{"id":466,"date":"2017-05-01T16:26:12","date_gmt":"2017-05-01T14:26:12","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=466"},"modified":"2017-05-01T16:26:12","modified_gmt":"2017-05-01T14:26:12","slug":"vielfalt-oder-einfalt-1-mai-mit-lautstarker-kritik-an-spies","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=466","title":{"rendered":"Vielfalt oder Einfalt: 1. Mai mit lautstarker Kritik an Spies"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wir sind viele; wir sind Eins&#8220;, lautete das Motto zum 1. Mai 2017. Tats\u00e4chlich beteiligten sich am Montag (1. Mai) mehr als 1.000 Menschen an der Demonstration zum &#8222;Tag der Arbeit&#8220; in Marburg. <!--more--><br \/>\nMit Parolen und Wechselges\u00e4ngen heizte der &#8222;Jugenbblock&#8220; an der Spitze des Zuges Demonstrierenden und Passanten ein. Aktive verschiedener Jugendorganisationen sorgten nicht nur f\u00fcr gute Stimmung, sondern auch f\u00fcr ein frisches Bild von einer jungen Gewerkschaftsbewegung.<br \/>\nAuf dem Marktplatz begr\u00fc\u00dfte der dGB-Kreisvorsitzende Pit Metz Gewerkschafter in aller Welt. Doch noch w\u00e4hrend der Begr\u00fc\u00dfung von Streikenden in Brasilien und in Detroit versagte die Tonanlage und zwang ihn zur Fortsetzung seiner Rede bei der Abschlussveranstaltung auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz.<br \/>\nDort erinnerte Metz die mittlerweile \u00fcber 1.200 Anwesenden daran, das Arbeitnehmerrrechte nicht vom Himmel gefallen sind, sondern in jahrzehntelangen K\u00e4mpfen hart erstritten wurden. Gleichzeitig mahnte er zur Solidarit\u00e4t mit Besch\u00e4ftigten in Textilfabriken in Pakistan oder Bergwerken in S\u00fcdafrika sowie mit verfolgten Gewerkschaftern in Indien oder der T\u00fcrkei.<br \/>\nAber auch in Deutschland sei nicht alles gut, auch wenn das h\u00e4ufig behauptet werde. Als Beispiele nannte er die prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse insbesondere von Frauen und die ungerechte Verteilung des Reichtums. Die reichsten 10 Prozent der Bev\u00f6lkerung bes\u00e4\u00dfen hierzulande 70 Prozent des gesamten Privatverm\u00f6gens, prangerte er an.<br \/>\nMit der &#8222;Agenda 2010&#8220; und &#8222;Hartz IV&#8220; habe der damalige Bundeskanzler Gerhard Schr\u00f6der gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung an den Rand der Gesellschaft gedr\u00e4ngt. Wenn nun behauptet werde, diese angebliche &#8222;Reform&#8220; sei Ursache des heutigen Wohlstands in Deutschland, dann treibe das die Abgeh\u00e4ngten geradezu in die Arme von rechtspopulisten und Neofaschisten.<br \/>\nUnter lautem Beifall der Anwesenden forderte Metz eine Sozialreform, die diesen Namen wirklich verdiene. Dabei reiche es nicht aus, Hartz rosa anzustreichen; vielmehr m\u00fcsse die Verteilungsgerechtigkeit vom Grund her angegangen werden.<br \/>\nZudem sprach sich der DGB-Kreisvorsitzende f\u00fcr eine solidarische Gesellschaft aus, die nicht Fl\u00fcchtlinge bek\u00e4mpfe, sondern die Ursachen ihrer Flucht. Dazu geh\u00f6re der Einsatz f\u00fcr gerechtere Verh\u00e4ltnisse weltweit. Im Wahljahr m\u00fcssten die Parteien diese Reformen mit Unterst\u00fctzung der sechs Millionen Mitglieder des DGB notfalls auch gegen Widerstand der Unternehmer durchsetzen, forderte Metz.<br \/>\nDer Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund verdeutliche auf erschreckende Weise die menschenverachtende Logik des neoliberalen Kapitalismus: Um B\u00f6rsenkurse zu steigern, werde auch der Tod von Menschen in Kauf genommen. Insofern habe sich der Attent\u00e4ter streng an die Logik gehalten, die auch Textilfabriken oder Atomkonzerne verfolgten.<br \/>\nMit langanhaltendem Beifall wurde Metz nach seiner Rede von der B\u00fchne entlassen. Das anschlie\u00dfende Gru\u00dfwort des Oberb\u00fcrgermeisters Dr. Thomas Spies hingegen wurde durch laute Proteste jugendlicher Gewerkschafter zun\u00e4chst verz\u00f6gert und dann behindert. &#8222;Wer einmal l\u00fcgt, dem glaubt man nicht&#8220;, skandierten sie in Anspielung auf die vom Oberb\u00fcrgermeister angestrebte Gro\u00dfe Koalition im Rathaus und den dabei geplanten Sozialabbau.<br \/>\nSouver\u00e4n stellte sich Spies jedoch dieser Kritik. Die jungen Leute forderte er auf, ihre Transparente nicht allein nur zum Publikum hin zu zeigen, sondern auch ihn wissen zu lassen, was darauf zu lesen ist.<br \/>\nIhrer Kritik an K\u00fcrzungen im Kulturbereich und bei sozialen Projekten widersprach er mit der Anmerkung, dass der Kulturetat der Universit\u00e4tsstadt Marburg von 2016 auf 2017 um mehr als 2 Millionen Euro steige. Damit entkr\u00e4ftete er jedoch nicht die Kritik an K\u00fcrzungen von rund 600.000 Euro bei Kultur- und Sozialprojekten in der Stadt, die trotz der Steierung in anderen Bereichen vorgesehen ist.<br \/>\nMit hilfe des Mikrofons konnte Spies die Sprechch\u00f6re \u00fcbert\u00f6nen. Seine vorbereitete Rede zur &#8222;Leitkultur&#8220;-Debatte von Innenminister Thomas de Maiziere ging inhaltlich allerdings weitgehend unter. &#8222;Leitkultur&#8220; sei f\u00fcr ihn das Grundgesetz, erkl\u00e4rte Spies, w\u00e4hrend das H\u00e4ndesch\u00fctteln f\u00fcr ihn als Arzt eher die Verbreitung von Bakterien f\u00f6rdere.<br \/>\nStinksauer reagierte der DGB-Kreisvorsitzende Metz auf die andauernde St\u00f6rung der Rede des Oberb\u00fcrgermeisters. &#8222;Damit habt Ihr den Gewerkschaften einen B\u00e4rendienst erwiesen&#8220;, meinte er und verwies auf das Motto, das die Einigkeit der Gewerkschaftsbewegung aus historischen Erfahrungen heraus nicht ohne Grund einfordere.<br \/>\nUngest\u00f6rt konnte anschlie\u00dfend Landr\u00e4tin Kirsten Fr\u00fcndt ihre Rede halten. Sie verwies darauf, dass prek\u00e4re Lebensbedingungen zuallererst in den Kommunen zu bemerken seien. Deswegen sprach auch sie sich f\u00fcr mehr soziale Gerechtigkeit aus.<br \/>\nDie letzte Rede hielt eine Vertreterin der Gewerkschaftsjugend. Sie prangerte die prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnisse an, unter denen Auszubildende bei geringer Bezahlung und unsicheren Zukunftsaussichten ins Berufsleben einsteigen.<br \/>\n&#8222;In den guten alten Zeiten&#8220; lautete der Titel des ersten Lieds, das Kai Degenhardt anschlie\u00dfend vortrug. Sein Vater Franz Josef Degenhardt hat diese ersch\u00fctternde Schilderung des Lebens nach einem Atomkrieg vor mehr als 50 Jahren geschrieben. Doch gerade angesichts der weltpolitischen Lage nach dem Amtsantritt des US-Pr\u00e4sidenten Donald Trump ist dieser poetische Text erschreckend aktuell.<br \/>\nAbwechselnd trug Degenhardt zur Gitarre dann eigene Lieder und Lieder seines Vaters vor, bevor er zum Schluss ein bekanntes Chanson von Georges Brassens neu \u00fcbersetzte. Die alte \u00dcbertragung des &#8222;Lieds f\u00fcr meine revolution\u00e4ren Freunde&#8220; von Walter Mossmann indes besitzt mehr Charme und mehr Substanz als Degenhardts neue Vertonung. Insgesamt kann er gleichzeitig vom poetischen Reichtum seines Vaters profitieren und dessen gro\u00dfe Fu\u00dfstapfen kaum wirklich ausf\u00fcllen.<br \/>\nUnmittelbar nach Degenhardts Auftritt setzte ein Nieselregen ein, der die \u00fcbrig gebliebenen Gewerkschafter dann bald auseinandertrieb. Zur\u00fcck blieb die Auseinandersetzung mit der Frage, wie weit berechtigte Kritik gehen darf und soll oder ob der Respekt vor einer anderen Auffassung sowie eine demokratische Grundhaltung nicht voraussetzt, dem Anderen zuzuh\u00f6ren und ihn ausreden zu lassen. Rosa Luxemburg formulierte die Antwort vor fast 100 Jahren schon deutlich: &#8222;Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.&#8220;<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir sind viele; wir sind Eins&#8220;, lautete das Motto zum 1. Mai 2017. Tats\u00e4chlich beteiligten sich am Montag (1. 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