{"id":2661,"date":"2018-09-22T17:12:50","date_gmt":"2018-09-22T15:12:50","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=2661"},"modified":"2018-09-23T18:10:05","modified_gmt":"2018-09-23T16:10:05","slug":"zwei-stuecke-maria-stuart-von-schiller-und-ulrike-maria-stuart-von-jelinek","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=2661","title":{"rendered":"Zwei St\u00fccke: &#8222;Maria Stuart&#8220; von Schiller und &#8222;Ulrike Maria Stuart&#8220; von Jelinek"},"content":{"rendered":"<p>Mit einer Doppelpremiere startete das HLTM am Freitag (21. September) in die neue Spielzeit. Gut drei Stunden lang stand dabei die Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht im Mittelpunkt. <!--more--><br \/>\nUnmittelbar im Anschluss an die <a href=\"http:\/\/marburg.news\/?p=2660\">feierliche Spielzeitter\u00f6ffnung<\/a> begann die Premiere des Klassikers &#8222;Maria Stuart&#8220; von Friedrich Schiller im vollbesetzten Erwin-Piscator-Haus (EPH) zun\u00e4chst mit Musik. Zenzi Huber sang sehr gekonnt \u00fcber ihr Leid und schl\u00fcpfte dabei in die Rolle der schottischen K\u00f6nigin Maria Stuart. Nachdem ihr Volk sie verd\u00e4chtigt hatte, den eigenen Gatten ermordet zu haben, hatte sie sich an ihre Halbschwester Elisabeth im Nachbarland Englang gewandt und um deren k\u00f6niglichen Schutz gebeten.<br \/>\nDoch Elisabeth l\u00e4sst ihre Halbschwester verhaften. Ein 42-k\u00f6pfiges Gericht verurteilt die schottische K\u00f6nigin wegen Mordes und Hochverrats zum Tode. Schlie\u00dflich hatte Maria Stuart zuvor auch Anspr\u00fcche auf den englischen Thron erhoben.<br \/>\nMaria indes zweifelt die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit dieses Todesurteils an. Nicht nur die Verweigerung einer Konfrontation mit den Zeugen im Verfahren erkl\u00e4rt sie f\u00fcr unrechtm\u00e4\u00dfig, sondern auch die Richter. Nach englischen Recht d\u00fcrften nur Gleiche \u00fcber Gleiche richten und somit \u00fcber sie als K\u00f6igin nur K\u00f6nige.<br \/>\nHeimlich \u00fcberbringt Sir Mortimer ihr einen Brief ihres Onkels aus Frankreich. Der junge Mann hat sich in die sch\u00f6ne K\u00f6nigin verliebt und m\u00f6chte sie befreien.<br \/>\nMaria schickt ihn zum Grafen von Leicester, der ebenfalls in Maria verliebt ist, aber auch um die englische K\u00f6nigin Elisabeth wirbt. Ihm gelingt es, ein zuf\u00e4lliges Treffen der beiden K\u00f6niginnen zu arrangieren. Dabei kommt es jedoch nicht zum erhofften Gnadenakt, sondern zu einer Konfrontation zwischen den beiden stolzen Frauen.<br \/>\nAuf beiden lastet die B\u00fcrde ihres k\u00f6niglichen Amts. Beide w\u00fcrden gern nach ihrem Gewissen entscheiden, k\u00f6nnen sich der Zuneigung ihrer Verehrer aber nicht sicher sein. Was ist wahre Liebe und wer umgarnt sie nur wegen ihres Standes?<br \/>\nNach der Pause f\u00fchrte die Inszenierung der Intendantin Eva Lange Schillers Klassiker seinem dramatischen Ende zu. Nach einer kurzen Zwischenmusik schl\u00fcpfte ein Darsteller in den \u00f6sterreichischen Akzent und begann mit der Aufforderung &#8222;Hosen runter&#8220; die Inszenierung von &#8222;Ulrike Maria Stuart&#8220; von Elfriede Jelinek. Die Literaturnobelpreistr\u00e4gerin aus Wien hat in diesem St\u00fcck die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof mit Maria Stuart verglichen und so die Debatte \u00fcber Macht und Ohnmacht aus dem 17. Jahrhundert ins 20. \u00fcbertragen.<br \/>\n&#8222;Kapitalismus ist ein Hypochonder&#8220;, hei\u00dft es da. Ihm gehe es immer schlecht. Er bedrohe die Menschenund werde deswegen bald sterben m\u00fcssen.<br \/>\nGudrun Ensslin und Andreas Baader sind nicht einverstanden mit einer Aktion von Meinhof gegen die BILD-Zeitung. Letztlich steht sie au\u00dferhalb der Gruppe. In der Isolationshaft von Stuttgart-Stammheim sterben die Attent\u00e4ter der &#8222;Roten Armee-Fraktion&#8220; (RAF) schlie\u00dflich.<br \/>\nMit mal feiner Ironie, mal deutlicher Distanzierung stellten die Schauspieler die Positionen der RAF zur Diskussion. Jelineks literarischer Text spitzt sie mitunter zu und macht sie gelegentlich auch richtig l\u00e4cherlich. All diese Nuancen brachten die Darstellenden gekonnt auf die minimalistisch ausgestattete B\u00fchne des EPH.<br \/>\nVor allem Christian Simon hatte als Mortimer wiederholt mit der mangelnden Akustik im EPH zu k\u00e4mpfen. Auch Huber gelang es nicht immer, ihren Text deutlich ins Publikum zu \u00fcbermitteln. Dieses alte Problem des Saals ist leider auch nach dem Umbau immer noch nicht gel\u00f6st und tr\u00fcbte die Wahrnehmung mehrerer Premiereng\u00e4ste sehr stark.<br \/>\nKein Problem damithatte Mechthild Grabner als Elisabeth und Gudrun Ensslin. Auch J\u00fcrgen Helmut Keuchel kennt diese Problematik schon lange genug, um ihr erfolgreich zu widerstehen. Als Baron von Burleigh beeindruckte er durch s\u00fcffisante Anspielungen, feinsinnige Drohungen und &#8211; mit leisen T\u00f6nen selbst gegen\u00fcber der K\u00f6nigin Elisabeth hart durchgesetzte &#8211; Macht.<br \/>\nInsgesamt \u00fcberzeugten alle Schauspieler durch darstellerische Qualit\u00e4ten. Metin Turan als Graf von Leicester wirkte dabei von allen am schw\u00e4chsten, war aber immer noch gut.<br \/>\nAuch Langes Inszenierung war durchaus gelungen. Abgesehen von ihrer L\u00e4nge und dem daraus resultierenden Ausfransen gegen Ende brachte sie eine sehr zeitgem\u00e4\u00dfe Auseinandersetzung mit Macht und Intrigen, der Glaubw\u00fcrdigkeit und Ehrlichkeit von Politik sowie der Ohnmacht der scheinbar M\u00e4chtigen auf die B\u00fchne. Die Verkn\u00fcpfung der beiden St\u00fccke zu einem Gesamtkunstwerk erwies sich dabei als durchaus sinnstiftend, weil gerade auch sie sowie die vorangegangenen Reden zur Spielzeiter\u00f6ffnung Schillers Klassiker mitten in die Diskussion um die Bef\u00f6rderung des AfD-nahen Verfassungsschutzpr\u00e4sidenten Hans-Georg Maa\u00dfen r\u00fcckten.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einer Doppelpremiere startete das HLTM am Freitag (21. September) in die neue Spielzeit. Gut drei Stunden lang stand dabei die Auseinandersetzung mit Macht und Ohnmacht im Mittelpunkt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[3],"tags":[1567,1568,1569],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-GV","jetpack-related-posts":[{"id":5013,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=5013","url_meta":{"origin":2661,"position":0},"title":"Widerspr\u00fcchliche Charaktere: Mechthild Grabner spielte Elisabeth und Nora","date":"26. April 2020","format":false,"excerpt":"\"Widerspr\u00fcchliche Charaktere reizen mich\", sagt Mechthild Grabner. 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