{"id":2426,"date":"2018-07-17T09:54:49","date_gmt":"2018-07-17T07:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/marburg.news\/?p=2426"},"modified":"2018-07-18T10:04:51","modified_gmt":"2018-07-18T08:04:51","slug":"gegen-moralische-insolvenz-gut-800-menschen-demonstrierten-fuer-seenotrettung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/marburg.news\/?p=2426","title":{"rendered":"Gegen moralische Insolvenz: Gut 800 Menschen demonstrierten f\u00fcr Seenotrettung"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Menschenrechte erhalten: F\u00fcr Asyl, gegen politische Verrohung&#8220; lautete das Motto einer Kundgebung am Montag (16. Juli) auf dem Marktplatz. Die Zahl der Teilnehmenden \u00fcbertraf dabei alle Erwartungen der Organisatoren erheblich. <!--more--><br \/>\nHatten sich die Demonstrierenden anfangs am oberen Marktplatz neben dem Marktbrunnen aufgestellt, so zogen sie schnell hinunter zum Rathaus. Als der Friedensforscher PD Dr. Johannes M. Becker kurz nach 17 Uhr die Kundgebung der Gruppe &#8222;200 nach Marburg&#8220; und des &#8222;Kerner-Netzwerks&#8220; er\u00f6ffnete, war der gesamte Platz voll von Menschen.<br \/>\nMit einem Zitat des fr\u00fcheren CDU-Bundesministers Norbert Bl\u00fcm begann Becker <a href=\"http:\/\/hu-marburg.de\/2018\/07\/17\/rede-von-johannes-becker-fuer-asyl-gegen-politische-verrohung\/\">seine Rede<\/a>. Wenn die Europ\u00e4ische Union (EU) mit ihren gut 500 Millionen nicht einmal f\u00fcnf Millionen Fl\u00fcchtlinge aufnehmen k\u00f6nne, dann solle sie &#8222;den Laden dichtmachen wegen moralischer Insolvenz&#8220;.<br \/>\nAnschlie\u00dfend nannte Becker Zahlen aus dem j\u00fcngsten Bericht der UN-Organisation f\u00fcr Migration. Demnach sind im ersten Halbjahr 2018 in ganz Europa nur gut 65.000 Gefl\u00fcchtete angekommen. 2017 waren es im ganzen Jahr weniger als 110.000, berichtete Becker.<br \/>\nDemgegen\u00fcber habe der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ausgerechnet, dass Deutschland jedes Jahr 400.000 zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tige, um Renten und Pflege dauerhaft zu sichern. Becker erinnerte an hugenottische Fl\u00fcchtlinge im 18. Jahrhundert sowie die Fl\u00fcchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg wie auch die Millionen von &#8222;Gastarbeitern&#8220;, die Deutschland bereichert und ihm Wohlstand beschert haben.<br \/>\nEin Vertreter der Gruppe &#8222;Dissident&#8220; machte anschlie\u00dfend in seiner Rede den &#8222;Kapitalismus&#8220; f\u00fcr die moralische Misere verantwortlich. Waffenhandel und Agrarexporte der EU in afrikanische L\u00e4nder seien Fluchtursachen, die im derzeit herrschenden Wirtschaftssystem aber wohl kaum ernsthaft bek\u00e4mpft werden d\u00fcrften. Stattdessen lenke die Debatte \u00fcber Fl\u00fcchtlinge von wichtigen sozialen Problemen ab, erkl\u00e4rte er.<br \/>\nZwei Vertreter der neu gegr\u00fcndeten Gruppe &#8222;Seebr\u00fccke Marburg&#8220; berichteten von der Situation der Seenotretter auf Malta. Dazu verlasen sie einen Brief der Retter, die die Festsetzung von drei Schiffen und eines Flugzeugs sowie dreier &#8222;hoch motivierter und erfahrener Crews&#8220; anprangertn. Der Brief endete mit einem gro\u00dfen Dank an alle, die in Deutschland f\u00fcr die Seenotrettung auf die Stra\u00dfe gehen.<br \/>\nAnya Allouch von &#8222;Medinetz&#8220; Marburg berichtete von ihrer Arbeit. Die Gruppe organisiert medizinische Hilfe f\u00fcr Menschen, die \u00fcber keine Krankenversicherung verf\u00fcgen. Dabei arbeitet sie mit \u00c4rzten zusammen, die auf ihr Honorar verzichten.<br \/>\nZu den Menschen ohne Krankenversicherung geh\u00f6rten Obdachlose ebenso wie Gefl\u00fcchtete, berichtete sie. Eigentlich sei es Aufgabe des Staates, das Recht aller Menschen auf Leben und K\u00f6rperliche Unversehrtheit sicherzustellen, fordert sie; da das nicht geschehe, m\u00fcsste sich &#8222;Medinetz&#8220; halt dieser lebenswichtigen Aufgabe annehmen.<br \/>\nDen h\u00e4ufig geh\u00f6rten Slogan &#8222;Seenotrettung ist kein Verbrechen&#8220; findet Julia Flechtner von der DGB-Jugend zu defensiv. Daraufhin erscholl es aus der Menge: &#8222;Seenotrettung ist Pflicht. Ein Verbrechen ist, wenn nicht!&#8220;<br \/>\nDie Verbreitung menschenfeindlicher \u00c4u\u00dferungen gerade gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten f\u00fchrte Flechtner auf das sogenannte &#8222;Framing&#8220; rechtspopulistischer Kreise zur\u00fcck, die Begriffe wie &#8222;Asyltourismus&#8220; bis in die mitte der Gesellschaft hinein verankerten. Eine wichtige Rolle spielten dabei radikale Burschenschaften aus Marburg. Als wichtige Aufgabe bezeichnete sie deshalb die Erforschung rechtsradikaler Strukturen im Marburger Verbindungswesen und deren Beziehungen zu Neonazis und zur AfD.<br \/>\nAls &#8222;B\u00fcrger Marburgs, Hessens, Europas und als Weltb\u00fcrger&#8220; stellte sich Prof. Dr. Ulrich Wagner zu Beginn seiner Rede vor. Zum ersten und einzigen Mal sei er auf Deutschland &#8222;so etwas wie stolz&#8220; gewesen, als Ende 2015 eine gigantische Welle der Hilfsbereitschaft das Land erfasste, um Gefl\u00fcchteten beizustehen. Die Entscheidung der Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Grenzen nicht zu schlie\u00dfen, habe er voll und ganz unterst\u00fctzt.<br \/>\nUmso besch\u00e4mter zeigte sich Wagner jetzt angesichts der Ver\u00e4nderungen in der Debatte gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten. Obwohl deren Zahl massiv gesunken ist, werde ihre Einreise nun als gro\u00dfes Problem dargestellt, w\u00e4hrend ihre Schicksale in der Debatte h\u00e4ufig untergingen. Anstatt Fluchtursachen wie den Waffenhandel und ungerechte Wirtschaftsstrukturen zu kritisieren, w\u00fcrden Gefl\u00fcchtete und ihre Retter kriminalisiert.<br \/>\nAls m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen Gesinnungswandel bot der Psychologe die Tendenz vieler Menschen an, die Augen vor Problemen zu verschlie\u00dfen, die sie selber nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen. Indem sie andere zu &#8222;Schuldigen&#8220; erkl\u00e4ren, seien sie dann nicht mehr verantwortlich f\u00fcr das Elend der welt.<br \/>\nDennoch endete Wagners Rede mit gro\u00dfer Genugtuung. &#8222;Wir hatten 30 bis 80 Menschen hier erwartet&#8220;, erkl\u00e4rte er. &#8222;Es erf\u00fcllt mich mit Freude und Hoffnung, das hier heute so viele Menschen gekommen sind.&#8220;<br \/>\nIm Anschluss an die Kundgebung liefen knapp 500 Menschen mit Forderungen wie &#8222;Seebr\u00fccke statt Seehofer&#8220; vom Marktplatz durch die Marktgasse, die Wettergasse und die Neustadt, den Steinweg hinab und durch den Pilgrimstein, die Deutschhausstra\u00dfe und die Biegenstra\u00dfe zum Gerhard-Jahn-Platz. Bei den Lahnterassen am Elisabeth-Blochmann-Platz endete die Demonstration der Gruppe &#8222;Seebr\u00fccke Marburg&#8220; mit einem Gruppenfoto. Angesichts der &#8211; inzwischen auf gut 800  Teilnehmende angewachsenen &#8211; Menge fanden darauf jedoch lange nicht alle Demonstrierenden Platz.<\/p>\n<p>* Franz-Josef Hanke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Menschenrechte erhalten: F\u00fcr Asyl, gegen politische Verrohung&#8220; lautete das Motto einer Kundgebung am Montag (16. Juli) auf dem Marktplatz. 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