{"id":2597,"date":"2018-09-02T15:24:21","date_gmt":"2018-09-02T13:24:21","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=2597"},"modified":"2018-09-05T07:43:49","modified_gmt":"2018-09-05T05:43:49","slug":"am-antikriegstag-knapp-200-menschen-beim-2-marburger-friedensforum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=2597","title":{"rendered":"Am Antikriegstag: Knapp 200 Menschen beim 2. Marburger Friedensforum"},"content":{"rendered":"<p>Das 2. Marburger Friedensforum fand am Samstag (1. September) auf dem Lutherischen Kirchhof statt. Bei Sonnenschein, Kaffee und Kuchen sowie lateinamerikanischen Rhythmen feierten knapp 200 Menschen dort ein Friedensfest zum Antikriegstag. <!--more--><br \/>\nEingeladen hatte die Marburger Friedensinitiative &#8222;Nein zum Krieg&#8220; gemeinsam mit zwei Dutzend anderer Organisationen. F\u00fcr die Veranstalter begr\u00fc\u00dfte Ralf Schrader zun\u00e4chst die Stadtverordnetenvorsteherin Marianne W\u00f6lk. Sie dr\u00fcckte ihre Freude dar\u00fcber aus, dass so viele Menschen sich in Marburg f\u00fcr Frieden und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung einsetzen.<br \/>\nDeutlich kritisierte die SPD-Kommunalpolitikerin die geplante Erh\u00f6hung des R\u00fcstungshaushalts und die Genehmigung von Waffenexporten. Ihre pers\u00f6nliche Auffassung dr\u00fcckte sie in der Hoffnung aus, dass die Bev\u00f6lkerung und gerade die Friedensbewegung Druck auf die Regierung entfalten sollten, um eine striktere R\u00fcstungskontrolle und Regelungen zur Nichtverbreitung auch von sogenannten &#8222;Kleinwaffen&#8220; durchzusetzen. Die bisherige Kontrolle reiche hier offensichtlich nicht aus.<br \/>\nIn einer anschlie\u00dfenden Diskussionsrunde er\u00f6rterten Vertreter von Gewerkschaften und Kirche sowie Vertreterinnen der Wissenschaft die Frage &#8222;Was n\u00fctzt dem Frieden?&#8220;. Moderiert wurde die Runde von dem Friedensforscher PD Dr. Johannes M. Becker.<br \/>\nR\u00fcstungskontrolle m\u00fcsse politisch durchgesetzt werden, forderte der Gewerkschafter Daniel Blatz. Die Ausarbeitung von Konzepten zur Konversion von R\u00fcstungsbetrieben habe zwar zu einer Diversifikation der Gesch\u00e4fte von R\u00fcstungskonzernen gef\u00fchrt und damit die Arbeitspl\u00e4tze dort unabh\u00e4ngig von der Waffenproduktion gemacht, die milit\u00e4rischen Produktlinien jedoch nicht ersetzt. Die angestrebte Schlie\u00dfung der Waffenfertigung k\u00f6nne nicht die IG Metall durch entsprechende Vorschl\u00e4ge der Betriebsr\u00e4te, sondern nur ein Verbot erreichen.<br \/>\nAuch die Wissenschaft verf\u00fcge nur \u00fcber begrenzte M\u00f6glichkeiten zum Umsteuern, erkl\u00e4rte die Friedensforscherin Melanie Hartmann. Zwar f\u00e4nde die Friedens- und Konfliktforschung inzwischen schon mehr Geh\u00f6r bei der Politik als in ihren Anfangszeiten, doch reichten ihre Wirkungsm\u00f6glichkeiten bei Weitem noch nicht aus. Zudem m\u00fcsse sich die Wissenschaft immer fragen, ob ihre Erkenntnisse zum Wohle Betroffener eingesetzt werden oder zu deren Nachteil.<br \/>\nAls negatives Beispiel nannte Hartmann Kulturwissenschaftler, die die US-Army oder die Bundeswehr bei ihrem Einsatz in Afghanistan beraten haben. Deshalb forderte die Friedensforscherin eine parteiische Wissenschaft ein, die sich nicht hinter vermeintlicher Neutralit\u00e4t versteckt, sondern Partei insbesondere f\u00fcr die Schw\u00e4cheren ergreift. Neutralit\u00e4t oder Objektivit\u00e4t sei allein schon angesichts der Auswahl von Forschungszielen ohnehin nur eine Illusion.<br \/>\nBei ihrer Forschung zum Thema Flucht und Vertreibung wollte Hartmann deshalb mehr Augenmerk auf die Perspektive der Gefl\u00fcchteten legen. Bereits das obligatorische Interview der Bundesagentur f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (BAMF) k\u00f6nne f\u00fcr gefolterte Fl\u00fcchtlinge eine starke emotionale Belastung darstellen und ihre Retraumatisierung bewirken. Noch bedrohlicher m\u00fcssten die Hetze von Rechtspopulisten oder Vorf\u00e4lle wie in Chemnitz auf sie wirken.<br \/>\nNicht zuletzt zum Schutz von Gefl\u00fcchteten mit besonders dramatischem Schicksal bieten die beiden gro\u00dfen christlichen Kirchen in Deutschland deshalb das Kirchenasyl an. Dekan Burkhard Zurnieden bklagte jedoch, dass dieses &#8222;Ventil&#8220; immer mehr unter politischen Druck gerate. Dieser Druck belaste die Gemeinden zus\u00e4tzlich zu den Kosten, die sie f\u00fcr die betroffenen Menschen \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<br \/>\nL\u00e4ngst k\u00f6nne die Kirche nicht mehr allen Schutz bieten, die ihn dringend ben\u00f6tigen. Zehn- bis 20mal mehr Menschen suchten um Kirchenasyl nach, als daf\u00fcr Pl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung stehen. Vor allem junge M\u00e4nner mit einem Dublin-Verfahren und einer drohenden &#8222;R\u00fcckf\u00fchrung&#8220; nach Italien m\u00fcsse die Kirche trotz ihres bitteren Schicksals dort von vornherein abweisen.<br \/>\nDie Zivilgesellschaft forderte Zurnieden auf, politischen Druck zugunsten des Kirchenasyls und gegen seine Einschr\u00e4nkung aufzubauen. Das Kirchenasyl diene nicht nur als &#8222;Ventil&#8220; f\u00fcr m\u00f6glicherweise fehlerhafte Anerkennungsverfahren, sondern auch als konkreter Schutz f\u00fcr verfolgte Menschen. Humanit\u00e4t und der Schutz von Menschen seien Kernthemen des christlichen Glaubens, die auch in ihrer praktischen Auspr\u00e4gung nicht beschnitten werden d\u00fcrften.<br \/>\nZum Abschluss wandte sich die Literaturwissenschaftlerin PD Dr. Maximiliane J\u00e4ger-Gogoll der Literatur zum Thema Krieg und Frieden zu. Romane und Dramen zu diesem Thema gebe es zuhauf. \u00dcber die Jahrhunderte hinweg h\u00e4tten sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller immer wieder mit den verheerenden Folgen von Krieg und dem Traum von Frieden auseinandergesetzt.<br \/>\nBei diesem thema k\u00f6nnten Lehrende und Lesende in die Vollen greifen, meinte sie. Man m\u00fcsse die Menschen nur zum Lesen bewegen, damit sie die Greuel des Kriegs auch auf der individuellen Ebene von Einzelschicksalen nacherleben k\u00f6nnten.<br \/>\nMit einer Warnung beendete J\u00e4ger-Gogoll ihren Diskussionsbeitrag. Bereits die Notizb\u00fccher des Romanisten Prof. Dr. Viktor Klemperer zeigten auf erschreckende Weise, wie auf die Verrohung der Sprache schon bald auch die Verrohung der Sitten und letztlich k\u00f6rperliche Gewalt folgen. W\u00f6rter wie &#8222;Transitzentren&#8220;, &#8222;Frontex&#8220; oder auch &#8222;Abbschiebung&#8220; kritisierte die Literaturwissenschaftlerin ebenso als b\u00fcrokratische Verharmlosung unmenschlicher Praktiken wie die sich ausbreitende entmenschlichende Sprache der Rechtspopulisten.<br \/>\n&#8222;Rositas Puppenb\u00fchne&#8220; und &#8222;The Underground Groove Society&#8220; sorgten trotz der ernsten Diskussion f\u00fcr eine heitere Stimmung auf dem Platz rund um die Lutherische Pfarrkirche. Beendet wurde das 2. Marburger Friedensforum am Abend mit einem Friedensgebet.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 2. Marburger Friedensforum fand am Samstag (1. September) auf dem Lutherischen Kirchhof statt. Bei Sonnenschein, Kaffee und Kuchen sowie lateinamerikanischen Rhythmen feierten knapp 200 Menschen dort ein Friedensfest zum Antikriegstag.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true},"categories":[5,3,2,4],"tags":[261,169,701],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p8mhvd-FT","jetpack-related-posts":[{"id":16152,"url":"http:\/\/marburg.news\/?p=16152","url_meta":{"origin":2597,"position":0},"title":"Weitere Verrohung: Aktivit\u00e4ten zum Antikriegstag 2024 in Marburg","date":"19. August 2024","format":false,"excerpt":"\"Verhandeln statt Schie\u00dfen! 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