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=4975","title":{"rendered":"Nazi gespielt: Camil Morariu hat &#8222;viele Heimaten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich habe viele Heimaten&#8220;, sagt Camil Morariu. &#8222;Marburg ist f\u00fcr mich eine Heimat.&#8220; <!--more--><br \/>\nSeit f\u00fcnf Jahren geh\u00f6rt Morariu zum Ensemble des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM). An der mittelhessischen Universit\u00e4tsstadt sch\u00e4tzt der Schauspieler ihre Offenheit und das solidarische gesellschaftliche Klima. &#8222;Es ist beruhigend, in einer Stadt zu wohnen, wo man nie \u00fcberlegen muss, wohin man nachts gehen kann&#8220;, erkl\u00e4rt er.<br \/>\nGeboren wurde Morariu in Rum\u00e4nien. Dort ist er zweisprachig aufgewachsen. Seine Muttersprachen sind Rum\u00e4nisch und Ungarisch.<br \/>\n&#8222;Meine Mutter hatte ungarische Vorfahren&#8220;, erkl\u00e4rt er. &#8222;Deutsche gab es in unserer Familie auch.&#8220;<br \/>\nAls er sechs Jahre alt war, flohen Morarius Eltern nach Deutschland. Ein Dreivierteljahr blieb er bei seinen Gro\u00dfeltern in Rum\u00e4nien zur\u00fcck, bevor die Eltern ihn nachholten.<br \/>\n&#8222;Wir haben in einem kleinen Ort bei Passau gelebt&#8220;, erinnert sich Morariu. &#8222;Bayern ist deswegen auch eine Heimat f\u00fcr mich ebenso wie Rum\u00e4nien.&#8220;<br \/>\n&#8222;An der Schule hatten wir einen sehr beliebten Lehrer, der die Theater-AG gleitet hat&#8220;, erinnert sich Morariu. &#8222;Ich musste mehrere Jahre warten, bis ein Platz frei wurde und ich endlich mitspielen durfte.&#8220;<br \/>\nSeine Begeisterung f\u00fcr das Theater weckte in dem Gymnasiasten den Entschluss, sich an einer Schauspielschule zu bewerben. Angenommen wurde Morariu im badischen Freiburg.<br \/>\nDort gab es auch Lehrer, die aus Rum\u00e4nien stammten. &#8222;Die gemeinsame Herkunft und das gemeinsame Schicksal waren nat\u00fcrlich eine besondere Verbindung&#8220;, erinnert er sich.<br \/>\nNach dem Abschluss der Ausbildung erhielt Morariu sein erstes Engagement am Stadttheater Freiburg. \u00dcber das Staatstheater Karlsruhe und das Theater der Jugend Wien f\u00fchrte ihn sein Weg weiter nach Bruchsal.<br \/>\n&#8222;Als es mir in Bruchsal zu eng geworden war, habe ich mich anderswo beworben&#8220;,berichtet Morariu. &#8222;In Marburg wurde ich dann schlie\u00dflich angenommen.&#8220;<br \/>\nAn der mittelhessischen Universit\u00e4tsstadt gef\u00e4llt ihm ihre Weltoffenheit. &#8222;Es ist beruhigend, in einer Stadt zu leben, wo man nicht \u00fcberlegen muss, wo man sich nachts hintrauen kann&#8220;, erkl\u00e4rt er. Au\u00dferdem genie\u00dft er den Schlossblick von seinem Balkon.<br \/>\nSich selbst versteht Morariu als politischen Menschen. Allein schon wegen seiner Lebenserfahrung engagiert er sich gegen jede Form von Faschismus und Rassismus.<br \/>\nDiese Erfahrungen konnte er zusammen mit der Regisseurin Fanny Brunner 2016 bei der Erarbeitung des St\u00fccks &#8222;Furcht und Ekel &#8211; das Privatleben gl\u00fccklicher Leute&#8220; von Dirk Laucke auf erfreuliche Weise einbringen. Im Hessischen Landestheater Marburg (HLTM) feierte es <a href=\"http:\/\/marnews.de\/11816\">am 10. September 2016 Premiere<\/a>. &#8222;Das war f\u00fcr mich einer meiner H\u00f6hepunkte&#8220;, schw\u00e4rmt er noch heute.<br \/>\nEine besondere Erfahrung ganz anderer Art war die Rolle, die er in der laufenden Spielzeit im Klassenzimmerst\u00fcck &#8222;Deine Helden, Meine Tr\u00e4ume&#8220; gespielt hat. Dort mimte Morariu einen jungen Neonazi. &#8222;Sehr interessant waren die Reaktionen der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler&#8220;, erl\u00e4utert er.<br \/>\nAm Theater genie\u00dft er die Interaktion mit dem Publikum. &#8222;Das kann keine Online-Auff\u00fchrung ersetzen&#8220;, bedauert Morariu. Wichtig ist f\u00fcr ihn auch die moralische Verpflichtung der Kunstschaffenden, den Menschen zu Einblicken in die Welt und Einsichten \u00fcber sich selbst zu verhelfen.<br \/>\n&#8222;Du kannst Andere nur mit Respekt behandeln, wenn du dich selbst respektierst&#8220;, hatte ihm sein Gro\u00dfvater als kleiner Junge beigebracht. &#8222;Wenn ich gut zu mir bin und versuche die beste Version meiner selbst zu sein, kann ich mein Umfeld positiv beeinflussen. Dann kann ich auch f\u00fcr die Anderen da sein.&#8220;<br \/>\nDieser Gro\u00dfvater war ein sehr integerer und offener Mensch. Seine Maxime war immer, sich f\u00fcr das Wohl der Mitmenschen einzusetzen, um das eigene Leben zu versch\u00f6nern, erkl\u00e4rt Morariu.<br \/>\nGedanken an den Gro\u00dfvater kommen Morariu gerade jetzt viel in den Sinn, wenn er die Gesellschaft in Zeiten von Corona betrachtet mit ihrer auferlegten Isolation: &#8222;Hoffentlich nutzen wir die Momente der Entschleunigung, um wieder bei uns Selbst anzukommen. Solidarit\u00e4t zeigt sich gerade in vielen Lebensbereichen, aber hoffentlich bleibt das auch \u00fcber die Krise hinaus bestehen und ist nicht nur eine Momentaufnahme.&#8220;<br \/>\nIn rechten Foren und Blogs werde die Situation schon wieder genutzt um sich f\u00fcr geschlossene Grenzen auszusprechen und f\u00fcr ein Deutschland ohne Zuwanderung zu argumentieren. &#8222;Und dass die neue Rechte versiert ist, unsere Sprache zu zersetzen, Angst in der Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fcren und Rassismus salonf\u00e4hig zu machen, haben die letzten Jahre gezeigt&#8220;, warnt Morariu. &#8222;Da erhoffe ich mir, dass wir nach der Corona als eine Gesellschaft auftreten werden, in der alle gleich(-wertig) behandelt werden. Menschlichkeit und Respekt m\u00fcssen wir dann der Angst und der (erlebten) Isolation entgegensetzen. Offen und wach sein auch f\u00fcr die Belange der Anderen.&#8220;<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich habe viele Heimaten&#8220;, sagt Camil Morariu. &#8222;Marburg ist f\u00fcr mich eine Heimat.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4976,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"Nazi gespielt: Camil Morariu hat \"viele Heimaten\"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3,2],"tags":[2456,2457,14],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/marburg.news\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Camil_Morariu.jpg?fit=2000%2C3000","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-1if","jetpack-related-posts":[{"id":1603,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=1603","url_meta":{"origin":4975,"position":0},"title":"Die Gerechten: Marc Becker brachte Albert Camus beeindruckend auf die B\u00fchne","date":"28. 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