{"id":4790,"date":"2020-03-04T13:39:06","date_gmt":"2020-03-04T12:39:06","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=4790"},"modified":"2020-03-04T13:39:06","modified_gmt":"2020-03-04T12:39:06","slug":"gegen-bequemlichkeit-die-mobilitaetswende-beginnt-im-kopf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=4790","title":{"rendered":"Gegen Bequemlichkeit: Die Mobilit\u00e4tswende beginnt im Kopf"},"content":{"rendered":"<p>Wie werden Menschen dazu bewegt, umweltfreundliche Verkehrsmittel wie Busse und Fahrr\u00e4der zu benutzen? Dazu m\u00fcssten vor allem die Mobilit\u00e4tskultur und das Bewusstsein ver\u00e4ndert werden, sagte Prof. Sebastian Bamberg. <!--more--><br \/>\nDer Verkehrspsychologe referierte beim ersten &#8222;Marburger Dialog zur Verkehrsentwicklung&#8220;, mit dem die Universit\u00e4tsstadt mit den Menschen ins Gespr\u00e4ch kommen und ein Mobilit\u00e4tskonzept entwickeln will. Wie die Mobilit\u00e4t in Zukunft aussehen soll, wie die Menschen sich bewegen und was es daf\u00fcr braucht, das will die Stadt gemeinsam mit den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern in den &#8222;Marburger Dialogen zur Verkehrsentwicklung&#8220; besprechen. Aus den Verkehrsdialogen will die Stadt wichtige Impulse f\u00fcr ein gesamtst\u00e4dtisches Verkehrs- und Mobilit\u00e4tskonzept mitnehmen.<br \/>\nZum Auftakt der Dialogreihe ging es um &#8222;Impulse f\u00fcr ein nachhaltiges Mobilit\u00e4tsverhalten&#8220;, um Verkehrspsychologie und um ein Umdenken. Zum Thema Umdenken hatte das Stadtoberhaupt ein aktuelles Beispiel dabei: &#8222;Es war eine kleine, feine, leise Revolution&#8220;, erinnerte Oberb\u00fcrgermeister Dr. Thomas Spies bei der Begr\u00fc\u00dfung der mehr als 150 Menschen im voll besetzten Saal des Technologie- und Tagungszentrums (TTZ).<br \/>\nDamit meinte er die Umgestaltung der Elisabethstra\u00dfe, die seit Herbst 2019 auf jeder Seite eine Fahrradspur aufweist, wof\u00fcr die Autos eine Spur abgeben mussten. Zusammen mit den neuen Fahrradwegen in der Bahnhofstra\u00dfe wurden deutliche Verbesserungen f\u00fcr die Radelnden geschaffen.<br \/>\nDennoch funktioniere der Verkehr &#8222;wunderbar&#8220;. &#8222;Das zeigt, dass das Umdenken bei den Menschen angekommen ist&#8220;, schloss Spies.<br \/>\nDas Umdenken &#8211; Referent Bamberg nannte es &#8222;Umparken im Kopf&#8220; &#8211; stand im Zentrum des von Thomas Ranft vom Hessischen Rundfunk (HR) moderierten Verkehrsdialogs. Der Psychologieprofessor von der Fachhochschule Bielefeld zeigte, dass eigentlich \u00e4hnliche St\u00e4dte v\u00f6llig unterschiedliche Mobilit\u00e4tsmuster haben k\u00f6nnen.<br \/>\nSo sei die Ruhrgebietsstadt Essen extrem am Auto orientiert. Der Anteil der Radler*innen liege bei gerade einmal zwei Prozent. Die nur 90 Kilometer entfernte Stadt M\u00fcnster sei dagegen eine Hochburg des Radverkehrs, der hier knapp 40 Prozent erreiche.<br \/>\nBamberg erkl\u00e4rte diese Unterschiede vor allem mit dem sozialen Konsens, der entscheide, welche Mobilit\u00e4tsform Priorit\u00e4t haben soll. Anhand von Studien zeigte er, dass es zwar in vielen St\u00e4dten die Erkenntnis gebe, dass mehr nachhaltige Mobilit\u00e4t n\u00f6tig sei. Zugleich solle es aber keine Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Autos geben.<br \/>\n&#8222;Dass sich beides tendenziell ausschlie\u00dft, scheint nicht reflektiert zu werden&#8220;, sagte Bamberg. Aber das Bewusstsein der Menschen k\u00f6nne sich \u00e4ndern. &#8222;Solche Prozesse zu initiieren und durchzuf\u00fchren, ist die Aufgabe von Politik und Stadtgesellschaft&#8220;, sagte der Wissenschaftler.<br \/>\nWas sich \u00e4ndert, wenn andere Verkehrsmittel benutzt werden, schilderte die Pendlerin Stefanie Mai w\u00e4hrend der Podiumsdiskussion. F\u00fcr einen Sommer lie\u00df die berufst\u00e4tige Mutter das Auto stehen und fuhr mit Bus und Mitfahrgelegenheiten von Kleinseelheim ins elf Kilometer entfernte Marburg.<br \/>\n&#8222;Meine Kinder fanden es zum Teil nicht so toll&#8220;, r\u00e4umte sie ein, f\u00fcgte jedoch hinzu: &#8222;Aber ich habe innerhalb kurzer Zeit eine andere Haltung bekommen.&#8220; Weil die Busse mitunter nur alle paar Stunden fahren, habe sie ihre Arbeit effektiver organisiert. Sie ist \u00fcberzeugt: &#8222;Die Zeit, die ich im Bus sitze und aus dem Fenster gucke, ist keine verlorene Zeit.&#8220;<br \/>\nDass Radfahren auf manchen Strecken in und um Marburg auch Mut brauche, berichteten R\u00fcdiger Woelke von der AG Verkehr in der Chemie-Gewerkschaft IGBCE und Peter Reckling von der Arbeitsgemeinschaft Mobilit\u00e4t und Versorgung der Dorfentwicklung. Woelke f\u00e4hrt jeden Tag mit dem Fahrrad von Marburg zum Pharmastandort G\u00f6rzhausen. Reckling radelt von Dagobertshausen in die Innenstadt. Auf beiden Strecken gibt es keine Radwege.<br \/>\nFriedens- und Konfliktforscher PD Dr. Johannes M. Becker lobte die neuen Radspuren in der Nordstadt. Wichtig sei aber, dass die Autos nicht auf den Radwegen parkten: &#8222;Wir m\u00fcssen es den Menschen leicht machen, zu Fu\u00df zu gehen, aufs Fahrrad zu steigen oder den \u00f6ffentlichen Nahverkehr zu nutzen.&#8220;<br \/>\nDass es zum Teil auch F\u00f6rdermittel des Landes f\u00fcr die St\u00e4rkung dieser Mobilit\u00e4tsformen gibt, berichtete Referatsleiter Bernd Schuster vom Hessischen Verkehrsministerium.Verkehrsforscher Bamberg h\u00e4lt es trotzdem f\u00fcr &#8222;naiv zu glauben, dass viele Verkehrsteilnehmer etwas \u00e4ndern wollen&#8220;. Die meisten sch\u00f6ben immer neue Gr\u00fcnde vor, warum sie beim Autofahren bleiben m\u00fcssten.<br \/>\nAuch der Dagobertsh\u00e4user Ortsvorsteher Reckling beobachte viele, &#8222;die es einfach bequemer finden, Auto zu fahren&#8220;, obgleich der Bus inzwischen st\u00fcndlich fahre. Andererseits fuhren in den 70er Jahren noch 70 Prozent der Studierenden in Marburg Auto. Mit dem sehr gut funktionierenden \u00f6ffentlichen Personennahverkehr und dem Semesterticket sei diese Zahl auf sieben Prozent geschrumpft, berichtete Becker.<br \/>\n&#8222;Es geht um Menschen und Verhalten&#8220;, fasste Moderator Ranft zusammen. &#8222;Wir k\u00f6nnen uns ausrechnen, was passiert, wenn wir so weitermachen wie bisher&#8220;, sagte der Wetterexperte angesichts des Klimawandels, der die Menschheit ernsthaft bedrohe. Es gehe &#8222;&#8220;m das gro\u00dfe Ganze&#8220;.<br \/>\nDie Stadt Marburg hat die &#8222;Marburger Dialoge zur Verkehrsentwicklung&#8220; gestartet, um gemeinsam mit der Bev\u00f6lkerung das gesamtst\u00e4dtische Verkehrs-<br \/>\nund Mobilit\u00e4tskonzept voranzubringen. Bei der zweiten Dialogveranstaltung am Dienstag (28. April) ab 19.30 Uhr im TTZ geht es um &#8222;Impulse f\u00fcr einen nachhaltigen Wirtschaftsverkehr&#8220;. Beim &#8222;Tag der Mobilit\u00e4t&#8220; am Dienstag (30. Juni) dreht sich die Veranstaltung im TTZ ab 19.30 Uhr um &#8222;Impulse f\u00fcr die Stadt von morgen&#8220;.<\/p>\n<p>* pm: Stadt Marburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie werden Menschen dazu bewegt, umweltfreundliche Verkehrsmittel wie Busse und Fahrr\u00e4der zu benutzen? 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