{"id":4621,"date":"2020-01-16T12:07:55","date_gmt":"2020-01-16T11:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=4621"},"modified":"2020-01-16T12:07:55","modified_gmt":"2020-01-16T11:07:55","slug":"theater-ueber-theater-nora-oder-ein-puppenheim-nach-henrik-ibsen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=4621","title":{"rendered":"Theater \u00fcber Theater: &#8222;Nora oder ein Puppenheim&#8220; nach Henrik Ibsen"},"content":{"rendered":"<p>Gro\u00dfst\u00e4dte wie Berlin und Hamburg feiern Audiodeskription f\u00fcr Blinde derzeit als neue Errungenschaft. Beim Hessischen Landestheater Marburg (HLTM) geh\u00f6rt sie bereits seit Anfang 2017 zum festen Programm. <!--more--><br \/>\nIm Herbst 2018 hat Christin Ihle die Bildbeschreibungen \u00fcber Funk per Kopfh\u00f6rer von dem fr\u00fcheren Dramaturgen Franz Burkhard \u00fcbernommen. Bei der Inszenierung von &#8222;Nora oder ein Puppenheim&#8220; war sie auch f\u00fcr die Dramaturgie zust\u00e4ndig. Den h\u00e4ufig gespielten B\u00fchnenklassiker von Henrik Ibsen hat Laura N. Junghanns in ein Theater der heutigen Zeit \u00fcbertragen.<br \/>\n45 Minuten vor Beginn der Auff\u00fchrung am Mittwoch (15. Januar) zeigte Ihle den Sehbehinderten und Blinden die B\u00fchne im &#8222;Gro\u00dfen TaSch&#8220;. Sie besteht auf einem Kasten, der sich auf einem Podest befindet. Mit einer Scheibe ist er vom Zuschauerraum abgetrennt.<br \/>\nAll das w\u00fcssten sehbeeingtr\u00e4chtigte Theaterbesucherinnen und -besucher ohne ihre Beschreibungen ebensowenig wie die Sprechrichtung der Darstellerinnen und Darsteller oder das Aussehen ihrer Kleidung und ihrer Per\u00fccken. Mit wenigen kurzen Worten verschaffte Ihle den Sehbeeintr\u00e4chtigten in Sprechpausen oder w\u00e4hrend der Musikeinspielungen einen &#8222;\u00dcberblick&#8220; \u00fcber das Geschehen auf der B\u00fchne. Ihre Beschreibungen waren pr\u00e4zise und aufschlussreich.<br \/>\nDie zweist\u00fcndige Inszenierung hat Ibsens Handlung in ein Theater verlegt. Regisseur Lars Krogstad probt dort mit Nora und ihrem Ehemann Torsten Helmer das Theaterst\u00fcck des norwegischen B\u00fchnenautors. Dabei erleben Nora und Thorsten genau das, was Ibsen seiner Protagonistin und ihrem Ehemann zugeschrieben hat.<br \/>\nLars erpresst Nora wegen eines alten Schuldscheins. Darauf hat sie die Unterschrift ihres bereits verstorbenen Vaters gef\u00e4lscht, der f\u00fcr die Sicherheit des Darlehens b\u00fcrgen sollte. Thorsten darf nichts davon erfahren, obwohl ihr &#8222;Verbrechen&#8220; ihm das Leben gerettet hat.<br \/>\nTheaterintendant Dr. Nils Rank ist schwer erkrankt und \u00fcbergibt Thorsten die Intendanz. Sofort feuert er Lars. Daraufhin droht der dienst\u00e4ltere Schauspieler, Noras Geheimnis auffliegen zu lassen.<br \/>\nAus Ibsens Drama um Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit hat Junghans eine Auseinandersetzung um Macht und Machtmissbrauch zwischen den Geschlechtern gemacht. Die &#8222;#Metoo&#8220;-Debatte hat dabei unverkennbar Pate gestanden. Auch die j\u00fcngste Studie \u00fcber die ungerechte Verteilung von Machtpositionen in deutschen Theatern wurde zitiert.<br \/>\nWeitgehend stimmig ist Junghans diese \u00dcbertragung unter R\u00fcckgriff auf 80 Prozent des Originaltexts gelungen. Gegen Ende hingegen ufert ihre Inszenierung leider aus und setzt auf einige alberne Gags. Mehr Ernsthaftigkeit h\u00e4tte dem Ende sicherlich gutgetan.<br \/>\nDie beiden unterschiedlichen Schlussvarianten von Ibsen problematisiert Junghans ebenfalls. Klar ist jedoch, dass allein die 1879 ver\u00f6ffentlichte Ursprungsversion mit dem T\u00fcrenknallen in Frage kommen kann. Allein sie verdeutlicht die Dramatik des Themas auch mehr als 140 Jahre nach dem Erscheinen des Werks<br \/>\nAls Nora Helmer \u00fcberzeugte Mechthild Grabner ebenso wie Lisa Grosche als Kristine Linde. Robert Oschmann mimte den angehenden Theaterintendanten und &#8222;\u00fcberlegenen&#8220; Ehemann Torsten Helmer genauso gekonnt wie Metin Turan den sehr differenziert angelegten Erpresser Lars Krogstad. Lediglich Sven Brormann wirkte als Dr. Rank mit einer zu hoch verschobenen Fistelstimme eher anstrengend und minderte dadurch ein wenig sein darstellerisches K\u00f6nnen.<br \/>\nInsgesamt war die Inszenierung trotz der Kritik einiger Theaterg\u00e4ste, dass das Theater hier wieder einmal &#8222;Nabelschau&#8220; betreibe und &#8222;sich selbst in den Mittelpunkt&#8220; r\u00fccke, aber durchaus \u00fcberzeugend. Noch \u00fcberzeugender war jedoch die Audiodeskription der Theaterdramaturgin Ihle, die mit wenigen Worten ein anschauliches Bild der Szenerie auf der B\u00fchne malte.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfst\u00e4dte wie Berlin und Hamburg feiern Audiodeskription f\u00fcr Blinde derzeit als neue Errungenschaft. 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